Spital
Patientenvertreter verärgert über Ärzte-Kritik: Niemand operiert sich ohne Not

Für die hohen Gesundheitskosten im Zusammenhang mit Hüft- und Knieoperationen seien laut Ärzten unter anderem Patienten verantwortlich. Patienten- und Seniorenvertreter sind mit dieser These nicht einverstanden.

Mark Walther
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Basel prüft, ob in seinen Spitälern zu oft operiert wird.

Basel prüft, ob in seinen Spitälern zu oft operiert wird.

om

Künstliche Hüft- und Kniegelenke kosten Basel jedes Jahr 42 Millionen Franken. Die Last der Gesundheitskosten wächst jedes Jahr. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Unter anderem wirken die Bedürfnisse der Patienten kostentreibend, sagen Ärzte. Wer mit 55 Jahren nicht mehr schmerzfrei Tennis spielen könne, wolle eine Knieprothese, zitiert das «SRF-Regionaljournal» den Orthopäden Christoph Holenstein.

Dieser Vorwurf kommt bei Patienten- und Seniorenvertretern schlecht an. Lukas Bäumle, Präsident des Seniorenverbands Nordwestschweiz, ist nicht einverstanden damit. «Ich erlebe vielmehr, dass Betroffene den Gang zum Arzt hinauszögern, bis es nicht mehr geht», sagt Bäumle. Derselben Meinung ist auch Remo Gysin, Co-Präsident der Grauen Panther Nordwestschweiz. «Niemand lässt sich einfach so operieren», sagt er. Im Gegenteil: «Viele würden auf eine Operation verzichten, wenn sie besser informiert wären.»

Spitzenreiter

Basler gehen am häufigsten ins Spital

Die Hospitalisierungsrate ist nirgends so hoch wie in Basel. Die Hälfte aller stationär behandelten Patienten geht innerhalb eines Jahres noch einmal ins Spital. Das hat der Gesundheitsökonom Stefan Felder herausgefunden. In einem Gutachten im Auftrag der Schweizer Privatkliniken schreibt er, dass in Basel, Baselland und Freiburg die Rate besonders hoch sei. Zwischen den Kantonen bestünden erhebliche Unterschiede: In Zürich etwa liegt sie bei etwas mehr als einem Viertel.

Patienten besser informieren

Die Gesundheitskosten könne man durch umfassendere Information senken, sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. «Man muss den Patienten klar- machen, dass Operationen ein Risiko sind. Kommt es zu einer Infektion, ist der Gesundheitszustand nachher eventuell schlechter als vorher», sagt Kessler. Dann ist der erneute Gang ins Spital programmiert. Patienten müssten ihre Möglichkeiten besser kennen, etwa, eine Zweitmeinung einholen zu können. «Und zwar weit weg von Basel, damit sich die Ärzte nicht kennen», sagt Kessler. Die Zweitmeinung sieht Thomas von Allmen, Leiter der Basler Spitalversorgung, hingegen nicht als zielführend. Sie zu erheben, sei teuer und der Nutzen fraglich, wenn ein zweiter Fachspezialist das gleiche Prozedere noch einmal durchspiele. Um gegen die hohen Kosten vorzugehen, wählen von Allmen und der Kanton einen anderen Weg: Man schaut Ärzten und Spitälern genauer auf die Finger. Eine Befragung von Hüft- und Kniepatienten mittels Fragebogen soll zeigen, in welchem Ausmass in Basler Spitälern unnötigerweise operiert wird. Darüber berichtete das «SRF-Regionaljournal» am Montag.

Die Befragung verfolgt laut von Allmen auch das Ziel, die Patienten von überflüssigen Operationen abzubringen. In der Testphase verzeichnete man bereits einen Erfolg: «Ein Patient entschied sich aufgrund des Fragebogens gegen eine Operation», sagt er.

Den Fragebogen erhalten alle Hüft- und Kniepatienten des Basler Universitätsspitals und der Merian Iselin Klinik. Auch eine «kritische Masse» von Belegärzten habe man überzeugen können, ihn abzugeben – obwohl die Ablehnung laut von Allmen anfangs gross war.

Fallpauschalen als weiteres Übel

Dass der Kanton aktiv wird, begrüsst Stefan Felder, Gesundheitsökonom an der Uni Basel. Der Kanton sei direkt betroffen, indem er 55 Prozent der Fallpauschalen bezahle. Diese dienten den Spitälern als Anreiz, viel zu operieren. Der Grund: Die Tarife seien höher als die eigentlichen Kosten pro Fall. Felder sagt: «Die Orthopädie verspricht hohe Gewinne.» Was es brauche, sei Preiswettbewerb zwischen den Spitälern.

Gegenüber dem «SRF Regionaljournal» wehren sich die Ärzte gegen den Vorwurf, Operationen vorzunehmen, nur weil sie finanziell lukrativ sind. Es gebe zwar schwarze Schafe, aber auch andere Umstände, die die Gesundheitskosten stetig wachsen liessen. Ein Faktor ist demgemäss, dass es zu viele Spezialisten auf dem Platz Basel hat.