Anstatt ihr Wochenende zu geniessen, haben sich am Samstag gut 100 Menschen im Unternehmen Mitte getroffen. «Kampagnen-Labor» nannten sie die Veranstaltung, deren Ziel es war, Ideen für die Abstimmungskampagne zum bedingungslosen Grundeinkommen zu entwickeln. Unter den Anwesenden war auch der deutsche Kampagnen- und Strategieberater Julius van de Laar. Er hat sich 2008 als 25-Jähriger in den USA als Wahlkämpfer für Barack Obama engagiert, unterstützte das Wahlkampfteam auch vier Jahre später wieder und entwickelt heute für politische Organisationen, NGOs und Unternehmen strategische Kampagnen.

Herr van de Laar, was war Ihre Rolle am «Kampagnen-Labor»?

Julius van de Laar: Der Unternehmer Armin Steuernagel hat mir von der Idee des «Kampagnen-Labors» erzählt und mich angefragt, ob ich Interesse hätte, von meinen Erfahrungen aus internationalen Wahlkämpfen und Kampagnen zu berichten.

Was halten Sie von der Idee, dass 100 Personen zusammen über eine Strategie nachdenken?

Ich halte es für einen sehr sinnvollen Weg, so zu starten. Zu Beginn einer jeden Kampagne geht es darum, Unterstützer zu mobilisieren und einzubinden. Um sich mit einer Idee identifizieren zu können muss man das Gefühl haben, dass es zu den eigenen Werten passt. So manifestiert sich eine Bewegung. Sobald eine Strategie festgelegt ist, beginnt die eigentliche Arbeit. Ab diesem Zeitpunkt ist es weniger zielführend, wenn ständig alle gefragt werden und mitreden müssen.

Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen?

Ähnlich wie die Mehrheit der Bevölkerung habe ich keine abgeschlossene Haltung dazu. Die Frage die wir uns alle stellen müssen, lautet: Wird unser wirtschaftliches System – so wie es heute ist - auch noch in Zukunft funktionieren? Nicht in den nächsten zwölf Monaten, sondern längerfristig. Die Digitalisierung bringt viele Veränderungen mit sich. Viele der Arbeitsplätze wird es, so wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Ein Umbruch wird kommen. Darauf müssen wir uns einstellen und aktiv vorbereiten.

Menschen mögen aber keine Veränderungen.

Das ist die Erfahrung. Veränderungen fallen den meisten von uns zunächst einmal schwer – das merkt man schon bei Dingen wie der Zeitumstellung. Systemische Veränderung kommt meistens sehr langsam. Ein Beispiel ist die Einführung der Gesundheitsreform in den USA. Jahrzehntelang scheiterten alle Initiativen und erst nach vielen Jahren ist es Barack Obama gelungen, die Reform durchzusetzen. Ähnlich sehe ich das auch bei dieser Initiative in der Schweiz: Es geht darum, den Diskurs zu suchen und die Bevölkerung aufzufordern, in den wichtigen Dialog über die Zukunft des Zusammenlebens und der Arbeit zu gehen. Ziel ist es nicht, den Schalter von heute auf morgen umzulegen.

Wo muss man ansetzen, um Leute von einer Idee wie dem bedingungslosen Grundeinkommen zu überzeugen?

Am Anfang jeder Kampagne stehen ein klares Ziel, eine Strategie und eine übergeordnete Botschaft, welche die Idee tragfähig machen. Zu häufig beginnen Kampagne damit, sich Gedanken um einzelne Massnahmen zu machen, wie zum Beispiel eine Website. Zuerst muss an einer klaren Vision gearbeitet werden, die es schafft, Menschen zu mobilisieren. Gleichzeitig darf man keine falschen Muster aktivieren.

Was für falsche Muster?

In den USA wurde der Klimawandel mit dem Begriff «global warming» kommuniziert. «Warming» ist ein positiv besetzter Begriff: Er hat mit Wärme und Geborgenheit zu tun. Der Klimawandel hat aber nichts mit «warming» zu tun. Viel mehr geht es um die katastrophale Überhitzung unseres Planeten.

Ist «bedingungsloses Grundeinkommen» ein guter Name?

Ohne auf die dahinterstehenden inhaltlichen Forderungen einzugehen, stelle ich mir die Frage: Was im Leben ist schon bedingungslos? Welche Muster aktiviert der Begriff «bedingungslos» bei bestimmten Bevölkerungsgruppen?

Welche Rolle spielt der Gegner bei der Entwicklung einer Kampagne?

Das ist wie bei jeder guten Geschichte: Sie ist nicht spannend, wenn es keine Widersacher gibt. Für eine Kampagne gilt: ohne Polarisierung keine Mobilisierung. Ein Antagonist ist wichtig. Aber viel wichtiger ist eine klare Vision. Wenn das klar ist, kann man auch aufzeigen, was die negativen Konsequenzen sind, wenn das Kampagnenziel nicht erreicht wird. Zu oft arbeiten sich Kampagnen-Teams an den Argumenten der Gegner ab und versuchen, diese zu entkräften. Das alleine ist nicht zielführen. Man sollte die eigene Geschichte erzählen.