Weil am Rhein
Oberbürgermeister: «Weil soll nicht Parkplatz von Basel werden»

Oberbürgermeister Wolfgang Dietz will wie Basel weisse Parkplätze abschaffen – kein Park and ride beim 8er-Tram. Durch das Tram erhofft er sich Entlastung beim Verkehr für Basel und Weil - und engeren gesellschaftlichen und sozialen Kontakt.

Peter Schenk
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Wolfgang Dietz (56, CDU) ist seit 2000 Oberbürgermeister von Weil am Rhein. Nicole Nars-Zimmer

Wolfgang Dietz (56, CDU) ist seit 2000 Oberbürgermeister von Weil am Rhein. Nicole Nars-Zimmer

Herr Dietz, wie empfinden Sie derzeit die Beziehung zu Basel?

Wolfgang Dietz: Als gut und sehr professionell. Bei der Tramverlängerung arbeiten wir gut zusammen. Wir haben auf der deutschen Seite eine ganze Reihe von technisch schwierigen Situationen zu meistern, die mit der Deutschen Bahn zusammenhängen und zu Zeitverschiebungen führten. Ich treffe da auf der Basler Seite durchaus auf Verständnis. Es ist ein wirklich gutes Miteinander.

Wie ist der Stand der Dinge?

Wir sind mit den Baumassnahmen in Friedlingen praktisch fertig und liegen im Zeitplan. Nicht im ursprünglichen Zeitplan sind wir bei der Querung der 14 Gleise der Deutschen Bahn (DB). Unsere ursprüngliche Planung, die von der DB akzeptiert war, sah unter anderem an einer Stelle einen Pfeiler vor. Plötzlich hat sich eine andere DB-Gesellschaft gemeldet, um zu sagen, dort bestehe ein Bauverbot. Ausserdem braucht man bei der Bahn für den Bau Sperrzeiten, die ein Jahr vorher angemeldet werden müssen. Deshalb gehen wir momentan davon aus, dass wir Ende 2014 mit dem Tram fahren können.

Was wird sich durch das Tram für Weil am Rhein ändern?

Ich beobachte schon jetzt, dass die Immobilien in Friedlingen hergerichtet werden. Die Leute investieren in ihre Gebäude. Es wird sich auch bei der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung etwas ändern können; derzeit haben wir in Friedlingen 25 Prozent nichtdeutsche Mitbürger. Das Tram ist das ideale Transportmittel für Pendler. Jeder vierte Weiler arbeitet in Basel, respektive in der Nordwestschweiz. Ein Gutteil wird also hoffentlich auf dieses Transportmittel umsteigen. Damit wird der Standort Friedlingen auch attraktiv für Leute, die in höherwertigen Positionen in Basel arbeiten. Wer aus Norddeutschland kommt, um in Basel in der Chemie zu arbeiten, geht in der Regel dorthin, wo die Schule gut ist, es Bauplätze gibt oder die Verkehrsanbindung stimmt. Das können wir dann ja künftig bieten.

Was bedeutet das Tram für die Beziehung zwischen Basel und Weil?

Ich hoffe auf eine Entlastung beim Verkehr, von der beide profitieren würden. Ich erhoffe mir auch engeren gesellschaftlichen und sozialen Kontakt. Da hängt allerdings viel vom Devisenkurs ab. Für Weiler Jugendliche ist Basel einfach zu teuer – das kann man sich mit deutschem Taschengeld fast nicht leisten. Das ist aber nicht in Stein gemeisselt. So eine Strassenbahnverbindung liegt 100 Jahre. Der Wechselkurs kann sich auch wieder ändern.

Wird der Einkaufstourismus durch das Tram einen Schub bekommen?

Ich habe den Eindruck, dass es in Basel sehr preisbewusste Menschen gibt, dieser Bevölkerungsteil aber ausgeschöpft ist. Man trifft auch viele Eidgenossen, die sehr patriotisch zu dem Thema stehen und sagen, wegen der 3,50 Euro für Alltagseinkäufe fahre ich nicht über die Grenze. Sie verhalten sich vielleicht anders, wenn es um eine Waschmaschine oder mittlere Investitionen geht. Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Händler, mit denen ich spreche, sagen mir alle, Schweizer Kunden seien ungemein treue Kunden. Sie sind bei unserem Handwerk sehr hoch angesehen, weil sie sofort zahlen. Man muss nicht dem Geld hinterher rennen. Ob der Einkaufstourismus zunimmt, ist eine mittelfris- tige Frage. Dafür müssen wir aber auch unser Angebot verbessern.

Im Juli 2011 wurde ein neues Einkaufszentrum am Innenstadtrand bei einer Volksabstimmung abgelehnt. Ist es trotzdem noch aktuell?

Es ist für Weil aus zwei Gründen weiterhin ein Thema. Das eine ist der Mangel an einem urbanen Zentrum. Das zweite ist, dass die Angebotsvielfalt auch für die Weiler selber grösser sein könnte. Um einen Mantel zu kaufen, fahren die Leute nach Lörrach oder Freiburg. Ändern müssen das private Investoren, wir können das Planungsrecht zur Verfügung stellen. Die Hangkante oberhalb des Bahnhofs ist die einzige verbliebene bebaubare Brachfläche, die wir haben. Formalrechtlich dürfen wir aber dort drei Jahre lang nicht mehr das gleiche Konzept realisieren.

Gibt es denn Interessenten?

Zwei Bewerber von damals haben zusammengespannt und erklärt, sie könnten sich eine Entwicklung ohne das bestehende Kaufhaus Kaufring vorstellen. Wir klären derzeit, ob wir uns vor dem Ablauf der drei Jahre mit dem Thema befassen dürfen.

Wie stehen Sie zur Basler Entscheidung, die weissen Parkplätze abzuschaffen?

Ich mache, was die Schweizer in Bezug auf die EU machen: Wir haben nur die Chance des autonomen Nachvollzugs. Die Zentralstadt will mit ihrer Entscheidung den Verkehr nach draussen verlagern, um sich selber im Inneren die Ruhe zu gönnen. Was bleibt uns anderes übrig, als dieses Konzept zu übernehmen und dafür Sorge zu tragen, dass wir nicht zum Parkplatz von Basel werden? Deshalb werden wir ein Parkraumregime mit begrenzter Parkzeit und Anwohnerparkkarten rund um das Tramnetz etablieren müssen. Wir machen das, um zu vermeiden, dass Pendler von ausserhalb kommen, in Weil parken, in das Tram einsteigen und nach Basel fahren.

Basel will einen Fonds für Park-and-ride-Anlagen ausserhalb der Stadt schaffen. Sind Sie an Geldern aus dem Fonds interessiert?

Das haben wir bisher mit Basel nicht thematisiert. Die Zielsetzung muss sein, die Rheintalstrecke Freiburg– Basel so auszubauen, dass wir einen tauglichen S-Bahn-Verkehr haben und die Leute an der Rheintalstrecke selber Park&Ride nutzen. Der Autoverkehr kommt von Norden und darf nicht unseren Flaschenhals Haltingen mit seinen täglich 25000 Fahrzeugen durchfahren, um dann irgendwo im Raum Friedlingen zu parken. Wir haben dort auch gar nicht den Platz dafür. Ich fände es gut, wenn Basel entlang der Rheintalschiene an den Bahnhöfen adäquate Parkierungsmöglichkeiten mitfinanzieren könnte.

Was erhoffen Sie sich vom trinationalen Stadtentwicklungskonzept 3Land?

Ich hoffe mir, dass wir den Uferbereich in Weil aufwerten können. Wir werden einen Teil des Hafens behalten, aber vielleicht können wir noch mehr Gelände für attraktives Wohnen nutzen. Ich wünsche mir auch eine direkte Brückenverbindung von Frankreich nach Basel, damit die Franzosen nicht mehr über die Palmrainbrücke nach Basel fahren. Diese war ursprünglich für den Verkehr zwischen Deutschland und Frankreich geplant.

In Basel gibt es massive Kritik am sogenannten Rheinhattan auf der Klybeckinsel. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube nicht, dass alles so heiss gegessen wie gekocht wird. Der Stadtplaner aus den Niederlanden, der das Thema angegangen ist, hat mit der grossen Kelle angerührt. Ich habe von Basel immer den Eindruck gewonnen, dass mit Bedacht operiert wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort eine vergleichbare Situation wie in Frankfurt gibt. Der Investitionsbedarf dafür wäre so hoch, dass sich das vielleicht in Schritten bewegen kann, aber nicht den ganz grossen Wurf darstellen wird.