Frau Stich, Basel diskutiert über sexuelle Gewalt. Sie betreuen die Opfer. Wie erleben Sie diese Debatte?

Esther Stich: Es wurde viel über die Sicherheit in der Stadt Basel diskutiert. Allerdings hat die überzeichnete Art, wie zum Teil in den Medien berichtet wurde, in der Öffentlichkeit ziemlich viel Verunsicherung ausgelöst.

Wäre es denn besser, mehr über die Opfer zu sprechen?

Es geht nicht darum, über die Opfer zu sprechen. Doch eine Diskussion, die lediglich mehr Sicherheit einfordert, zielt an den Bedürfnissen und am Unbehagen der Frauen vorbei.

Inwiefern?

Wenn man den Frauen suggeriert, dass sie nur noch mit einem Pfefferspray aus dem Haus gehen sollen, weil sie sich dauernd in Gefahr befinden, löst das Unbehagen aus. Allein der Gedanke, sich quasi bewaffnen oder sich permanent schützen zu müssen, löst verständlicherweise Unsicherheit aus. Die Reaktionen von Frauen zielen darauf ab, ihre Empörung zu zeigen, auch wenn wir wissen, dass sie passieren. Und sie passieren tagtäglich und schweizweit. Wir reden ja nicht nur über Vergewaltigungen, sondern auch über sexuelle Belästigung oder sexuelle Nötigung. Wir beraten viele Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche, die von Sexualdelikten in einem weiteren Rahmen betroffen sind. Diese Delikte werden in der öffentlichen Diskussion oft bagatellisiert.

Gibt es denn ein Sicherheitsproblem?

Ich bin nicht die Person, die das beurteilen kann. Gemäss Statistiken passieren in Basel nicht mehr Sexualdelikte als in anderen Städten. Gemessen an den Einwohnern weist die Stadt Zürich beispielsweise mehr Sexualdelikte aus. Die Staatsanwaltschaft berichtet in Basel hingegen offensiver.

An anderen Orten – etwa in Zürich – kommuniziert die Polizei kaum öffentlich über Sexualdelikte, um das Opfer zu schützen.

Der Schutz des Opfers und dessen Intimsphäre sind zentral. Ich denke jedoch, dass es richtig ist, die Öffentlichkeit über diese Delikte zu informieren.

Wie stellen Sie sich denn eine «gute Medienberichterstattung» vor?

Ich wünsche mir eine sachliche und keinesfalls voyeuristische Information. Was absolut nicht notwendig ist, ist ins Detail zu gehen. Mit der genauen Schilderung des Tathergangs ist letztlich niemandem gedient, schon gar nicht dem Opfer. Bei der Berichterstattung über Sexualdelikte braucht es viel Sensibilität und Rücksicht gegenüber den Betroffenen.

Man spricht eigentlich nur über Delikte, die im öffentlichen Raum passieren. Es gibt aber auch diejenigen im privaten Rahmen. Geht das nicht unter?

Gewalt im öffentlichen Raum betrifft uns alle, eben weil sie überall vorkommen kann. Es hat lange gedauert, bis die Gewalt im häuslichen Rahmen von unserer Gesellschaft als Problem wahrgenommen wurde. Auch über die häusliche Gewalt wird diskutiert. Sie passiert im Übrigen ungleich häufiger. In beiden Fällen handelt es sich um Gewalt, die wir nicht dulden dürfen.

Gibt es da bei der Opferbetreuung Unterschiede?

Menschen, die bei sich zu Hause, und ich spreche bewusst nicht nur von Frauen, bedroht werden und Gewalt erfahren, brauchen erst mal einen sicheren Ort. Es geht darum, die eigene Situation zu überdenken. Bei Übergriffen von fremden Personen, im öffentlichen Raum, stellen sich andere Fragen.

Braucht es mehr Notunterkünfte?

Sowohl Basel-Stadt als auch Basel-Landschaft haben den sogenannten «Wegweisungs-Artikel» eingeführt. Das heisst, dass die Polizei die Möglichkeit hat, gewalttätige Partner aus der gemeinsamen Wohnung wegzuweisen. Viel zu oft sind es aber die Opfer, die aus der gemeinsamen Wohnung in eine Notunterkunft flüchten. Eigentlich wäre die Wegweisung dazu gedacht, die Täter aus dem Haus zu weisen und den Betroffenen die Möglichkeit zu bieten, in der eigenen Wohnung zu bleiben.

Sie finden keine Plätze mehr?

Wir haben häufig Probleme, kurzfristig geeignete Plätze zu finden. Oft handelt es sich in diesen Situationen um Frauen mit Kindern, die in einer schwierigen Lebenssituation sind und die in dieser Zeit eine intensive Betreuung brauchen

Raten Sie allen Opfern, Anzeige zu erstatten?

Wir beraten und informieren über Möglichkeiten und Wege. Der Entscheid liegt immer bei den Betroffenen selbst und ist ein sehr individueller Entschluss. Kommt es zur Anzeige, begleiten wir die Person auch während des Strafverfahrens oder vermitteln Juristen.

Ist Gewalt an Frauen ein Ausländerproblem?

Ich wehre mich gegen jede Stigmatisierung, und die meisten Ausländer haben kein Problem damit, sich in unsere Kultur einzufügen. Ich denke aber, dass es wichtig ist, Menschen aus anderen Kulturen die Gepflogenheiten unserer Gesellschaft nahe zu bringen und sie verständlich zu machen. Holland praktiziert ein interessantes Modell: Menschen aus anderen Kulturkreisen wird erklärt, welches Kulturverständnis herrscht. Da wird zum Beispiel anhand von Videos gezeigt, dass sich Homosexuelle öffentlich küssen oder dass sich Frauen im Bikini am Strand bewegen, dass Frauen auch nachts alleine unterwegs sind und dass diese Menschen alle dieselben Rechte haben. Diese Dinge sind nicht in allen Kulturkreisen selbstverständlich. Wichtig ist aber auch, dass die Bevölkerung im Allgemeinen sensibilisiert wird.

Was meinen Sie damit?

Die Leute sollen die Augen offen halten. Wenn möglich sollen sie einschreiten oder Hilfe holen, wenn sie Zeugen von Gewalt oder Belästigungen werden. Oft tut man so, als gehe das einen nichts an. Dabei könnte dies viel zum Sicherheitsgefühl in der Öffentlichkeit beitragen.

Raten Sie den Frauen eigentlich, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten?

Sie meinen, wie sie sich anziehen oder so? Nein, darum geht es doch nicht. An gewissen Orten ist nachts jedoch erhöhte Vorsicht geboten. Das gilt aber nicht nur für Basel, sondern auch für andere Städte oder Orte. Und das gilt ja auch für Männer. Frauen sollen sich grundsätzlich frei bewegen dürfen. Gewisse Männer müssen einfach einsehen, dass Frauen selber entscheiden, was sie wollen, und dass ein Nein auch ein Nein bedeutet.

Eigentlich etwas Selbstverständliches.

Ja, das ist es.