Wenn es einen Filmschaffenden gibt, der seit den 1960er-Jahren weltweit die Avantgarde des Kinos beeinflusst, dann Yasujirô Ozu (1903-1963). Autoren wie Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Wim Wenders und viele andere lassen sich heute noch von seiner zeitlosen filmsprachlichen Eleganz und unaufgeregten erzählerischen Qualität inspirieren.

Die Chemie in der Familie ist Ozus Kernthema. Er zeigt sie kontrovers, als traditionellen Hort der sozialen Geborgenheit wie als Institution der Unterdrückung individueller Wünsche. Ozu sagt: «Ich versuche, das kollabierende japanische Familiensystem aufzuzeigen, in dem ich es am Beispiel des Aufwachsens der Kinder beobachte.»

Modellhaft in seinem Opus Magnum «Tokyo Story» (1953): Ein älteres Ehepaar besucht die erwachsenen Kinder und erkennt, dass die Jungen an den Eltern nicht mehr wirklich interessiert sind. Hier, wie in seinem Hauptwerk generell, gelingen Ozu plausible, von herbem Schalk umwehte und respektvolle Einblicke bis in intime Bereiche des Zusammenlebens hinein.

Propaganda im 2. Weltkrieg

Yasujirô Ozu stammt aus einer wohlhabenden, kinderreichen Familie aus Tokio. Früh begeistert ihn die Magie des neuen Massenmediums Film. Er sieht westliche Werke etwa von Charlie Chaplin, Harold Lloyd, Buster Keaton und als Teenager dann historische Epen wie «Quo Vadis?» oder «The Last Days of Pompeii» (beide 1913).

Yasujirô ist intelligent, neugierig, lebensdurstig, aber an einem standesgemässen Schulabschluss wenig interessiert; ihn zieht es zum Film. Bei den renommierten Shochiku Studios in Tokio wird er ab 1923 Kamera- und Regie-Assistent. Vier Jahre später dreht den ersten von 54 eigenen Filmen – anfangs oft Komödien und Gangsterstorys, von denen viele verschollen sind.

Japans Filmindustrie ist zu jener Zeit kommerziell gut aufgestellt. Und ab 1932 werden Ozus Projekte anspruchsvoller. Das schwarzweisse Stummfilm-Meisterwerk «I Was Born, But…» (1932) über den Bruch zwischen den Generationen etwa wird von der Kritik für seine sozialkritischen Ansätze gelobt.

Bald allerdings erfährt Ozus Karriere eine Zäsur: 1937 bis 1939 nimmt er als Soldat am japanisch-chinesischen Krieg teil, im 2. Weltkrieg ist er als Propaganda-Filmer im Einsatz. Und kurz vor dem Kriegsende 1945 wird er in einem britischen Gefangenenlager interniert. Nachher zieht er, nun 32-jährig, zu seiner Mutter, mit der er bis zu deren Tod zusammenlebt.

Ozus kreativste Schaffensphase fällt in die Zeit der amerikanischen Besetzung Japans, in der das asiatische Kino endlich auch international zur Kenntnis genommen wird: 1951 wird der Meister-Cineast Akira Kurosawa für sein Werk «Rashomon» mit dem «Goldenen Löwen» des Filmfestivals Venedig geehrt. Fast zeitgleich reüssiert Ozu mit dem Frauendrama «Late Spring» (1949) und kreiert mit «Early Summer» (1951) und dem erwähnten «Tokyo Story» die gefeierte sogenannte «Noriko-Trilogie».

Ozu erlebt und gestaltet die Entwicklung des Kinos mit. Er entwickelt eine unkonventionelle Bild- und Schnittästhetik mit geometrisch ausgestatteten Innenräumen, die wie Bilderahmen wirken. Die Kamera bewegt sich, anders als im gängigen Kino, selten, Schwenks, Fahrten, Spezialeffekte sind rar. Im Ozu-Universum treten die Darsteller oft ins statische Bild, blicken zuweilen direkt in die Kamera, verlassen das Tableau wieder.

Überraschende Blickwinkel

Legendär sind Ozus wiederkehrende Ausstattungs-Motive: Farbsignale (oftmals rot), architektonische Versatzstücke, Aufnahmen von Wäsche, zum Trocknen aufgehängt. Das sind keine formalen Spielereien, sondern eher eine Art «Wasserzeichen», an denen sich auch Veränderungen von Lebensgewohnheiten und Zeitgeist ablesen lassen. Ebenso in den häufigen Aufnahmen von Eisenbahnen. Sie zeugen von Japans Industrialisierung und stehen mehr noch metaphorisch für Hoffnung, Sehnsucht, Vergänglichkeit.

Das «Prinzip Ozu» wird von einem Stammteam geprägt: von Kameramann Yûharu Atsuta, Drehbuchautor Kôgo Noda und Schauspielern wie Chishû Ryû oder Setsuko Hara. Es fusst auf einer originären Bildgestaltung. Die Kamera ist oft auf Augenhöhe einer auf einer Tatami-Matte sitzenden Person positioniert. Durch diese ungewohnte Perspektive zeigt sich Vertrautes immer wieder aus überraschenden Blickwinkeln.

Ozu sagt: «Für mich ist alles, was ich produziere ein neuer Ausdruck, der einem neuen Interesse entspringt. Ich bin ein Maler, der dieselbe Rose malt.» Vielleicht meint er damit, dass man das eigene Denken immer wieder überprüfen, erweitern, bereichern soll.

Ozus letzter Film, «An Autumn Afternoon» (1962), handelt von einem älteren Witwer, den seine Tochter innig umsorgt. Der Vater macht sich Vorwürfe, weil ihm schwant, dass er sein Kind davon abhält, eine eigene Familie zu gründen. Noch einmal greift Ozu damit sein Grundmotiv auf. An seinem 60. Geburtstag, dem 12. Dezember 1963, erliegt er einem Krebsleiden.

Yasujirô Ozu – nie verheiratet und kinderlos – ruht neben seiner zuvor verstorbenen Mutter. Auf dem Grab ist sein Name nicht zu finden, aber das Zeichen MU: Es ist im Zen-Buddhismus verortet und kann mit «Nichts» oder «Leere» übersetzt werden.

Yasujirô Ozu – nichts und leer? Natürlich nicht. Wer Filme als sinnmotivierende Spiegelung des Lebens wahrnimmt, wird bis heute von seinem Schaffen dazu verführt, das Universelle im Mensch-Sein zu ergründen.

Die Yasujirô-Ozu-Retrospektive ist vom 1. bis 30. April im Stadtkino Basel zu sehen. www.stadtkinobasel.ch