Beginnt im August das neue Schuljahr, betreten in Basel-Stadt nicht nur Hunderte von aufgeregten Schülerinnen und Schülern Neuland. Auch ein Lehrerteam steht vor einer ihm bisher unbekannten Situation: In das Sevogel-Schulhaus tritt ein Kind ein, das hochallergisch auf Nüsse reagiert.

Der Mediensprecher des Erziehungsdepartements, Simon Thiriet, bestätigt auf Anfrage, dass die Schule deshalb teilweise ein Nussverbot erlässt: «Das gilt einzig für die entsprechende 1. Klasse und nicht für die anderen Schülerinnen und Schüler am Sevogel.»

Konkret heisst das: Keine Znünis mit Nüssen mitbringen. Und: Die Klassen-Gspäänli müssen vor dem Unterricht ihre Hände gründlich waschen, damit sie keinerlei Spuren ihres Frühstücks oder Mittagessens in das Klassenzimmer einschleppen. Die Eltern würden gerade über diese Vorsichtsmassnahmen mit einem Brief informiert, sagt Thiriet. Zudem gibt die Mutter Auskünfte am ersten Schultag und am Elternabend.

Medikamente stehen bereit

Erklärt sie der Klasse, was die Folgen einer allergischen Reaktion sind, wird im Klassenzimmer bereits ein Notfall-Set installiert sein. Auch die Lehrerinnen und Lehrer des Kindes wissen, was zu tun ist. Sie würden von einem Kinderarzt geschult, sagt Thiriet: «Sie bieten bei jedem Anfall die Sanität auf. Mit den Medikamenten des Notfall-Sets können sie zudem die Zeit bis zum Eintreffen des Notfallwagens überbrücken.»

Diese Sets hängen nicht nur im Klassenzimmer, sondern in sämtlichen Räumen, in denen die Klasse unterrichtet wird. Entsprechend gelte das Nussverbot auch in «allen Zimmern, die die Klasse besucht».

Doch wie will die Schule gewährleisten, dass es dort nicht zu einem Kontakt mit Nussspuren kommt? «Hat die Klasse beispielsweise Werkunterricht, muss der Arbeitsplatz des Kindes vorgängig geputzt werden», sagt Thiriet. Auf dem Pausenplatz gelte das Nussverbot vorerst nicht.

Damit beschreitet das Sevogel-Schulhaus einen anderen Weg als die Schulleitung in Lausen. Diese sorgte vor einem Jahr für Schlagzeilen, weil sie das gesamte Schulareal zur nussfreien Zone erklärt hatte. Die Reaktionen fielen heftig aus. Die betroffene Familie wurde beleidigt; Schulleiter Urs Beyeler erhielt diffamierende E-Mails.

Das hat sich geändert, die Anschuldigungen wichen der Solidarität (die bz berichtete). Die Massnahmen in Basel-Stadt will Beyeler nicht kommentieren; er kenne das Kind nicht: «Jeder Fall muss situativ betrachtet werden, wobei das Alter der Kinder, der Ausprägungsgrad der Anaphylaxie und das schulische Umfeld eine Rolle spielen.»

Für zumindest ein Kind in seiner Schule hätte ein Nussverbot nur im Klassenzimmer nicht gereicht. «Es leidet an einer besonders heftigen Allergie, weshalb wir das Maximum an Vorkehrungen zur Risikominimierung getroffen haben», sagt Beyeler. Im Nachhinein würde er nochmals gleich entscheiden.

Kathrin Scherer ist Allergologin am Basler Universitätsspital. Ein komplettes Nussverbot, wie es Lausen ausgesprochen hat, empfehle sie nur in äusserst seltenen Fällen, sagt sie: «Insbesondere bei einer grossen Schule mit mehreren hundert Kindern ist dies kaum umsetzbar. Dann kann das Label ‹nussfrei› auch eine trügerische Sicherheit vorgaukeln.»

Realistischer sei es, in der unmittelbaren Umgebung des Kindes Massnahmen zu ergreifen. «Ein Klassenzimmer lässt sich kontrollieren. Besuchen die Kinder dieselbe Klasse, sind sie relativ rasch sensibilisiert. Es liegt ihnen viel daran, dass dem Allergiker nichts zustösst», sagt Scherer.

Enge Zusammenarbeit

Gemäss der Ärztin leiden in unseren Breitengraden zwischen drei und acht Prozent der Kinder an einer Nahrungsmittelallergie. Scherer betont, dass in der Statistik sämtliche Betroffene erfasst sind. Hochallergisch und somit von lebensgefährlichen Reaktionen betroffen seien Einzelfälle. «Tritt aber ein solches Kind in die Schule ein, ist es zentral, dass Eltern, Ärzte und Lehrer eng zusammenarbeiten. Es braucht viel Erfahrung, um die Situation richtig einschätzen zu können», sagt Scherer.

Deshalb steht das Sevogel-Schulhaus auch in Kontakt mit dem Kindergarten, den das Kind bereits besucht hat. Gemäss Mediensprecher Thiriet herrschte dort ein komplettes Nussverbot. In Absprache mit den Eltern und der Schulleitung werde nun vorerst mit einem Nussverbot in der Klasse begonnen: «Sollten wir erkennen, dass sich das Ganze nicht umsetzen lässt, gehen wir wieder über die Bücher. Wir möchten dem Kind aber das grösstmögliche Mass an Normalität bieten.»