Ortskunde
Moderhalde oder Ewigkeit

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende»
frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege. Heute: In der Nähe von Muttenz.

Simon Morgenthaler
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Die Ewigkeitsstrasse in Muttenz.

Die Ewigkeitsstrasse in Muttenz.

Bild: Simon Morgenthaler

Ich habe keine grossen Gedanken, wie ich südwestlich von Muttenz das recht steile Strässchen am Rand des Eigetals hinaufsteige. Es ist heiss in der Mittagssonne. Ich schaue über das Feld zum Sulzkopf hinüber, eine erbärmliche Kuppe, wische mir den Schweiss vom Haupt: eigenartig, wie man sich manchmal in einer Landschaft gespiegelt sieht. Der Aufstieg, eigentlich nur ein kurzes Stück, will nicht enden. Rechts des Weges, eine umzäunte Betontreppe im Gras, eine Anlage der Salinen, ein rostiges Schild weist nach unten: «Not-Total-Aus». Ich beschleunige den Schritt, auch weil mir die Jagdansitze auffallen, die hier in dieser Senke überall aufgestellt sind.

Die Ewigkeitsstrasse, die am östlichen Ende des Gebiets in den Wald führt, sieht schon am Anfang so aus, als würde sie nie aufhören. Ein Strässchen, wie jedes andere, das durch ein unscheinbares Waldstück leitet, todlangweilig. Links das Strassenschild, fast neu, der Name muss zu lang gewesen sein, er hat nicht auf die Tafel gepasst: «Strasse» ist in abgekürzter Form ins gebeizte Holz geschnitten. Der mehrfach überfahrene Dreck- oder Mistfleck, auf den ich abgelenkt den Schuh setze, hat fast etwas Heiteres, wie er sich unförmig vom Untergrund abhebt. Ich gehe geradeaus, benommen auf den monotonen Bodenbelag starrend. Die Umgebung wird sich wohl auch kaum verändern: Bäume, Büsche, Unterholz, denke ich.

Wie ich aufschaue – tatsächlich sehe ich nur Unterholz, Büsche, Bäume –, merke ich plötzlich das Knirschen von Kiesel und Sand unter meinen Sohlen. Es beunruhigt mich nicht, trotte weiter, längst habe ich jedes Gefühl für die Zeit verloren. Ich sehe vor lauter Wald die Bäume nicht mehr, blicke ich auf den Weg, die einzelnen Steinchen verschwimmen zu einer gestaltlosen Fläche. Weiter, mechanisch fast, immerzu. Das ist also die Ewigkeit, denke ich, niese und sehe unvermittelt auf. Ein weiteres Holzschild: Moderhaldenweg.

Dann doch etwas empört, dass ich mitten aus der Ewigkeit jählings und übergangslos in einer Moderhalde lande, räuspere ich mich, wie ich etwas weiter vorne einen Waldarbeiter treffe. Wo denn die Ewigkeitsstrasse aufhöre, frage ich. – Da sei ich schon viel zu weit, da hätte ich wohl eine falsche Abzweigung genommen, die sei asphaltiert. Grusslos gehe ich weiter. Dann kommen sie doch, die grossen Gedanken: Lieber weiter faul in den Moder hineinspazieren, in der Ewigkeit ist Hartbelag, die Füsse würden schneller müde, auch das Ende würd’ man immer verpassen.

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