Fondation Beyeler
Ohne Rodin und Arp gäbe es keinen Nierentisch

Erstmals werden die Werke von Auguste Rodin und Jean Arp in einer grossen Museumsausstellung aneinander gegenübergestellt. Das Resultat ist überraschend.

Mathias Balzer
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Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
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Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
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Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen
Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen

Rodin/Arp in der Fondation Beyeler in Riehen

bz

Vor dem Besuch der Ausstellung «Rodin/Arp» in der Fondation Beyeler in Riehen stellen sich zwei Fragen: Was können uns Zeit­genossen, durch Ready Made und instal­lative Kunst gestählt, klassische Bildhauerei und Skulptur noch sagen? Und: Was verbindet den Fin-de-Siécle-­Star Auguste Rodin mit dem Dada-­Poeten Hans Arp?

Die von Kurator Raphaël Bouvier entwickelte Schau gibt auf beide Fragen verblüffende Antworten. Er hat das ­erste Zusammentreffen der beiden Künstler in einer Museumsausstellung in Kooperation mit dem Arp Museum im deutschen Remagen konzipiert. Und wie immer in der Fondation ­Beyeler: Zu sehen sind ikonische ­Werke, ein Best-of beider Künstler.

Den Anfang machen die über­lebensgrosse Variante von Rodins «Denker» und Arps «Ptolemäus III», eine Abstraktion, benannt nach dem griechischen Mathematiker und Philosophen. Rodin hat mit seiner Figur die klassische Skulptur vom Sockel geholt. Und so sitzt der in seine Gedanken versunkene, melancholische Mann auf eben diesem Sockel, auf dem er eigentlich posieren sollte. Arps Philosoph hingegen ist ein luftiges Gebilde, das mehr aus Leerraum als aus Materie besteht. Die beiden Werke eröffnen den Dialog.

Arp hat das Werk von Rodin weiterentwickelt

Ob sich Rodin und Arp zeitlebens begegnet sind, ist bislang nicht schlüssig geklärt worden. Dass der im Elsass geborene Arp das Werk des 46 Jahre älteren Franzosen eingehend studiert hat, wird in der Ausstellung augenscheinlich. Im Gedicht «Rodin» beschreibt Arp das Werk des Älteren als «eine Bestätigung des Urgrundes fern von der mechanischen Erotomachie unseres Zeitalters».

Die «Automatische Skulptur» aus dem Jahr 1938, im ersten Raum präsentiert, widmet er Rodin. Gezeigt wird sie neben dessen «Kauernden». Und bereits in dieser Gegenüberstellung werden die Bezüge deutlich. Es ist verblüffend, wie Arp Rodins Umgang mit Volumen und Körpergestik übernimmt, diese jedoch in abstrakte Formen ­überführt.

Und auch dort, wo die Gemeinsamkeiten nicht explizit sind, lenkt die Ausstellung mit insgesamt 110 Werken den Blick auf die Verwandtschaft der beiden Künstler. Augenscheinlich wird das im grossen Saal, wo die Gegenüberstellung ihres volles Potenzial entfaltet.

Gegliedert ist die Ausstellung in thematische Blöcke, welche die Parallelen im Werk beleuchten. Sie zeigt, wie beide Künstler das Fragmentarische als eigentliche Vollendungsform praktizierten. Beide haben aus ihren Werken Assemblagen gemacht, beide haben dem Zufall Raum gelassen. Beide haben konzeptuell gearbeitet, und Skulpturen gefertigt, die sowohl stehend wie liegend funktionieren.

Während Rodin noch zurück­haltend Pflanzen, Tier und Mensch in Bezug bringt, verschmelzen diese bei Arp gänzlich. Damit ist die eine Frage, jene nach der Verwandtschaft, ein­deutig geklärt.

Arp war der Pionier der biomorphen Formen

Was uns Zeitgenossen diese im Klassischen verwurzelte Bildhauerei bedeuten kann, wird ebenfalls klar. ­Rodins Suche nach einer Skulptur, die nicht einfach Abbild ist, sondern, wie er schrieb, sich «von innen nach aussen entfaltet», wird von Arp in gewisser Weise vollendet. Und diese formale Weiterentwicklung ist eine Leistung, die keineswegs nur die Kunst betrifft.

Ohne Arp, den Pionier der biomorphen Form, wären das Nierentischchen in den Fünfzigerjahren sowie das Weltraum- und Hippie-Design im folgenden Jahrzehnt kaum möglich gewesen.

Genau da zeigt sich die Qualität der Kunst: Sie bietet uns ein Zwiegespräch über Zeiträume hinweg.

«Rodin/Arp» 13. Dezember bis 16. Mai. Fondation Beyeler, Riehen. www.fondationbeyeler.ch