Ortsunkunde
Kaffee im Surinam

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Orte in der Region Basel mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Im Surinam, Basel

Im Surinam, Basel

Simon Morgenthaler

Biege ich in den Surinam ein, sehe ich links das ehemalige Sauter-Gebäude, schmutzig und grüngelblich, etwas weiter hinten das neue weisse. Rechts zwei unscheinbare Wohnhäuser, dann einen Reigen von Bäumen. Woher der Name komme? – Das sei eine alte, teigige Geschichte, sagt mein Begleiter.

Einer – der habe sich später in den Rhein gestürzt – habe einmal eine aus den Niederlanden geheiratet, und die habe Kaffeeplantagen auf Surinam in die Ehe gebracht. Diese Plantagen seien dann an dessen Tochter übergegangen, als diese geheiratet habe. Und deren Gatte habe hier (er zeigt unbestimmt in die Gegend) einen Landsitz errichten lassen: «Zum kleinen Surinam».

«In den Rhein gestürzt?», hake ich nach. Ja, und der Sohn von dem, der das Landgut errichten liess, habe sich übrigens später erschossen, aber das trage ja wohl nichts zur Namensgebung bei. Ich sei wohl einer von denen, die sich erst für die Leute interessieren, wenn sie sich umgebracht hätten. Ich schweige ertappt, versuche abzulenken: Das sei aber nicht mehr sehr zeitgemäss, eine Strasse nach einer ehemaligen Kolonie zu benennen, das sei politisch nicht korrekt. – Ob’s denn korrekter wäre, wenn man wieder vom «Gotterbarmweg» sprechen würde, wie er früher hiess?! Überhaupt käme hier bald die Abrissbirne, dieses Sauter-Gebäude werde wohl plattgemacht, weiter hinten müssten eine Schreinerei und ein barockes Landhaus dran glauben. – Das schöne, verwunschene Gebäude am Ende der Strasse? Das sei aber nicht korrekt, sage ich, ob die Politik denn da nicht aktiv werde? – Die sei ja eben gerade aktiv, was ich denn für ein verwunschenes Geschichtsbild hätte!? Der Strassenname «Im Surinam» sei auch erst offiziell geworden, nachdem man in den 1920ern «Klein Surinam» abgerissen habe. Er lässt mich stehen.

Die Katze, die vorher bei roter Ampel neben dem Fussgängerstreifen die Strasse überquert hatte, streicht um meine Füsse, ich kraule sie, mein Blick verschwimmt. Links eine saubere Parkfläche, ein Wohnkasten, belebt und mit grosszügigen Glasbalkonen versehen, einige mit Palmen und Rattanmöbeln bestückt, die Häuser rechts neu gestrichen, ein kleines Geschäft: Fröhliche Menschen mit Pappbechern in der Hand wanken heraus, das Start-up «Gotterbarm im Surinam» bietet nachhaltigen, surinamesischen Kaffee und Appeltaart aus heimischen Äpfeln feil. Dann schleicht sich die Katze wieder. Sie wird nicht überfahren.

Auf dem Strassenschild lese ich «Geschichtsklitterungsgässchen».

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