Herr Minack, Sie sind Leiter der Online-Wahlkampfagentur der Grünen Deutschland – was war Ihre Aufgabe im Wahlkampf?

Benjamin Minack: Gemeinsam mit der Agentur für die klassischen Bestandteile des Wahlkampfes und der Partei haben wir die Konzepte für den Gesamtwahlkampf entwickelt und dann umgesetzt. Dazu gehört die Basisarbeit an der Webseite ebenso wie das Entwickeln von spezifischen Kampagnenelementen und digitalen Sonderformaten.

Welche Rolle haben soziale Medien im Bundeswahlkampf 2013 gespielt?

Zweierlei. Da wäre zum einen die wichtige Aufgabe des direkten Austauschkanals zwischen Wählerinnen und Wählern und den Kandidaten, zum anderen dienen die sozialen Medien natürlich als Mobilisierungs- und Informationstool für die eigenen Anhänger.

Werden Werte aus der digitalen Welt in der realen Welt wichtig?

Ich sehe keine Unterschiede im Wertekanon dieser beiden Welten. Einzig die Frage der Geschwindigkeit und der Dichte liesse sich diskutieren. Und da wünschen sich wohl alle ein bisschen mehr Ruhe und Unaufgeregtheit im Netz.

Wer profitiert davon, wenn sich die politische Kommunikation noch stärker ins Netz verlagert?

Bei richtigem Einsatz, sinnvollem Ausschöpfen der Möglichkeiten: Alle. Die Bürger und die Parteien, die Interessengruppen und die Kandidaten, die Ministerien und die Verwaltung.

Profiling im politischen Wahlkampf – darf man das?

Ja, in den sehr engen Grenzen des deutschen Datenschutzrechtes und bei den Grünen in den nochmals engeren Grenzen des eigenen Datenschutzanspruches.

Wenn ein Benutzer jemandem auf Facebook folgen will, muss er ihn «liken» – das blosse Beschaffen von Information wird zum politischen Statement. Ist das nicht ein Problem?

Nein. Er muss nicht liken. Er kann auch abonnieren. Und, noch viel wichtiger, es wäre ein grosser Fehler aller politischer Akteure, gäbe es bestimmte Inhalte nur in sozialen Netzwerken.

Auch auf Twitter sind die Aktivitäten eines Benutzers transparent, weil jedermann einsehen kann, wem er folgt.

Das ist doch aber selbst gewählt.

Besteht nicht ganz generell die Gefahr, dass sich die Menschen im Internet nur noch mit den Meinungen beschäftigen, die ihren eigenen Ansichten entsprechen?

Auf jeden Fall. Das ist eine grosse Herausforderung für alle Absender. Aber es ist zugleich eine Chance für die Qualität der Debatte, denn gute Inhalte werden sich durchsetzen. Nehmen Sie den Wahlspot der IG Metall in Deutschland. Der hat es in alle Lager geschafft. Sogar dorthin, wo der Wirtschaftsliberalismus dominiert.

Führt das dazu, dass die politische Diskussion im Internet auseinanderfällt?

An der Oberfläche: Ja. In der Tiefe: Nein. Ich sehe in diesem Jahr eine breite Diskussion zwischen den Lagern – über alle Facebook- und Twitterprofile hinweg. Solange die Teilnehmer dieser Debatten viele Follower und Freunde haben, verteilen sich Argumenten und Botschaften recht gut.

Sie haben einmal gesagt: «Sie wollen Erfolge feiern? – Finger weg von Twitter!» Ist Twitter für Politiker gefährlich?

Das war eine ironische Zuspitzung. Ein Politiker muss wissen, was er wann und wie zu wem sagt. Das galt aber auch schon vor Twitter.

Wenn sich die politische Diskussion ins Netz verlagert, müssen sich dann auch die politischen Instrumente ins Netz verlagern?

Ja. Aber nur unter der Voraussetzung, dass es eine politische Bildung gibt, die an diese Form der demokratischen Meinungsbildung heranführt. Die elektronischen Petitionen, die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland jetzt schon starten können, sind ein starkes Zeichen. Ebenso die Plattformen zur Diskussion von Gesetzgebungsprozessen, die in einigen Bundesländern schon gut funktionieren.

Der NSA-Skandal hat viele Menschen vorsichtig gemacht. Hemmt das die politische Kommunikation im Internet?

Nein. Akute Angst hat wohl kaum jemand. Es geht um das Prinzip, um Grundsätze, um den Schutz von Grundrechten – deshalb war der Aufschrei so laut.

Gibt es bezüglich es Einsatzes des Internets in der politischen Kommunikation Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland?

Ich bin begierig, mehr zu erfahren. Die Schweizer sollten doch – als Verfechter von stark basisdemokratischen Ansätzen, grosse Freunde digitaler Meinungsbildung mit geringen Zugangsschranken sein. Oder?