Jeder andere hätte sie überhört. Zwei Ingenieure, die in einer Bar sitzen und plaudern. Über eine Erdgas-Förderplattform im Mittelmeer, über Sicherheitsmassnahmen und die Gefahr in der Überdruckkammer: Ein falscher Griff und Leben stehen auf dem Spiel. Halt was Ingenieure so reden. Was die beiden aber nicht wissen: Am Nebentisch sitzt der italienische Künstler Yuri Ancarani und hört nicht wie der Rest weg, sondern umso genauer hin. Ein Ort, an den kaum jemand hinkommt! Hochsicherheit! Geheime Abläufe!
Er muss da hin.

Ein Jahr später sitzt Ancarani mit seinem hochgeschätzten Soundtechniker beim Arzt. Was der nicht weiss: Der Techniker ist blind. Darf er auch nicht wissen. Yuri Ancarani hat ein ganzes Jahr investiert, die Typen von der Erdgas-Plattform davon zu überzeugen, dass er mit seinem Team mit in diese Überdruckkammer darf. Endlich willigten sie ein, unter der Bedingung, dass sich alle vorher einer medizinische Untersuchung unterziehen.

Wenn jetzt rauskommt, dass der blind ist, ist die Sache gelaufen. Aber Ancarani ist guter Dinge, die beiden sind extra viel zu spät gekommen, haben sich vorbereitet. Und haben Glück: Der Arzt ist in Eile, er winkt sie durch.

Kleiner Mensch in grosser Welt

Ein paar Wochen später stehen sie endlich in der Dekompressionskammer – Yuri, sein Team und der blinde Soundtechniker. Alles lief wie geplant, die Arbeit beginnt. Bis jemand plötzlich panisch bemerkt: «Moment mal, der Techniker ist blind!». Ancarani zuckt mit den Schultern. Ja. Aber jetzt seien sie nunmal die nächsten fünf Tage hier unten. Da müsse man das Beste draus machen. An die Arbeit!

Elena Filipovic lacht, als sie die Geschichte erzählt. Die Direktorin der Kunsthalle Basel kennt Dutzende solche Anekdoten und sie klingen alle gleich: Ein auf den ersten Blick unscheinbarer Italiener, der an die unmöglichsten Orte will und es immer irgendwie schafft. Wie ein richtig guter Reporter, aber mit einem Auge für das, was im gewöhnlichen Journalismus kaum Platz hat: das Sublime.

Sublim ist etwas Erhabenes, eine Anmutung von Grösse, die über das gewöhnlich Schöne hinausgeht. Googlen Sie Caspar David Friedrichs «Der Mönch». Die ewige Weite der Welt und in ihr der kleine Mensch, voller Bewunderung.

Zurück ins 21. Jahrhundert. Elena Filipovic hat Yuri Ancarani nach Basel geholt und eine Ausstellung gemacht, die sich wie Caspar David Friedrich anfühlt. Ancarani bringt das Gefühl der Romantiker zurück, diese poetische Ehrfurcht vor der Umwelt. Die aber in seinem Fall eine andere ist: Nicht mehr die Natur wird bestaunt, sondern der Mensch. Die acht Videoarbeiten, die er in der Kunsthalle zeigt, handeln alle davon: Was macht den Menschen so magisch? Da ist der braungebrannte Mann «Il Capo», der im Marmorsteinbruch die Bagger orchestriert.

Oben ohne, zerfurchtes Gesicht, Zigarette im Mundwinkel. Und um ihn herum riesige weisse Berge, die später in edle Interieurs eingebaut werden. Es wird nicht geredet, man hört nur die Maschinen, sieht das gleissende Weiss hinter der dunklen Haut. Jede Einstellung ein perfektes Bild. Ancarani brauchte Monate, um den Mann zu überzeugen.

Laute Haitianer, leise Scheichs

Weiter hinten in der Ausstellung: eine grosse Gruppe Haitianer, die sich in einer Zeremonie ihre «Zombies» austreiben. Laut, tanzend und singend. Dazwischen Aufnahmen von wilden Ziegen, die nachts über die Friedhöfe hüpfen, von Mausoleum zu Mausoleum. Im Raum darauf das andere Ende des Spektrums: Katarische Scheichs, die gelangweilt in prunkvollen Sälen rumsitzen, Falke auf dem Arm, Leopard an der Leine. Am Ende wird der Falke auf eine Taube losgelassen. Ein Wimpernschlag und sie ist tot. Die Scheichs lächeln triumphierend.

Es ist grosses Kino, was Ancarani hier zeigt, und grosse Kunst. Und ja, am Ende auch eine grosse Antwort: Die Möglichkeit eines solchen Blicks und unsere Fähigkeit, über das Sehen hinaus zu verstehen – das macht den Menschen magisch.

Yuri Ancarani «Sculture» Kunsthalle Basel. 9. Februar bis 29. April. www.kunsthallebasel.ch.