Als würde sie durch das grosse Tor aus Umberto Ecos «Der Name der Rose» in eine eigene, in sich geschlossene Welt treten: So habe es sich angefühlt, als sie 2011 ihre neue Stelle am Basler Münster antrat, sagt Pfarrerin Caroline Schröder Field. «Das Münster ist so reichhaltig an Geschichten, dass man den Eindruck hat, viele Jahrhunderte gleichzeitig zu durchwandern.» Auf dem Münsterplatz wird man allerdings wieder von der Gegenwart eingeholt. «Zur Zeit unseres Umzugs stand gerade die Herbstmesse vor der Tür», erinnert sie sich.

In nur drei Wochen werden Marktstände und das Riesenrad den Münsterplatz wieder bevölkern und Schröder Field blickt zurück auf drei Jahre Leben und Arbeit auf dem Münsterhügel: «Es ist ein sehr lebhafter Ort, der gleichzeitig, wenn nicht gerade Jahrmarkttrubel herrscht, eine meditative Stille ausstrahlen kann.»

Das Element der Einmaligkeit

Dass sie einmal Basler Münsterpfarrerin werden würde, konnte die 48-Jährige als junge Theologin noch nicht ahnen: Ihre ersten Berufsjahre verbrachte sie in ihrer Heimat in Deutschland. Doch da Deutschland, nicht wie die Schweiz, unter einem Pfarrmangel, sondern unter einem Pfarrstellenmangel litt, zog es sie früh in das südliche Nachbarland – zunächst nach Winterthur: «Meine ersten Jahre als Pfarrerin waren von viel Unsicherheit geprägt, womit ich anfänglich gut zurechtkam. Als aber nicht mehr nur meine Stelle, sondern auch der Wohnort meiner Familie betroffen war, suchte ich mehr Stabilität», erzählt die Mutter zweier Söhne.

Vor vier Jahren bewarb sie sich für die freie Stelle im Basler Münster, die sie im November 2011 antrat: «Ich fühlte mich von der klaren liturgischen Tradition angesprochen». Diese Tradition ist ihr heute noch wichtig, auch wenn sie manchmal mit ihr bricht. Beispielsweise als sie vor einigen Wochen ihre Predigt zum Erntedankfest schauspielerisch inszenierte.

Als sie die Predigt hielt, für die sie dieses Jahr mit dem ersten Schweizer Predigtpreis ausgezeichnet wurde, stand sie jedoch alleine auf der Kanzel: «Elia in der Wüste» lautete der Titel der Predigt, die aus einer ungewohnten Perspektive auf den alttestamentlichen Propheten blickt. Doch um in den biblischen Texten von Woche zu Woche Neues zu entdecken, braucht es viel Arbeit und Kreativität: «Vor Schreibblockaden fürchte ich mich nicht – ein leeres Blatt ist eine Herausforderung», erklärt Schröder Field.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiss sie, was eine gute Predigt ausmacht: «Sie muss verständlich sein und auch bei Menschen Eindruck hinterlassen, die keine regelmässigen Kirchgänger sind». Auch wer der Kirche eher distanziert gegenübersteht, soll sich angesprochen fühlen: «Ich bin kein Eventtyp», gibt sie zu, «aber auch einmalige Begegnungen sind eine ungeheure Chance. Es kann sein, dass jemand nur einen einzigen Gottesdienst besucht und sich noch Jahre später daran erinnert.»

Kein Multiple-Choice-Test

Das Münster ist eine aussergewöhnliche Kirche, ist Caroline Schröder Field überzeugt: «Hier kommen tief religiöse Menschen und Personen, die nur auf der Durchreise sind, zusammen. Alle haben sie existenzielle Fragen». Sei es ein Gottesdienst am Sonntagmorgen oder eine Münsterführung für Touristen aus aller Welt – die Pfarrerin wird mit diesen Fragen täglich konfrontiert.

Dass es ihre Aufgabe sei, auf diese simple Antworten zu finden, das glaubt sie schon lange nicht mehr: «Der Glaube ist kein Multiple-Choice-Test, bei dem es nur eine richtige Antwort gibt. Wenn Antworten gegeben werden, dann vielleicht am Jüngsten Tag, und sicher nicht von mir», scherzt sie. Wichtig sei es aber, nahe bei den Menschen zu bleiben: «In der Schweiz sagt man Landeskirche, aber ich mag den deutschen Begriff der «Volkskirche»: eine Kirche, die nah bei den Leuten ist und eine niedrige Schwelle hat.»

Ob ihre Wunschkirche tatsächlich die Kirche der Zukunft sein wird, dessen ist sich Schröder Field selbst nicht sicher: «Ich wünsche mir eine Kirche, in der die unterschiedlichsten Menschen vorkommen und in der wir uns dieser Unterschiedlichkeiten bewusst sind, sodass wir dieser Vielfalt Raum geben können. Aber vielleicht beschreibe ich gerade das ‹Reich Gottes› und nicht die Zukunftskirche», sagt sie und lacht. Wie das leere Blatt sei aber auch die ungewisse Zukunft eine Herausforderung.