Basel im Gespräch
Offener Dialog über Flüchtlinge in der Elisabethenkirche

In der ersten Ausgabe des Talks «Basel im Gespräch» am Dienstag in der Elisabethenkirche drehte sich alles um Flucht und Migration. Themen wie die Verhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes vor der Matthäuskirche kamen allerdings zu kurz.

Simon Erlanger
Merken
Drucken
Teilen
Die Meinungen zur Besetzung der Matthäuskirche und deren Nachspiel prallten nur kurz aufeinander. Danach war sich die Gesprächsrunde weitgehend einig.

Die Meinungen zur Besetzung der Matthäuskirche und deren Nachspiel prallten nur kurz aufeinander. Danach war sich die Gesprächsrunde weitgehend einig.

Kenneth Nars

Anlass der Gesprächsrunde waren die Besetzung und die Räumung der Matthäuskirche und die anschliessende Protestdemo, die von der Polizei mit Tränengas und Gummischrott beendet wurde. Kirchenasyl und der Umgang mit Flucht und Migration waren ebenso Thema wie die Vereinbarkeit von Recht und Moral in Bezug auf Migrationspolitik, die Haltung der Religionen, die Rolle des Staates und der Gesellschaft.

Publikum mit einbezogen

Ziel des Abends sei die offene Debatte, wie Moderator Frank Lorenz, Begründer von «Basel im Gespräch» eingangs erklärte. Erstmals würden sich Akteure von Kirche und Staat der Auseinandersetzung stellen. Die etwa 80 anwesenden Zuhörer sollten durch die Anordnung des Gesprächskreises einbezogen werden und in die Debatte eingreifen können. In einem inneren Kreis sassen dann die Podiumsteilnehmer: Brigitte Heilbronner von der reformierten Kirche (die für den Kirchenratspräsidenten Lukas Kundert einsprang); Michel Girard, Vorsteher des Amts für Migration; Sicherheitsdirektor Baschi Dürr; die katholische Theologin Sarah Biotti sowie Serhad Karatekin von der Basler Muslim-Kommission. Darum herum gruppierte sich konzentrisch das Publikum.

Diskutiert wurde weniger über Kirchenasyl und Polizeieinsatz als allgemein über die Flüchtlingskrise. Dabei äusserte der Leiter des Migrationsamtes Michel Girard Verständnis. Er würde sich in ähnlicher Bedrohung gleich verhalten wie die Flüchtlinge. Es gelte aber immer das Gesetz des demokratischen Rechtsstaates. Unterstützt wurde Girard dabei von seinem Chef Baschi Dürr, der sich gegen eine Analogie von Frank Lorenz wehrte. Dieser hatte aktuelle Flüchtlinge mit Moses in Ägypten verglichen und schien so die Schweiz mit tyrannischen Pharaonen gleichzusetzen. Unterstützung bekamen die Staatsvertreter auch von anwesenden Theologen und Helfern, was die Debatte befeuerte. Letztlich wurde aber die Diskrepanz zwischen Recht und Moral ebenso wenig vertieft wie die Frage der Verhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes. So bestand der Abend aus persönlichen Statements über die Verpflichtung zum Helfen und die Unmöglichkeit, allen Zuflucht zu gewähren.

Interview mit Pfarrer und Journalist Frank Lorenz

Herr Lorenz:«Flucht, Recht, Staat» war das Motto der Erstausgabe Ihrer Diskussionsrunde «Basel im Gespräch». Sind Sie zufrieden?

Frank Lorenz: Ich bin sehr zufrieden. Es hat sich gezeigt, das das Konzept funktioniert, einen zivilgesellschaftlichen Diskurs auf hohem Niveau zu führen und mit viel Neugier und viel Fähigkeit auf den anderen einzugehen.

Aber seien wir doch ehrlich: Unter den rund hundert Anwesenden überwogen Vertreter von Kirchen und Hilfswerken. Es waren vor allem sie, die sich äusserten.

Das stimmt. Die Zivilgesellschaft ist sich vielleicht noch nicht gewohnt, aktiv mitzureden, und dafür braucht es ein Format wie unseres. Die Kirche ist der Raum, wo Menschen ihre Stimme erheben können und über Themen nachdenken.

Sie verwenden den modischen aber unscharfen Begriff der Zivilgesellschaft. Was ist das denn?

Ich verstehe unter Zivilgesellschaft, die Leute, die heute da waren: Behörden; Kirchen, Religionen, Medien. Es sind Menschen, die aktiv sind, die mitdenken und mitgestalten, Zeitung lesen, Radio hören.

Die Debatte mündiger Bürger also. Was ist aber daran neu?

Neu ist, dass um das Thema Flucht und Migration ein zivilgesellschaftlicher Diskurs aus der Sicht der Religionen, der Behörden und vieler Interessierter angefangen hat. Dies ist im Nachgang gerade zu den Ereignissen rund um die Matthäuskirche etwas Neues. Neu ist auch, dass Muslime öffentlich mitreden.

Mit anderen Worten: «Gut haben wir darüber geredet!» Es kamen ja fast alle aus dem gleichen Kuchen. Man war sich weitgehend einig.

Es ist der Hang mancher heutiger Journalisten, zu glauben, dass erst wenn etwas skandalisiert wird, wenn sich Menschen anschreien, ein ernsthaftes Gespräch stattfindet. Das glauben wir nicht. Wir wollen den zivilisierten Umgang in dieser Stadt mit ihrer alten Kultur.

Ein Fazit des Abends ist die Weiterführung des Dialogs. Was nehmen Sie mit nach Hause?

Was ich heute gelernt habe, ist, dass das Thema Flucht und Migration uns noch 50 Jahre lang beschäftigen wird und Basel tiefgreifend verändern wird. Diese Veränderung sollten wir besser gestalten als verschlafen.

Nächstes «Basel im Gespräch» «Wahrheit, Lüge, Journalismus» mit David Sieber, Christian Degen und Markus Somm; am 4. April, 18.30 Uhr, in der Freien Kirche Elisabethen.