Ortsunkunde
Im Kaffeesatz der Gesellschaft

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Schleifeweg, auch «Kaffisatzgässli», Waldenburg.

Schleifeweg, auch «Kaffisatzgässli», Waldenburg.

Bild: Simon Morgenthaler

Es ist nicht ein Streit, der zwischen Herrn und Frau G. ausbricht, wie sie nach einer doch recht abgezweigten, mehrstündigen Wanderung schräg vis-à-vis der Waldenburger Kirche auf dem Trottoir stehen und immer wieder in ein enges, zwischen zwei Häuser eingezwängtes Gässlein zeigen. Es scheint vielmehr nicht abzubrechen, was seinen Anfang und Inhalt längst verloren hat.

Sie habe gelesen, so ihr Einstand nach dem eher stummen Gang über die Hügel, bei dem nur vereinzelt Wörter wie «schön», «kühl» oder «Herbstlaub» gefallen sind, dass dieser Durchgang im Volksmund «Kaffisatzgässli» heisse. – Also er lese da auf dem Schild weiss auf blau «Schleifeweg» und nichts von Kaffee. – Sie sage ja: im Volksmund; das sei keine offizielle Bezeichnung, sie finde das interessant. – Interessant sei höchstens, wann sie wieder die Zeit gefunden habe, so was Unnützes zu lesen. – Das sei Kulturgeschichte, nicht unnütz, und vielleicht habe sie es auch im Radio gehört.

Ein Lastwagen donnert vorbei, dann noch einer. Die Bezeichnung komme sicher daher, erklärt er plötzlich, dass an diesem düsteren Ort früher ungutes Gesinde herumgelungert sei, sie wisse schon, der «Kaffeesatz der Gesellschaft». – «Bodensatz», korrigiert sie, aber sie verstehe, was er meine. – Was er meine, sei seine Sache. Warum sie ihm auch immer eine Schleife aus solchen Dingen drehen müsse! – Einen Strick. – Das meine er ja.

Wieder eine Pause. Überhaupt, setzt sie nach, müsste man dann eher vom «Zichoriensatz der Gesellschaft» sprechen: Gesinde habe sich Kaffee wohl kaum leisten können. – Es heisse aber «Kaffisatzgässli», habe sie doch gesagt. – Sie meine ja nur. – Vielleicht komme der Name einfach von einer farblichen Assoziation: ein dunkles Gässchen, dunkel wie Kaffee. Solche Verknüpfungen seien im Volksmund oft zu beobachten. – Woher er jetzt plötzlich wissen wolle, wie der Volksmund funktioniere. – Er benutze halt seinen gesunden Menschenverstand. – Wenn sie den benutze, frage sie sich eher, warum es eigentlich «Volksmund» heisst, und nicht «Volksstimmband», überhaupt sei das Gässlein gar nicht so dunkel. – Er finde schon, vor allem wenn es später einnachte. – Das sei jetzt wirklich ein vernünftiger Gedanke. Schweigen.

Schön, das Herbstlaub hinten im Wald, sagt er. – Ja, aber kühl ist’s, erwidert sie. Er nimmt die Thermosflasche hervor, will einschenken. Nur noch ein trüber Schluck rinnt in den Deckel. Verlegen schüttet er den Kaffeesatz auf den Boden.

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