Elsässer Parlamentswahlen
Novartis-Mitarbeiterin geht für den Front National auf Stimmenfang

Katia Di Leonardo arbeitet seit 30 Jahren in Basel – zuerst bei Ciba-Geigy und heute bei Novartis. Sie kandidiert im südlichsten elsässischen Wahlkreis, der an Basel und das Baselbiet angrenzt und bis in den Sundgau reicht. Ein Augenschein an ihrer Wahlveranstaltung in Village-Neuf.

Peter Schenk
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Gewinnen dürfte sie nicht, aber zumindest für den zweiten Wahlgang am 18. Juni könnte es reichen. Katia Di Leonardo will Abgeordnete in Paris werden.

Gewinnen dürfte sie nicht, aber zumindest für den zweiten Wahlgang am 18. Juni könnte es reichen. Katia Di Leonardo will Abgeordnete in Paris werden.

Charles-Andre habib

Neuwähler dürfte Katia Di Leonardo (50) an diesem heissen Abend kaum von den Thesen des Front National (FN) überzeugt haben. Neben einigen Familienmitgliedern sind es vor allem FN-Anhänger und Parteimitglieder, die den Weg ins Restaurant Le Cerf in Village-Neuf, vier Kilometer nördlich von Basel, gefunden haben. Di Leonardo kandidiert bei den anstehenden französischen Parlamentswahlen vom 11. und 18. Juni im 3. Wahlkreis des Departements Haut-Rhin, der von Saint-Louis bis weit in den Sundgau reicht.

43,6 Prozent hat Marine Le Pen kürzlich hier im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen erzielt. Das sind fast zehn Prozentpunkte mehr als im übrigen Frankreich. Das Elsass ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Rechtspopulisten, und seitdem Marine Le Pen versucht, die Partei mit ihrer Strategie der «Entdiabolisierung» vom äussersten rechten Rand abzugrenzen, wird sie auch in der Region zunehmend für bürgerliche Kreise wählbar.

Nicht als FN-Wähler outen

Öffentlich als FN-Wähler outen wollen sich viele Elsässer hingegen nur ungern. Auch deshalb führt Di Leonardo nur diese eine Wahlversammlung durch und macht lieber Wahlkampf auf Märkten wie in Altkirch oder Saint-Louis.

Dass sie als Grenzgängerin für eine nationalistische und protektionistische Partei kandidiert, empfindet sie nicht als Widerspruch. «Der FN setzt sich zwar dafür ein, Franzosen in Frankreich bevorzugt zu beschäftigen, aber wenn man keine Stelle in Frankreich findet, ist man gezwungen, dorthin zu gehen, wo es Arbeit gibt», erklärt sie im Gespräch mit der bz. «Eine andere Kandidatin hat mir gesagt, dass die Schweiz die meisten Arbeitsplätze in der Grenzregion stellt. Ich habe ihr geantwortet: Das ist gut, aber es wäre besser, wir hätten diese ganzen Stellen in Frankreich.»

Di Leonardo ist im Alter von neun Jahren mit ihren italienischen Eltern aus den Abruzzen nach Village-Neuf gekommen und hat stets hier oder im benachbarten Huningue gelebt. Als Grenzgängerin begann sie vor 30 Jahren als Laborantin bei Ciba-Geigy und ist heute in Basel bei Novartis tätig.

Nur gerade ein gutes Dutzend Personen sind zu der Versammlung gekommen. Fast jeder begrüsst einen freundlich mit Handschlag. Auch ein Mann mit langem Pferdeschwanz ist unter den Zuhörern: Di Leonardos Stellvertreter Fabrice Lengy trägt bunt glitzernde Stecker in beiden Ohrläppchen. Er ist pensionierter Berufssoldat und war früher als Ausbildner tätig. Damals hat er Ohrringe bei seinen Soldaten nicht durchgehen lassen und kräftig dran gezogen, um ihnen klar zu machen, dass das für den Kampf nicht die beste Ausrüstung sei. Heute ist er pensioniert, da dürfe er selber Ohrringe tragen.

Lengy ist für den Sundgau zuständig, schon «ewig» Anhänger des FN, wie er betont, aber wie Di Leonardo erst 2014 in die Partei eingetreten. Als Kandidatin für die Grenzregion wurde sie aufgestellt, weil sie durch ihr Engagement für eine karikative Organisation sehr gut vernetzt ist in der Grenzregion. Wie diese heisst, darf sie nicht sagen. «Sie waren dort nicht begeistert von meinem politischen Engagement», erklärt sie.

Sie betrachtet sich als altruistisch. «Ich höre sehr auf die Leute und bin für sie da. Wegen der steigenden Arbeitslosigkeit gibt es ständig mehr Personen, die in Schwierigkeiten kommen. Deshalb habe ich Ende der 90er Jahre den Verein mitgegründet. Wir helfen allen.» Das gelte auch für Ausländer.

Eine Rolle bei ihrer Auswahl zur Kandidatin dürfte auch ihre langjährige Grenzgängertätigkeit gespielt haben. Unter den Grenzgängern ist das Protestpotenzial aufgrund der langjährigen Auseinandersetzungen um die Krankenversicherung gross. Neu müssen sich diese in der wesentlich teureren staatliche Kasse in Frankreich versichern lassen. «Das ist, um die Löcher zu stopfen, die durch die Ausländer entstehen», ruft es aus dem Saal.

Zumindest während der ersten Hälfte des Treffens bildet dieser Zwischenruf die Ausnahme. Di Leonardo skizziert ihr Programm, und die Leute hören zu. Sie beginnt beim Thema Grenzgänger, für die sie einen Sonderstatus erreichen und deren Interessen sie verteidigen will. «Die Abgaben nehmen ständig zu, und die Kaufkraft sinkt. Die Grenzgänger werden vom Staat ausgenommen», empört sie sich.

Sonderspur für Grenzgänger

Härtere Grenzkontrollen, für die sie eintritt, seien unproblematisch. «Deshalb bin ich ja für eine Extraspur oder einen elektronischen Badge für die Grenzgänger.» Überhaupt: Ein Chaos würde es nicht geben. «Ich fahre oft über die Grenzen. Die Schweizer Grenzwächter sind oft da, halten Autos an und kontrollieren. Schärfere Kontrollen würden also keine Probleme schaffen», stösst sie nach.

Es gibt weitere Punkte im Programm, die spezifisch auf die Grenzregion abgestellt sind. Die Verteidigung des Sonderstatus des Euro-Airports, endlich ein angemessenes Parking für die Camions bei der Zollabfertigung an der Autobahngrenze Saint-Louis/Basel oder die Förderung des öV. So begrüsst Di Leonardo die 3er-Tramverlängerung nach Saint-Louis, hätte aber lieber gesehen, dass das Zentrum der südelsässischen Stadt durch die Verlängerung des 11er-Trams erschlossen wird. Das könnte alles so auch im Programm eines bürgerlichen oder Mitte-Links-Kandidaten stehen.

Lebendig wird es im Saal, wenn von Ausländern und Immigration die Rede ist. «Unser Land wird überrollt. Ich will diese Leute hier nicht. Deshalb bin ich im FN!» Oder: «Ich bin Franzose und will es bleiben», heisst es da. Die Migranten würden finanziell stärker unterstützt als die Einheimischen. Ein anderer Mann klagt: «Für die Problemviertel ist Geld da, aber für die Dörfer nicht, weil wir zu nett sind.»

Di Leonardo sieht das so: «Es tut mir weh zu sehen, wenn die Fremden gegenüber den Unsrigen bevorzugt werden.» Ihre Lösungen für Frankreich sind der Austritt aus EU und Euro, die Bevorzugung der Franzosen und der französischen Wirtschaft und Produkte insbesondere in der Landwirtschaft. Für die Migranten, deren Asylanträge sowieso zu 80 Prozent abgelehnt würden, sollte man in ihren Heimatländern Auffanglager schaffen, damit sie gar nicht erst nach Europa kommen.