Herr Brenneisen, alles Jammern und Powerplay hatte bislang keinen Erfolg. Bundesrat Alain Berset hält an der Preissenkung wegen des schwachen Eurokurses für vorerst 800 Medikamente im Umfang von 240 Millionen Franken fest. Warum ist Big Pharma verärgert?

Der Entscheid von Bundesrat Berset ist aus unserer Sicht nicht glücklich. Er erfolgte einseitig ohne Einvernehmen mit der Pharmaindustrie. Wir sind aber überzeugt, dass in dieser Revision der Verordnung zum Krankenversicherungsgesetz (KVV) noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Die Pharmaindustrie erwartet, dass alle betroffenen Parteien die Sache an einem Tisch noch einmal diskutieren.

Berset bezeichnet den Kompromiss der Preissenkung jedoch weiterhin als ausgewogen.

Ich glaube nicht, dass Herr Berset dies allein festlegen kann. Immerhin hat der Gesamtbundesrat Motionen angenommen, die mit einem Masterplan den Forschungs- und Pharmastandort Schweiz revitalisieren wollen. Diesen Plan und damit auch die Preissenkungen wollen wir mit allen Beteiligten diskutieren. Es geht auch um den therapeutischen Quervergleich, der in der KVV gestrichen werden soll. Dazu sieht die Wechselkurs-Regelung nur den Fall vor, dass die Preise gesenkt, aber nicht, dass die Preise je nach Wechselkurs auch erhöht werden können.

Hat sich der Bundesrat bei Ihnen gemeldet?

Nein. Bislang haben wir nichts gehört. Und dies, obwohl auch die Sozial- und Gesundheitskommission des Nationalrates in einer Motion angehalten hat, das Gespräch mit den Pharmaindustrie zu suchen.

Die KVV gilt seit Mai: Wird Novartis gegen Preisverfügungen vorgehen?

Wir haben noch keine Verfügung erhalten. Wir evaluieren die Rechtmässigkeit und prüfen, die Preise anzufechten.

Sie jammern, dass der Bundesrat einen Eurokurs von Fr. 1. 29 verrechnet. Andere Branchen kämpfen mit dem Kurs von Fr. 1.20. Sollen die Krankenkassen-Prämien den Pharmastandort Schweiz finanzieren?

So stellt sich das nicht dar. Es ist wichtig, dass der Auslandpreisvergleich nicht zu einem überbewerteten Wechselkurs gemacht wird, denn wenn sich der Kurs erholt, können die Preise nicht angehoben werden. Auch darf die Arbeitsplatzfrage nicht ausgeklammert werden: In der Schweiz macht Novartis rund 640 Millionen Franken Umsatz, investiert aber 4,2 Milliarden Franken im Jahr in den Standort – das sind 26-mal der Profit von Novartis Schweiz. Zudem übersteigen die Steuern, die Novartis und ihre Mitarbeitende in der Schweiz zahlen, den Schweizer Umsatz bei weitem – den Umsatz und nicht etwa den Gewinn wohlverstanden.

Sie sind in einer komfortablen Lage: Die Pharmaindustrie verfügt über ein einzigartiges Patentrecht und erst noch über regulierte Preise.

Das ist gerade das Problem. Wir arbeiten in einem regulierten Umfeld, in dem der freie Wettbewerb eingeschränkt und die Preisausgestaltung nicht frei ist. Wenn dann noch diese Regulierung vorsieht, dass jede negative Wechselkursänderung auf die Inlandspreise durchschlägt, die positiven aber nicht, dann haben wir ein Problem. Umso mehr als die Kosten für die Entwicklung eines neuen Moleküls heute durchschnittlich 1,5 Milliarden Franken betragen.

Novartis wie Roche machten 2011 über 9 Milliarden Franken Gewinn. Warum regen Sie sich so auf?

Ich sehe einfach nicht ein, dass die Medikamente die grossen Preistreiber im Gesundheitsbereich sein sollen. 2010 machten die Arzneimittel gemäss Bundesamt für Statistik noch 9,7 Prozent (2009: 10,1 Prozent) der Gesundheitskosten aus – die ambulante Behandlung aber 32,5 Prozent und die stationäre Behandlung 45,4 Prozent. Warum man in der Schweiz nicht das gesamte Kostenbild der Gesundheit unter die Lupe nimmt: Warum leisten wir uns über siebzig Krankenkassen, warum explodieren die Kosten im stationären und ambulanten Bereich? Mit ist klar, dass ein Politiker lieber bei den Medikamenten spart, als sich mit der Forderung nach einer Spitalschliessung unbeliebt zu machen.

Was fordern Sie?

Es gilt endlich einmal, Fiktion und Fakten auseinanderzuhalten. In einer Interpharma-Umfrage sagen 54 Prozent der Bevölkerung, dass die Medikamenten-Preise in den letzten Jahren massiv gestiegen seien, was nachweislich nicht stimmt. Und über 50 Prozent meinen, dass die Medikamentenpreise schuld an den hohen Kassenprämien seien.

Droht jetzt eine Verlagerung in die wachsenden Märkte Asiens und Arbeitslosigkeit in der Schweiz?

Nein, die Schweiz bleibt attraktiv. Die Rahmenbedingungen müssen aber stimmen, sonst stehe ich als Novartis-Schweiz-Chef auf verlorenem Boden, wenn ich die Konzernleitung für Investitionen in Forschung und Produktion hierzulande begeistern will. Die Rekrutierung von hoch qualifiziertem Personal, gute Ausbildungsstätten, akzeptable Steuern, eine ideale Infrastruktur (Verkehr, Energie) und politische Stabilität sind wichtig.

Trotz allem Jammern auf einem hohen Niveau investiert Novartis viel Geld in den Standort Schweiz.

Wir investieren nicht nur in Basel, sondern auch in Stein (AG) 500 Millionen, in Schweizerhalle (BL) 42 Millionen und in Nyon 40 Millionen Franken. Dazu schaffen wir in Freiburg (FR) neue Büros für unsere Augenheilmittel-Tochter Alcon und in Rotkreuz (ZG) 400 neue Arbeitsstellen nach dem Auszug aus Bern. Wir sind gegenwärtig an 12 Standorten in verschiedenen Landesteilen vertreten. Aus Freiburg exportieren wir Waren im Wert von vier Milliarden Franken im Jahr, aus Stein Waren immerhin im Wert von total sechzehn Milliarden Franken.

Sie sind jetzt seit über hundert Tagen im Amt als Chef von Novartis Schweiz: Gefällt Ihnen der neue Job?

Es ist faszinierend. Im Basler Campus arbeiten über 7000 Mitarbeitende aus über hundert Ländern. Ich sehe es als meine Aufgabe an, für gute Rahmenbedingungen zu kämpfen, damit Novartis weiterhin in den Schweizer Standort investiert. Jede Stelle, die wegfällt, tut mir persönlich weh. Ich will auch mit allen Regierungen der Kantone, wo Novartis eine Firma hat, vom Tessin bis Basel ins Gespräch kommen. Eine andere Aufgabe ist derzeit die Integration unserer Augenheilmittel-Tochter Alcon in der Schweiz sowie die Zusammenführung unserer Schweizer Geschäftseinheiten am neuen Standort in Rotkreuz (ZG)

Eine Forschungsabteilung wurde letztes Jahr von Basel nach Boston verschoben. Droht ein weiterer Auszug aus der Rheinstadt?

Im Gegenteil: Ich bin sehr optimistisch. Es ist nach wie vor unsere Absicht, den Campus bis 2030 weiter auszubauen – um so die Zahl der Mitarbeitenden von derzeit 7000 auf 10000 zu steigern.