«Nora wer?» – Das dachten am 28. Oktober 2012 viele, als sie auf der Liste der hundert gewählten Grossrätinnen und Grossräte den Namen der jungen Grünen entdeckten. Die 26-jährige Nora Bertschi ist in Basel aber noch kein fester Begriff – im Gegensatz etwa zur zwei Jahre jüngeren Sarah Wyss, die es als Präsidentin der Juso mit medienwirksamen Aktionen bereits in den Kreis der städtischen Polit-Prominenz geschafft hat. Bertschi ist nach Wyss die zweitjüngste Parlamentarierin im Grossen Rat und eine von sechs unter 30-Jährigen.

Nora Bertschi ist keine, die mit Pauken und Trompeten einmarschiert. Im Gespräch mit der bz wirkt sie schüchtern, sie spricht leise und wohlüberlegt. Als introvertiert mag sie aber nicht bezeichnet werden: «Alle, die im Grossen Rat politisieren, sind irgendwo extrovertiert», findet sie. Doch auch Mirjam Ballmer, Co-Chefin der Basler Grünen und in dieser Funktion so etwas wie eine Mentorin, sagt über Bertschi: «Sie ist eher ein zurückhaltender Typ.» Wobei zurückhaltend nicht mit träge verwechselt werden darf. Zielstrebig hat Bertschi in den letzten Jahren Studium und berufliche Karriere vorangetrieben.

«Nora will es immer genau wissen»

Nicht mal 27-jährig verfügt sie über einen Masterabschluss in Rechtswissenschaften, einen Bachelor in Soziologie, sie hat über ein Jahr bei der Rechtsauskunft des Gewerkschaftsbundes gearbeitet, die Vaterschaftsvertretung eines Basler Anwalts übernommen und sie war Richterin im Nebenamt am Strafgericht. Derzeit arbeitet sie an der Uni Zürich an ihrer Doktorarbeit. Alles in allem ein Curriculum, das Kompetenz vermittelt – und offenbar die Wähler in Bertschis Wahlkreis Grossbasel-West überzeugt hat. «Sie verfügt zweifellos über politisches Talent», sagt Ballmer, die vier Jahre älter ist als Bertschi und vor Jahren selber als Nachwuchshoffnung der Grünen galt.

Michelle Lachenmeier, Tochter von alt Nationalrätin Anita Lachenmeier, hat mit Nora Bertschi studiert und beim Jungen Grünen Bündnis politisiert. «Nora will es immer sehr genau wissen», sagt Lachenmeier über ihre Kollegin. Bertschi sei nicht eine, die ins Blaue hinaus Vorstösse einreiche. Bevor sie Ende März in ihrer ersten Interpellation dem Ärger darüber Luft machte, dass der Kanton keine Gratis-Grünabfuhr anbieten will, recherchierte sie über die Handhabe in anderen Städten und führte zahlreiche Telefonate mit Fachleuten und der Verwaltung.

«Ich überlege mir stets: ‹Wie könnte man es sonst noch machen?›», sagt Bertschi. Die junge Juristin will sich nicht auf vorschnelle Urteile verlassen. Sorgfältiges Abwägen ist für sie wichtiger Bestandteil der Entscheidfindung. Hat sie sich eine Position zurecht gelegt, vertritt sie diese dann aber hartnäckig. Zur fehlenden Gratis-Grünabfuhr in Basel findet sie klare Worte: «Das ist ein Armutszeugnis.»

Ärger über Einbürgerungs-Nein

Gerechtigkeit und Gleichstellung. Diese beiden Grundsätze bilden das Fundament ihres politischen Wirkens. Geprägt haben Bertschi die ersten Teilnahmen an Gemeindeversammlungen in Möhlin, wo sie aufgewachsen ist. Es war die Zeit, als die Fricktaler Gemeinde balkanstämmigen Familien ohne Angabe von Gründen die Einbürgerung verweigerte und so national zu zweifelhaftem Ruhm als Rebellendorf kam. Bertschi erinnert sich an Gefühle der Machtlosigkeit und der Scham. Aufregen kann sich die junge Juristin auch, wenn Homosexuelle diskriminiert werden. Bertschi ist Mitglied von Amnesty International und des Vereins demokratischer Juristen.

Aus den Grundsätzen Gerechtigkeit und Gleichstellung leitet Bertschi ihr Engagement für eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft, aber auch liberale gesellschaftspolitische Positionen ab. Ginge es nach ihr, so würde die Leihmutterschaft, über die sie in ihrer Dissertation forscht, in der Schweiz zugelassen, aber staatlich kontrolliert werden.

Landleben in der Stadt unmöglich

Nicht ganz unerwartet tritt die Jungpolitikerin auch in der Frage, wie der Staat mit Veranstaltungen im öffentlichen Raum umgehen soll, für eine liberale Handhabe ein. Gemeinsam mit anderen Jungpolitikern setzt sie sich für eine Vereinfachung des Bewilligungswesens ein. Vor allem bei geplanten Veranstaltungen erwarte sie von Anwohnern Toleranz. «Man kann nicht in einer Stadt wohnen, aber ein Landleben führen wollen», findet Bertschi, die in kleinstädtischem Umfeld aufgewachsen ist.

Pragmatisch-liberal lässt sich auch ihre Haltung zu den Wagenburg-Aktivisten am Klybeckquai bezeichnen: «Ich wehre mich dagegen, dass Besetzungen aus Prinzip verteufelt werden.» Solange es keine Konflikte mit Anwohnern oder anderen Nutzungen gebe, könnte man solche Aktivitäten laufen lassen. Allerdings findet Bertschi, dass die Besetzer Wasser und Strom bezahlen müssen. Nicht tolerierbar sei, wenn in das Recht von Dritten eingegriffen werde oder der Staat seine Aufgaben nicht mehr wahrnehmen könne.

Auch hier wägt die Jungpolitikerin ab, beleuchtet unterschiedliche Facetten eines Problems, kommt dann aber doch zu einer klaren Haltung. Wird dies zum Erfolgsrezept der jungen Grossrätin? Für eine Prognose ist es nach drei Monaten im Amt etwas früh. Gewiss ist hingegen: Die unaufgeregte, ruhige Art der Nora Bertschi tut dem Basler Parlament gut.