Heiri, ich gratuliere Dir.

Heiri: Dankeschön.

Du willst nicht wissen, wozu?

Ich warte ab, was Du erzählst. Wir vom Land sind bekanntlich zurückhaltend.

Ich gratuliere Dir, dass Du als Baselbieter Bauer ins Schnitzelbank-Comité aufgenommen worden bist. 

Ich dachte zuerst auch, das klappe nicht. Dann habe ich mit Heiri aber eine Rolle gefunden, die passt. Man kann als Bauer kein Städter sein und Baseldeutsch reden. Wobei dies Heiri im allerersten Jahr noch tat...

Basler Fasnacht - Heiri

Heiri packt seinen Koffer.

Heiri auf Baseldeutsch?

Ja. Ohne zu Rappen. Erfolgreich war ich nicht. Ich teilte dem Comité dann mit, dass ich es nun mit Rap versuchen werde. Die Reaktion war: Das geht nicht! Ich habe mich durchgesetzt und mir gesagt: Wenn das auch nicht ankommt, trete ich wenigstens ab, nachdem ich meine Idee ausprobiert habe.

Du bist im 13. Jahr und in der Blüte Deiner Zeit. Hatte Heiri, wie er jetzt ist, von Anfang an Erfolg?

Das Comité fand es von Anfang an gut. Sie haben mir damals in einem Brief mitgeteilt, dass ich recht hatte und die Figur funktioniert.

Das Comité erwartet «eine baseldeutsche Bezeichnung und freut sich, wenn sie originell ist». Du erfüllst beides nicht. 

Heiri ist gar kein Dialekt. Es ist schlicht eine Abkürzung von Heinrich.

Die Melodie «Dr Heiri hät es Chalb verchauft», zu der Du rappst, stammt aus der kleinen Niederdorfoper. Ist das Deine Inspiration?

Ja. Darum war für mich klar: Ohne Kalb läuft nichts. Mein Heiri ist ein Bauer vom Lande, der in die Stadt geht, diese liebt, gleichzeitig aber auch überfordert ist mit dem städtischen Treiben.

Hat diese Ambivalenz mit Deiner Biografie als Privatperson zu tun?

Nur bedingt, ich fühle mich eigentlich nicht überfordert. Die Figur selber aber, schüchtern und trotzdem frech, passt zu mir. Auch die Welt der Bauern ist mir nicht fremd, daher war klar, dass ich ein Bauer sein möchte mit einem Kalb an meiner Seite.

Du bist nicht der erste Bänkler, der diese Melodie verwendet.

Das wusste ich nicht.

D Gluggersegg, die inzwischen nicht mehr auftreten, hatten auch mal einen Vers mit der Melodie. 

Das glaube ich gern, die haben so viele Melodien verwendet, dass es mich nicht wundert, dass diese dabei war.

Wie findest Du Deine Themen?

Ich lese täglich Zeitungen, höre Radio und schaue die Nachrichten. Mindestens drei Themen pro Woche bewegen mich – und diese notiere ich mir.

Heiri

Dr Heiri 2017

Da kommt einiges zusammen und vieles ist wohl bald wieder veraltet.

Das heisst nicht, dass ich es nicht verwenden kann. Oft mische ich Themen, die nichts miteinander zu tun haben. Aktuell mische ich die Metoo-Debatte mit Christian Constantin. Sobald ich das Thema anspreche, erinnern sich die Leute an dessen Prügel-Attacke.

Empfindest Du es als Nachteil, dass Du bei den Themen eingeschränkt bist mit Heiris Blick aufs Lokale?

Das kommt nur so rüber, weil ich ja quasi aus dem Stall in die Welt schaue. Ich hatte Erdogan- und Burka-Verse, die Pointen haben aber immer mit Hühnern oder dergleichen zu tun, daher wirkt alles lokal.

In gut einem Monat beginnt die Fasnacht, Du bist mit Pfyfferli und Job stark ausgelastet. Schreibst Du trotzdem noch neue Verse, sollte was Wichtiges geschehen?

Ja. Es kam schon vor, dass ich am Morgenstreich eine Idee hatte und den Vers am selben Abend gesungen habe.

Du singst am Pfyfferli nicht jeden Tag dieselben Verse. Ist das Publikum dort eine Art Testpublikum?

Jein. Ich teste meine Verse zuvor an einer Vernissage in einem Cliquenlokal. Dort singe ich vor Bekannten, die die Verse benoten. Manchmal bewegt mich ein Thema – und erst an diesem Abend merke ich, dass es sonst niemanden bewegt. Beispielsweise habe ich mal einen Vers über das Nilpferd Farasi aus dem Zolli gemacht, den kaum jemand verstanden hat, weil kaum jemand wusste, wer Farasi ist.

Von Heiri hört man keine Zürcher- und Schwooben-Verse. Ist diese Zeit endgültig vorbei?

Da gehen die Meinungen auseinander. Bei uns im Comité ist diese Zeit tatsächlich vorbei. Oder anders gesagt: Wir machen keine Zürcher-Verse bloss wegen den Zürchern. Es muss eine Geschichte dahinter stecken.

Wie zum Beispiel?

Nehmen wir Deutschland: Der dortige Rechtsrutsch ist ein Thema, aus dem ein Schwooben-Vers entstehen kann. Doch nicht einer, bei dem es darum geht, die Deutschen runterzumachen, nur weil sie Deutsche sind. Das Wort Schwoob darf vorkommen, solange nicht das Wort als solches die Pointe ist. Vorletztes Jahr habe ich über deutsche Ärzte, also Schwoobe, in Schweizer Spitälern gesungen. Thema war aber, dass wir Schweizer so viele Deutsche holen. Wobei auch viele Leute bei den plumpen Schwoobe-Versen lachen.

Typisch Mario-Barth-Generation?

Das würde ich nicht behaupten.

Oft kommen intellektuelle Verse weniger gut an als plumpe.

Ich als Bauer kann gar keine intellektuellen Verse dichten.

Das ist aber gemein gegenüber den anderen Bauern.

Nein, wir Bauern sind bodenständig. Wir dichten Verse, die mit unserem Alltag zu tun haben. Da kommen auch intellektuelle Themen vor, etwa die Universität, allerdings im Sinne von: Wir Bauern verstehen nicht, weshalb es überhaupt eine Uni braucht, wenn es doch in Sissach eine Bauernschule gibt.

Gehört es zu Deinem Konzept, Themen zu vereinfachen?

Ich möchte, dass die Pointen verstanden werden. Manche Verse streiche ich nach der Vernissage, weil sie dem Testpublikum zu kompliziert waren.

Bei anderen Schnitzelbänklern sind Langverse in Mode, von Dir hat man noch nie einen solchen gehört.

Das mache ich nicht. Bis jetzt jedenfalls. Langverse nur um der Langverse willen finde ich teilweise langweilig. Es mag merkwürdig klingen, doch es ist viel einfacher, einen Langvers zu dichten als einen Zweizeiler. Man hat viel länger Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. In zwei Zeilen eine Geschichte inklusive einer Pointe zu erzählen ist die hohe Kunst des Schnitzelbanks. 

Welche Themen müssen bei einem guten Schnitzelbank vorkommen und welche sind tabu?

Das, was passiert, muss vorkommen. Deshalb singe ich über Metoo – weil es passiert. Tabu hingegen ist bei mir der Tod. Nie würde ich jemandem den Tod wünschen. Der Tod in einem anderen Sinne aber kann Thema sein. Dieses Jahr etwa singe ich darüber, dass Polo Hofer nicht mehr da ist. Da geht es letztlich auch um den Tod.

Müsst Ihr die Verse vorab vorlegen?

Nein. Das Comité gibt neuen Schnitzelbänklern Empfehlungen ab, verbieten tut es aber nie etwas.

Verrate uns zum Schluss doch noch etwas über Deine wahre Identität.

Ich bin ein Bauer aus dem Baselbiet, der Schnitzelbänke singt (zwinkert).