Am 31. Juli 2002 überquerte Martin Remagen auf dem Seil der Klingentalfähre den Rhein. Dabei fuhr er ein Fahrrad, an dem ein Trapez befestigt war. An dem Trapez hing seine Partnerin Doriana. Ein waghalsiger Akt, der durch ein drohendes Gewitter noch gefährlicher wurde. 16 Jahre später, am vergangenen Samstagnachmittag, wollte erneut ein Hochseil-Artist den Rhein überqueren. Ohne Fahrrad und Partnerin, dafür mit Leidenschaft und tänzerischer Leichtigkeit.

Hoch hinaus

Laurence Tremblay-Vu lacht, als er mit der Hebebühne nach oben gefahren wird. Der Kanadier wirkt komplett entspannt, keine Spur von Nervosität. Für ihn erfüllt sich heute mit der Fluss-Überquerung ein lange gehegter Traum. Tremblay-Vu hält seinen Balance-Stab fest im Griff, als er sich auf das Hochseil setzt. Unter ihm drängen sich die Zuschauer rund um die Mittlere Brücke und schauen gebannt nach oben. «Ohne Sicherung, der ist ja wahnsinnig!», tuscheln einige. Die Spannung ist greifbar, als Tremblay-Vu schliesslich aufsteht. Vor ihm liegen 200 Meter Seil, 25 Meter hoch über dem Fluss. Bedächtig setzt er einen Fuss vor den anderen. In seinem schwarzen Haar trägt er ein orangefarbenes Band, das sich leuchtend vom Blau des Himmels abhebt.

Das Interesse am Spektakel ist gross.

Das Interesse am Spektakel ist gross.

Er macht noch ein paar Schritte zum Warmwerden, dann beginnt seine Show. Das Seil wird zu Tremblay-Vus Tanzfläche. Zu sanften Gitarrenklängen wiegt er sich, hebt seine Beine, legt sich auf das Seil. Die Augen des Publikums hängen an seinen Bewegungen, nach jedem Element braust ein kurzer Applaus auf und alle atmen erleichtert aus.

«Auf dem Hochseil fühle ich mich immer überraschend geerdet», sagte Tremblay-Vu kürzlich in einem Interview. Wenn er tanze, fühle er sich eins mit den Elementen der Natur. Genauso sieht es auch aus, wenn der 32-Jährige mit seinem Balance-Stab ruhig in Richtung der Wolken spaziert, die sich am Horizont auftürmen.

Gegen Ende seiner Performance zeigt Tremblay-Vu nochmals sein ganzes Können. Er lässt sich nach unten gleiten, bis er kopfüber hängt und sich nur noch mit einem Bein am Seil festhält. Er winkt und wackelt mit den Füssen.

Wenige Minuten später erreicht der Kanadier das Kleinbasel und erntet einen tosenden Applaus. Elegant gleitet er an einem Seil zu Boden und macht vor Freude einen Rückwärtssalto in den Rhein.

Zuschauer verzaubert

Tremblay-Vu hat sein Ziel erreicht. Seine erste grosse Fluss-Überquerung ist ihm gelungen. Er hat es geschafft, sämtliche Zuschauer in seinen Bann zu ziehen.
Dazu braucht der Kanadier keine grosse Inszenierung, keine waghalsigen Stunts, kein Fahrrad mit Trapez: «Ich will die Leute nur für einen kurzen Moment näher zusammenbringen».