Housing first
Obdachlose sollen den Teufelskreis durchbrechen – dank eines neuen Konzepts

Das Konzept «Housing First» soll Obdachlose unterstützen und wird in anderen Ländern seit Jahren angewandt. Nun findet in Basel eine Tagung dazu statt.

Helena Krauser
Merken
Drucken
Teilen
Heiko Schmitz und Partnerin Lilian haben wieder ein Dach über dem Kopf

Heiko Schmitz und Partnerin Lilian haben wieder ein Dach über dem Kopf

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Rund um die Uhr in Alarmbereitschaft, immer unterwegs, kein Rückzugsort, keine ruhige Minute. Lange war das der Alltag von Heiko Schmitz (52). Drei Jahre obdachlos. «Auf der Strasse ist einfach ständig Stress. Mental ist das wahnsinnig anstrengend», sagt er.

Heute ist das anders. Seit Juni 2018 wohnt er gemeinsam mit seiner Partnerin Lilian in einer 2,5-Zimmerwohnung im Wettsteinquartier. Hier kann er im Warmen schlafen, die Tür hinter sich zu machen, Kraft tanken.

Für Heiko und Lilian war die Wohnung ein Geschenk des Himmels. Dieses Glück bleibt aber ein Einzelfall. Für die meisten Obdachlosen bleibt eine eigene Wohnung ein unerreichbares Ziel.

Unerwartet die Liebe gefunden

Lilian und Heiko verhalf ihre herzerwärmende Liebesgeschichte zu der eigenen Wohnung: Im Sommer erschien die Geschichte des Paares auf der Website des Vereins Surprise, in dem die beiden als Stadtführer engagiert sind.

Ihr Schicksal berührte den Präsidenten einer Wohnbaugesellschaft, die anonym bleiben möchte. So sehr, dass er beschloss, ihnen eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Trotz Schulden und mehrerer Einträge im Betreibungsregister.

Die Lebenswege von Heiko und Lilian sind gezeichnet von seelischen und körperlichen Schmerzen. Heiko war ein erfolgreicher Bauführer mit mehreren Mitarbeitern, bis er einige schwerwiegende Arbeitsunfälle erlitt. Die Versicherung wollte nicht bezahlen, kurz danach kündete ihm sein Arbeitgeber, und seine Frau machte nach 22 Jahren per SMS Schluss.

Die Abwärtsspirale hatte nach Heiko gegriffen und riss ihn schliesslich in die Armut und Obdachlosigkeit. Bei Lilian fingen die Probleme schon früher an. Ihre Kindheit war geprägt von Gewalt, Missbrauch und Verlusten. Auch sie lebte lange Zeit auf der Strasse.

Trotzdem obdachlos und verschuldet

Beide hatten nicht mehr daran geglaubt, sich noch einmal voll und ganz auf einen Menschen einlassen zu können. Aber als Heiko Lilian das erste Mal in der Gassenküche sah, war er sofort beeindruckt von ihrer Persönlichkeit: «Ich dachte gleich, sie wäre bestimmt eine gute Stadtführerin.» Deshalb fragte er Lilian, ob sie nicht die Frauenstadtrundgänge übernehmen wolle, für die Surprise noch Leute suchte. Lilian war unsicher. Bei den Surprise-Stadtführungen müsste sie vor grossen Menschengruppen sprechen und viel von sich preisgeben.

Ein ganzes Jahr machte sie sich Gedanken. Dann sagte sie zu. Nach den Touren sassen Heiko und Lilian oft bei «dem Türken ihres Vertrauens» am Wettsteinplatz zusammen und besprachen ihre Erlebnisse. Das gegenseitige Vertrauen wuchs. Irgendwann verliebte sich auch Lilian. Von nun an waren sie zu zweit unterwegs. Obdachlos und verschuldet waren sie trotzdem.

Nicht alle haben so viel Glück

Am Ende des Berichts auf der Website von Surprise stand, dass Heiko und Lilian hofften, bald zusammen ziehen zu können. «In die eigenen vier Wände, wie ein richtiges Ehepaar.» Der Wunsch ging mit der Unterstützung der Wohnbaugesellschaft in Erfüllung.

So viel Glück wie Lilian und Heiko haben aber nicht alle. Der Weg von der Obdachlosigkeit bis zu einer eigenen Wohnung ist oft ein steiniger. Betreibungen und ein fehlender Arbeitsvertrag sind nur die eine Hürde. Der permanente mentale Stress spielt mindestens eine genauso grosse Rolle. «Du versuchst ständig, irgendwie über die Runden zu kommen. Wie soll man da noch etwas anderes auf die Reihe kriegen?», fragt Heiko.

Natürlich gibt es Angebote der Sozialhilfe: die Notschlafstellen und Notwohnungen beispielsweise. «Die sind aber alle an Bedingungen geknüpft und eher als Zwischenlösung geeignet. Privatsphäre hat man dort nicht», sagt Heiko.

«Housing First»: zuerst eine eigene Wohnung, dann der Rest

Das Konzept, welches diese unbefriedigende Situation langfristig lösen könnte, heisst «Housing First». Im Prinzip handelt es sich dabei genau um die Vorgehensweise, wie sie Heiko und Lilian erlebt haben: zuerst eine eigene Wohnung, dann der Rest. Das Konzept wurde in den 90er-Jahren in den USA entwickelt. Mittlerweile wird es auch in Europa angewandt, beispielsweise in Wien, wo bereits sehr gute Ergebnisse verzeichnet wurden.

Zu diesem Thema organisiert der Verein für Gassenarbeit «Schwarzer Peter» zusammen mt der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (SGSP) im kommenden April eine Tagung. «Normalerweise müssen Obdachlose erst ihr Leben auf die Reihe bekommen, um wieder eine eigene Wohnung zu erhalten. ‹Housing First› dreht den Spiess um: erst eine eigene Wohnung, und dann das übrige Leben in den Griff kriegen. Denn ein sicheres Zuhause mit Privatsphäre ist auch eine Frage der Würde», sagt Michel Steiner, Gassenarbeiter beim Schwarzen Peter.

«An der Tagung sollen sowohl Betroffene als auch Experten aus verschiedenen Fachbereichen teilnehmen können», sagt Steiner. Ihm zufolge haben sich neben den Experten aus Wien auch schon einige Mitglieder der Basler Departemente angemeldet. Für die Betroffenen gibt es ein Kontingent an Gratis-Tickets.

Das Konzept stösst auf Zustimmung und Interesse

Die Tagung soll dazu dienen, das Konzept zu diskutieren und gemeinsam Möglichkeiten für die Umsetzung zu finden. Für die Übergangslösung hat der Schwarze Peter allerdings schon genaue Forderungen: «Wohnungen der Immobilien Basel-Stadt (IBS) und, soweit möglich, privater Immobilienfirmen und Genossenschaften sollen an wohnungslose Menschen vermietet werden.»

Geprüft werden sollen laut dem Verein zudem sämtliche freistehenden Gebäude wie beispielsweise Büroräume, Industriegebäude, leerstehende private Liegenschaften, Leerstände zu Spekulationszwecken und Transformationsareale.

Wer heute Schwierigkeiten hat, eine Wohnung zu finden, kann Unterstützung von der IG-Wohnen erhalten – sei es beim Ausfüllen von Formularen, Internetrecherchen oder der Gewährleistung von Sicherheit gegenüber den Vermietern. Die IG-Wohnen ist daher vertraut mit den Bedürfnissen der Wohnungssuchenden mit kleinem Budget oder Schulden.

Den Teufelskreis durchbrechen

Geschäftsleiterin Colette Bühler sieht in dem Konzept Housing First viele Vorteile: «Die Menschen brauchen die Sicherheit ihrer vier Wände, vor allem wenn auch andere Bereiche in ihrem Leben problematisch sind. Wer nach langem Suchen eine Wohnung gefunden hat, hat danach häufig wieder Kraft, sich um Arbeit zu bemühen.» Obdachlos sei es hingegen fast unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden. So befänden sich diese Personen in einem Teufelskreis, den ein Ansatz wie Housing First durchbrechen könnte.

Auch die Sozialhilfe steht dem Konzept interessiert gegenüber: «Gerade für Menschen mit geringer oder fehlender Wohnkompetenz können neue Ansätze, wie Housing First, einen innovativen Weg darstellen, die Wohnungslosigkeit zu reduzieren,» sagt der Amtsleiter der Sozialhilfe Ruedi Illes.

Christoph Brutschin, Regierungsrat und Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt, wird an der Tagung im April das Einstiegsreferat halten. Im Anschluss wollen sich Experten und Betroffene zusammensetzen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen.