Tropenfieber

Paul und Fritz Sarasin: Geschichte des Forscher- und Liebespaares kommt auf die Bühne des Theaters Basel

Der Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger präsentiert sein neustes Stück am Theater Basel.

Der Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger präsentiert sein neustes Stück am Theater Basel.

Autor Thiemo Strutzenberger bringt die Geschichte des Forscher- und Liebespaares Paul und Fritz Sarasin auf die Bühne des Theater Basel.

1879 kommt es an der Universität Basel zu einer schicksalhaften Begegnung. Paul und Fritz Sarasin, beide angehende Naturforscher, beide Urenkel des vermögenden Seidenfabrikanten und Aufklärers Jakob Sarasin-Battier, beginnen eine Liebesbeziehung. Das ist damals, selbst für Söhne des Basler Daig, problematisch. Fritz und Paul verlassen ihre Heimatstadt und studieren in Würzburg Zoologie.

1883 reisen sie nach Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Drei Jahre lang unternehmen sie auf der Insel zoologische und anthropologische Feldforschungen. Danach leben sie sechs Jahre in Berlin, wo sie die Forschungsresultate auswerten und wahrscheinlich auch die Freiheiten einer Grossstadt geniessen. Es folgen Reisen nach Celebes in Indonesien, nach Ägypten und in den Sinai.

1896 kehren sie nach Basel zurück. Im Faeschhaus an der Spitalstrasse gründen sie eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Das Patrizierhaus wird bald zu einem intellektuellen Zentrum der Stadt und zum Ausgangspunkt für den helvetischen und internationalen Naturschutz. Paul wird 1906 Präsident der ersten schweizerischen Naturschutzkommission und überzeugt den Bundesrat, eine internationale Weltnaturschutz-Konferenz einzuberufen. Er ist auch Miterfinder des Schweizer Nationalparks im Unterengadin.

Zudem gründeten Fritz und Paul das Basler Völkerkundemuseum, heute Museum der Kulturen, und führten eine Zeitlang das Naturhistorische Museum Basel. Fritz amtete zudem als Direktor des Zoos.
Zwei perfekte Wissenschaftlerkarrieren also. Die Liebesbeziehung jedoch muss nach und nach erkaltet sein. 1918 heiratet Paul im Alter von 62 Jahren und wird zweifacher Vater. Er stirbt 1929 in Basel. Fritz überlebt ihn um 13 Jahre.

Die Geschichte der beiden Naturforscher, die so sehr mit ihrer eigenen Natur zu kämpfen hatten, hat den Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger zu einem Stück inspiriert, das heute Abend im Theater Basel uraufgeführt wird.

Zwei Männer in den Fängen ihrer Zeit

Thiemo Strutzenberger ist drei Tage vor der Premiere viel beschäftigt. Eben kommt er aus den Proben zu «Graf Öderland», reist kommende Woche nach München, wo er im «Woyzeck» spielt, und begleitet nun die Endproben zu seinem Stück «Wiederauferstehung der Vögel»: eine kunstvolle, surreale, in Jamben verfasste Annäherung an das Leben der beiden Sarasins. Auf den Stoff gestossen ist der Hausautor des Theaters Basel durch das Buch «Tropenliebe» des Historikers Bernhard C. Schär.

Er sei über Genderwissenschaften immer wieder in Berührung mit postkolonialer Theorie gekommen, sagt Strutzenberger. «Mich hat interessiert, wie das Thema in der Schweiz gedacht und erforscht wird.»
Paul und Fritz waren Männer ihrer Zeit. Ihre Forschungen sind vom eurozentrischen Blick geprägt. Ihre anthropologischen Messmethoden machen zwar Schule, werden aber auch Bezugspunkt für die sich formierende Rassenhygiene. Es stand damals zur Debatte, ob die entdeckten Menschen den Tieren oder den Menschen zuzurechnen sind. Gleichzeitig tritt die Evolutionstheorie ihren Siegeszug an. Die Frage, woher das Leben kommt, beschäftigt auch die Sarasins. Sie neigen eher zu einer religiösen Interpretation als zu einer materialistischen.

Strutzenberger meint dazu: «Mir ging es nicht darum zu sagen: Seht her, diese bösen weissen Männer. Mich interessiert eher die Frage, wie und warum es überhaupt möglich war und ist, andere Menschen nicht als gleichberechtigte Subjekte wahrzunehmen.» Es sei viel nützlicher zu sehen, aus welchem historischen Kontext, welchem zeitlichen Horizont heraus die beiden gewirkt haben, anstatt den Zeigefinger zu heben.

Ebenso wie das Naturverständnis interessiert den Autor, wie zwei sehr privilegierte Männer aus dem Basler Daig in einer Liebesbeziehung über Jahrzehnte eheähnlich leben konnten. «Es gab damals ja keine Kategorie, aufgrund derer jemand sagen konnte: Ich lebe als freier, selbstbestimmter, homosexueller Mann.»

In diesem Sinne waren sowohl die äussere wie die innere Natur für Fritz und Paul eine Herausforderung. Für Strutzenberger ist sein Stück auch das Porträt einer starken Liebe.

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