Passion Jesu Christi
«Ostern ist ein schwieriges Fest»

Michael Brunner, Pfarrer in Flüh, über das Passionsbild von Hans Herbster, das den Beginn der Passion zeigt, als Judas Jesus bereits verraten hat.

Michael Brunner, aufgezeichnet von Matthias Zehnder
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Christus am Ölberg, Leinwand-Passion von Hans Herbst(er), *1470 in Strassburg, †1552 in Basel.

Christus am Ölberg, Leinwand-Passion von Hans Herbst(er), *1470 in Strassburg, †1552 in Basel.

Kunstmuseum Basel - Martin P. Bü
Michael Brunner ist Pfarrer an der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Solothurnisches Leimental und predigt in der ökumenischen Kirche Flüh, der ersten ökumenischen Kirche der Schweiz.

Michael Brunner ist Pfarrer an der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Solothurnisches Leimental und predigt in der ökumenischen Kirche Flüh, der ersten ökumenischen Kirche der Schweiz.

Janick Zebrowski

Als die Soldaten Jesus festnehmen wollen, erwachen die Jünger. Petrus greift zum Schwert, das ist vorne links zu sehen, und haut dem Diener des Hohepriesters ein Ohr ab. Oben rechts ist ein Engel zu sehen, der, in einer sehr wörtlichen Umsetzung der Bibel, Jesus den Kelch des Leidens reicht, von dem in der Bibel steht, dass Jesus Gott bittet, er möge an ihm vorüberziehen.

Die Geschichte passt nicht

Ich muss sagen: Eigentlich mag ich diese Geschichte nicht. Der erste Grund: Das Motiv der Geschichte ist etwas anstrengend. Man könnte ins Porträt der Hauptfigur im Vordergrund auch das Bild eines aktuellen Politikers einkleben: «Oh, ich muss die Welt retten, ich möchte eigentlich gar nicht, aber die anderen schlafen und einer muss es tun.» Das Zweite ist: Diese Passionsgeschichte passt nicht zu dem, wie Jesu Wirken in den Evangelien vorher beschrieben worden ist. Die ganze Bibel ist ja eine Sammlung von verschiedenen Büchern und verschiedenen Schriften. So sind auch die Evangelien selber aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt.

Das zeigt sich bei der Passionserzählung: Sie passt schlecht zu dem, was vorher beschrieben wird. Die Passionserzählung ist ein jüngerer Teil der Evangelien. Sie ist nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem unter dem Eindruck dieser Katastrophe geschrieben worden. Der Tempel wurde im Jahr 70 zerstört, die Passionsgeschichte wurde erst etwa im Jahr 80 oder 90 aufgeschrieben und an die anderen Jesus-Berichte gehängt. Noch ein wenig später kamen in der Folge die Ostergeschichten mit dem Auferstandenen hinzu. Das Problem der Passionserzählung ist: Es ist nicht mehr wichtig, was Jesus sagt oder will. Im Zentrum der Erzählung steht, was mit ihm passiert.

Es ist also nicht mehr sein aktives Leben wichtig, sondern sein passives Leben – sein Sterben. Das relativiert alles, was vorher passiert ist. Die Soldaten, die im Hintergrund des Bildes in der Kolonne auftreten und Judas vor sich herschieben, sind ein Sinnbild dafür. Die Passionsgeschichte schiebt sich mit starken neuen Deutungen über die Reden und Taten Jesu.

Auf dem Bild ist Jesus noch Mensch. Er redet Gott als Vater an, wie das Menschen tun. Es ist keine Rede davon, dass er mit Gott auf einer Stufe steht. Das ist erst im Konzil von Nicäa 325 nach Christus festgeschrieben worden: Da wurde Jesus als wesensgleich mit Gottvater festgestellt. Das Bild symbolisiert für mich deshalb den Anfang einer Entfremdung von dem Jesus, der in den Evangelien, paradigmatisch in der Bergpredigt, aufgetreten ist – wie gesagt: eine Überladung mit neuen Bedeutungen. Die Vergöttlichung seiner Person und die Konzentration auf Leiden, Tod und Auferstehung als Höhepunkt und Erfüllung seiner Mission sind Schritte weg von den schlichten und zugleich kritischen Gedanken, die Jesus in seinem Leben gepredigt und aktiv gelebt hat.

Jammern in der Kirche gibt es

Was mich heute interessiert: Wie sah Jesus seinen Auftrag und was ist der Auftrag der Kirche heute? 2017 kommt das grosse Reformationsjubiläum, deshalb machen wir uns derzeit darüber viele Gedanken. Dieses Motiv, dass alle schlafen und «ich» muss alleine die Welt retten, das gibt es in der Kirche auch. Das Jammern über die ach so säkulare Gesellschaft, die nichts mehr von Kirche und Glaube wissen will. Die einen jammern darüber, die anderen sagen, dass sie heroisch nach dem Kelch des Leidens greifen.

Dazu würde ich sagen: Es ist gar nicht wahr, dass wir in einer säkularen Gesellschaft leben, die nicht mehr nach Kirche und Glauben fragt. Wir leben in einer durch und durch fragenden und suchenden Gesellschaft, die immer noch zu einem grossen Teil zu ihrer Kirche steht. Die Grundwerte der Schweiz sind christlich geprägt, viele Menschen stehen der Kirche positiv gegenüber. Statt zu jammern, die Leute wollten nichts mehr von uns wissen, sollten wir lieber unseren Auftrag wahrnehmen und dafür sorgen, dass die Fragen beantwortet werden und die Suchenden finden. Das hat Jesus immer ins Zentrum gestellt: Die Kirche ist für die Menschen da und nicht die Menschen für die Kirche. Das heisst, dass nicht die Menschen nach der Kirche fragen müssen, sondern dass wir als Kirche die Menschen in ihrem Glauben bestärken und begleiten müssen. Wir müssen nicht die Gesellschaft in die Kirche kriegen, sondern als Volkskirche an der Gesellschaft mitbauen und uns in die Gesellschaft begeben. Der Auftrag der Kirche ist, der Gesellschaft zu dienen, damit sie sich weiterhin zum Guten entwickelt.

Jesus hat nicht nur die weltliche Macht kritisiert, sondern auch den Hohepriester und damit die Amtskirche, die Kirchenleitungen, die Theologen und Pfarrer seiner Zeit. Er hat sie kritisiert: Das Gesetz und die Gebote seien für die Menschen da und nicht umgekehrt. Er hat also Kirchenkritik gemacht und sicher auch politische Kritik. Für Jesus ist immer der Mensch im Mittelpunkt gestanden. Der Mensch, die Gerechtigkeit, die Menschlichkeit, das Wohl der Menschen.

«Jesus war sicher nicht alleine»

So lassen sich jedenfalls Schriften wie die Bergpredigt interpretieren. Dann haben die Oberen von Kirche und Staat, Schriftgelehrte und Römer, zusammengespannt und dafür gesorgt, dass dieser unbequeme Jesus beseitigt wird. Er war dabei mit beiden Obrigkeiten in Konflikt, mit der kirchlichen und der weltlichen. Im Hintergrund des Bildes ist denn auch die weltliche Macht in Form der Soldaten und die kirchliche in Form des Hohepriesters oder dessen Diener zu sehen. Jesus war sicher nicht alleine. Es gab sicher noch andere, welche die Kirche auch kritisierten. Da wurde gerungen darum, in welche Richtung sich die Kirche entwickeln soll. Das war wohl schon damals ein Konflikt zwischen fundamentalistischen und modernen Vertretern.

Ostern ist für mich ein schwieriges Fest, weil es zu dieser Überhöhung von Jesus führt. Es überlagern sich viele Aspekte, heidnische Fruchtbarkeitsriten, das Pessach-Fest, dieses Leiden, das so hochgehalten wird. Doch Kirche ist da und lebendig, wird wertgeschätzt und hat ihren Auftrag. Gerade in der Nordwestschweiz. Was man aus dieser Geschichte nehmen kann, ist die Demut als herausragendes Merkmal von christlichem Selbstverständnis. Eine Demut, die uns durchaus gestattet, stolz zu sein auf den Beitrag unserer Kirche zur Kultur und zum Werden der Schweiz und ihrer Menschen: Freiheit, Zuverlässigkeit, Solidarität, Demokratie, alles christliche Werte, kommen zur Demut hinzu.

Und was wir mitnehmen können unter all den Religionen im 21. Jahrhundert: Wir sind durch die Aufklärung hindurch, wir dürfen denken und protestieren, Altes kritisieren und behalten oder Neues anpacken, die Kirche verändern, weitergehen und bleiben im Dienst an einer christlichen Gesellschaft.