Die Nahrung tröpfelt aus der Pipette. Nur einige Milliliter Muttermilch füllt die Pflegefachfrau in die durchsichtigen Behälter. Ein erwachsener Mensch würde die Menge auf einmal runterschlucken; für ein zu früh geborenes Kind ist diese Portion eine Mahlzeit.

Alle paar Stunden fliesst das gelblich glänzende Sekret durch die Magensonde der Frühchen, die in den Brutkästen des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB) reifen. Das Trinken müssen sie erst noch lernen. Mit ihren paar hundert Gramm sind sie zu schwach, um selber Nahrung zu sich zu nehmen.

Nicht alle diese Kinder können mit der Milch ihrer Mütter ernährt werden. Wegen der zu frühen Geburt setzt ihr Milcheinschuss verspätet ein oder ihre Produktion fällt zu gering aus. Was über Jahrhunderte die Funktion der Ammen war, übernimmt heute die moderne Milchbank: Mit gespendeter Frauenmilch versorgt sie Frühchen oder kranke Neugeborene.

Nicht nur im UKBB haben die Ärzte festgestellt, dass die kleinsten Patienten dadurch weniger anfällig für nekrotische Darmentzündungen sind – eine Diagnose, die für Frühgeborene tödlich enden kann. Caroline Peter, die Leiterin der Milchbank im UKBB, ist überzeugt: «Ist keine Muttermilch vorhanden, ist die Frauenmilch das Beste für diese Kinder.»

Kriterien neu verschärft

Peter steht in einem schmalen Raum vollgestellt mit Tiefkühlern. Sie sind die eigentliche Milchbank des UKBB. Quollen deren Schubladen im vergangenen Jahr über, herrscht heute Leere. Seit November nahm der Spendenfluss rapide ab. Erklären kann sich Peter dies nicht: «Wir erleben immer wieder Schwankungen. Sie lassen sich beispielsweise mit einer Grippezeit erklären. Dass wir aber in diesem Masse auf die Unterstützung anderer Milchbanken angewiesen sind, gab es noch nie.»

Damit die kleinsten Patienten Basels jenes Naturprodukt erhalten, das bis heute kein Labor in derselben Reichhaltigkeit herstellen konnte, half die Milchbank des Kantonsspitals Aarau mit einigen Fläschchen aus. Trotz dieser kurzfristigen Überbrückung sah sich das UKBB gezwungen, seine Kriterien zu verschärfen. Die Milch musste rationalisiert werden. Erhielten bisher alle Frühgeborenen unter 1800 Gramm Frauenmilch, sind es neu nur noch jene unter 1400 Gramm.

An anderen Schweizer Spitälern finden sich mitunter zwar strengere Regeln, dennoch möchte Caroline Peter die Senkung so rasch wie möglich aufheben. Das UKBB startete deshalb einen Spendenaufruf: Rundmails an Ärzte, Flyer in Kinderarztpraxen oder Informationsblätter an stationäre Mütter sollen die Spenden wieder sprudeln lassen.

In Frage kommen Frauen wie Natascha. Sie bringt an diesem Donnerstagmorgen die ausgeliehene Pumpe ins Kinderspital zurück. Auf dem Arm quäkt ihre kleine Tochter Fiona. Auch sie kam zu früh auf die Welt und war auf die Milch einer fremden Frau angewiesen. «Ich war froh, dass mein Kind das gesündeste und verträglichste Produkt bekam», sagt Natascha.

Als sie später mehr Milch produzierte, als ihre Tochter benötigte, sei es für sie nur logisch gewesen, diese zu spenden. Sie füllte den Gesundheits-Check aus und liess vom UKBB ihr Blut und ihre Milch analysieren.

Ausschlusskriterien für potenzielle Spenderinnen gibt es einige. Hätte Natascha sich in den vergangenen sechs Monaten ein Piercing oder eine Tätowierung machen lassen, wäre sie in einem tropischen Land unterwegs gewesen oder würde sie sich vegan ernähren, hätte das UKBB ihre Milch nicht angenommen. Auch Raucherinnen oder Mütter, die Medikamente erhalten, kommen nicht infrage.

Pasteurisiert und tiefgekühlt

All diese Checks finden im Internet nicht statt. Caroline Peter warnt daher eindringlich vor Online-Plattformen oder Gruppen in sozialen Netzwerken, die Mütter verkuppeln, um sich mit Milch auszuhelfen. In den USA existieren seit längerem solche Börsen. Jene in Deutschland löste eine solch grosse öffentliche Debatte aus, dass sie inzwischen wieder eingestellt ist.

Wie auch bei Blutspenden gelten bei den Schweizer Milchbanken strenge Richtlinien. Wohl auch deshalb sind sie spärlich. Neben Basel gibt es das Angebot nur noch in Aarau, Bern, Luzern, Chur und St. Gallen. Sven Schulzke, Leitender Arzt der Neonatologie am UKBB, sagt, das Basler Kinderspital betreibe die Milchbank, um Frühgeborenen und kranken Neugeborenen «ein optimales Ernährungsangebot» anzubieten.

«Die menschliche Milch ist insbesondere für diese Babys verträglicher», sagt Schulzke. Auf die Frage, wie viel dies kostet, bleibt er vage. Eine Milchbank zu unterhalten, sei sehr aufwendig: «Es bedarf erheblicher personeller und struktureller Ressourcen, um den notwendigen hygienischen Ansprüchen gerecht zu werden».

So stellt das UKBB den Spenderinnen alle Utensilien zur Verfügung und analysiert alle fünf Tage ihre Milch. Um jegliche Keime abzutöten, pasteurisieren Caroline Peter und ihr Team jeden gespendeten Tropfen in einem Wasserbad. Im Tiefkühler bleibt die Milch anschliessend bis zu sechs Monate haltbar, wodurch sich Schwankungen im Spendenfluss ausgleichen liessen. Zumindest bis heute.

Noch im vergangenen Jahr hätte Peter einen solchen Einbruch nicht für möglich gehalten. Die Fläschchen lagerten eingepfercht in der Milchbank. Ein zusätzlicher Tiefkühler musste her, Milchbanken an anderen Spitälern konnte ausgeholfen werden. Sammelte das UKBB im Jahr 2015 den Schweizer Spitzenwert von 386 Litern, waren es im Jahr darauf insgesamt 600 Liter.

Übrig blieb aus dem Rekordjahr indes nichts: Unzählige Male tauchte die Pipette der Pflegefachfrau in den Topf mit dem aufgetauten Sekret und verteilte es in kleinste Dosen. So floss 2016 die Milch durch die Magensonde von insgesamt 154 Frühgeborenen oder kranken Neugeborenen und liess sie wachsen. Auch beim Frühchen Fiona schlug der Zeiger der Waage stets höher aus. Vor kurzem durfte sie nach Hause. Gesund, mithilfe von verschiedenen Müttern.