Der Schritt ist ungewöhnlich. Die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) suchen per Submissionsverfahren eine Temporärfirma, die ihnen Tramchauffeure zur Verfügung stellt. Noch ungewöhnlicher: Der Schritt hin zu einer Aufweichung der Arbeitsbedingungen ist mit den Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern abgesprochen.

Toya Krummenacher, Geschäftsführerin des VPOD Basel, bestätigt den Deal. Bei den Neuverhandlungen des Arbeitszeitreglements für das Fahrpersonal hätten die BVB den Einsatz von Temporär-Chauffeuren eingebracht. Und weil für die Beschäftigten mehr Flexibilität und eine bessere Dienstplanung habe ausgehandelt werden können, habe die Gewerkschaft dem Einsatz von Temporärkräften zugestimmt. Allerdings unter Auflagen. Es gehe maximal um zwölf Fahrer, die gesamthaft nicht mehr als 4000 Fahrstunden jährlich zugeteilt erhalten. Eingesetzt würden sie zudem lediglich, um personelle Engpässe etwa während der Fasnacht oder bei Messen zu überwinden. Die Personalmiete ist gemäss Vereinbarung mit den Arbeitnehmern auf vier Jahre begrenzt.

Ein Auftrag für eine Firma

Gemäss vorliegender Ausschreibung werden die ersten drei Temporär-Kollegen ab Januar 2019 eingeschult und sollen ab Ende Februar für den Einsatz zur Verfügung stehen. Die Auflagen des Bundesamts für Verkehr sind hoch. Regelmässige Gesundheits- und psychologische Abklärungen gehören dazu wie ein einwandfreier Leumund. Zudem eine regelmässige Fahrpraxis. Mindestens 100 Fahrstunden pro Jahr sind verlangt, wobei der Neulenker mindestens 50 Stunden in den ersten zwei Monaten absolvieren muss. Die achtwöchige Ausbildung für einen Temporärfahrer kostet die BVB 25 000 Franken. Darin nicht enthalten und von den BVB auch nicht bezahlt sind allfällige Löhne für den Auszubildenden. Die Chauffeure seien von der Temporärfirma für die Ausbildung «zur Verfügung» zu stellen.
Die Ausschreibung ist offen, die Auswahl an spezialisierten Firmen jedoch so klein, dass sie sich faktisch auf ein Unternehmen beschränkt: auf die in Basel domizilierte MEV Schweiz AG, dem führenden Anbieter von temporär einsetzbarem Eisenbahn-Betriebspersonal. Die MEV stellt europaweit vor allem für Güter-Unternehmen Zugpersonal bereit.

BLT braucht keine Temporäre

Für Andreas Büttiker, Direktor der BLT, kann ein Zuzug von Temporär-Zugführern etwa für Cargo-Betriebe durchaus sinnvoll sein, da die Auftragslage sehr volatil sein könne, mal mehr, mal weniger Personal benötigt werde. Anders bei einem Betrieb wie der BLT. Da sei der Bedarf an Fahrern sehr stabil und langfristig bis auf die Stunde genau planbar. Die BLT, die dreimal jährlich einen Kurs für eine jeweils zehn- bis zwölfwöchige Ausbildung startet, hat nach Auskunft ihres Direktors auch kein Problem genügend Chauffeure zu finden. Auch die BVB bilden Tramfahrer aus; 29 im vergangenen, 18 im laufenden Jahr.

Nur: Nach Schätzung der Gewerkschaften fehlen im Fahrdienst bis zu siebzig Personen. Die BVB sagt dazu bloss, die Personalsituation sei «aktuell eng». Die Misere führt jedoch seit Jahren zu regelmässigen Engpässen. Vor Jahresfrist verschärfte sich die Situation zusätzlich mit der Einführung eines neuen Arbeitsreglements, das etwa den Schichtabtausch unter Kollegen erschwerte und mit dem auch auf Ferienwünsche nur noch bedingt eingegangen wurde. Dieses Reglement wird nun wieder angepasst. Auf schnelle Abhilfe ist dadurch ebenso wenig zu hoffen wie auf die saloppe Social-Media-Kampagne. Die BVB suchten auf diesem Weg kürzlich Chauffeure, die «wie Henker» fahren, was allerdings nicht durchweg positiv ankam.

Zu viele Absenzen

Die eigentliche Ursache für die zu oft leeren Plätze im Führerstand ist aber das offenkundig schwer angeschlagene Arbeitsklima unter den BVB-Chauffeuren. Dieses findet ihren Ausdruck in der hohen Absenzenquote. Diese Quote weist seit Jahren eine steigende Tendenz aus. Lag sie im Jahr 2010 bei 12,9 Arbeitstagen pro Jahr und Mitarbeiter stieg sie auf über 20 Tage im vergangenen Jahr an.

BVB-Direktor Erich Lagler erteilte 2016 dem Betrieb die Vorgabe, die Tage mit krankheits- und unfallbedingten Absenzen hätten sich bis 2020 kontinuierlich auf zehn Tage pro Jahr und Vollzeitmitarbeiter zu reduzieren. Während Laglers imaginäre Kurve kontinuierlich nach unten weist, schlägt die tatsächliche Verlaufskurve steil nach oben aus. Für das Geschäftsjahr 2016 konnte offiziell zwar ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr ausgewiesen werden, wenn auch nur mittels trickreicher neuer Berechnungsmethode. Nach alter Zählart kletterte sie weiter hoch.

Zwischen 2016 und 2017 explodierte die Zahl geradezu von 18,5 auf 22,5 Absenztage pro Mitarbeiter. Nach neuer Zählart wurden im neuesten Geschäftsbericht immerhin 20,4 Tage ausgewiesen. Gemäss Laglers Wunschkurve wäre der Wert noch bei 14,3 Tagen gelegen. Wären seine Vorgaben tatsächlich erfüllt, wäre der Zuzug von Temporärmitarbeitern vollständig hinfällig geworden. Die BVB hätten genug Tramchauffeure.