Zoo Basel
Philipp Spindler: «Ganze Pferde sind artgerechtes Futter für Löwen»

Philipp Spindler ist seit einem halben Jahr verantwortlich für die Löwen, die gefährlichsten Tiere im Basler Zolli. Bei seiner Arbeit muss er ruhig und bedacht vorgehen, damit ihn die mächtigen Raubkatzen nicht als Gefahr wahrnehmen.

Muriel Mercier
Drucken
Teilen
Philipp Spindler kümmert sich als Tierpfleger im Zoo Basel um die Löwen
3 Bilder
Mitte des vergangenen Jahres sind im Zolli drei Löwen-Babys auf die Welt gekommen.
Die Löwen können den Besuchern sehr nahe kommen. Aber eigentlich interessieren sie sich nur für ihren Tierpfleger.

Philipp Spindler kümmert sich als Tierpfleger im Zoo Basel um die Löwen

Juri Junkov/Fotograf

Bedächtig erhebt sich Uma auf dem Felsvorsprung. Langsam dreht sie ihren Kopf nach rechts zu den Menschen hinter der Besucherscheibe. Sie mustert sie. Aber eigentlich interessiert die Löwin sich nicht für die vielen Augenpaare, die sie begeistert bestaunen. Sie ist konzentriert auf der Suche. Auf der Suche nach Philipp Spindler, ihrem Tierpfleger. Dieser schlendert an der Scheibe im Gamgoas-Haus entlang, sie hat ihn aus den Augen verloren. Okoa, das andere Weibchen, steht auf, hilft ihr beim Ausfindigmachen – und entdeckt ihn. Alles klar, die beiden Damen haben die Lage im Griff.

Uma, Okoa und auch das stattliche Löwen-Männchen Mbali lassen ihren Pfleger nicht aus den Augen. «Sie beobachten akribisch, was ich tue. Ich versuche, mit ihnen eine Verbindung aufzubauen, damit sie mich nicht als Gefahr wahrnehmen», sagt Spindler. So bringe er Ruhe in die Gruppe. Mittlerweile gehen sie in seiner Anwesenheit sogar ihrem täglichen Geschäft nach. «Eine der Mütter hat mal vor mir ihr Junges gesäugt», erzählt er und strahlt.

Diese Momente sind das höchste der Gefühle an Nähe, denn richtig nahe darf er den Tieren nicht kommen. Geschweige denn, sie auf der Aussenanlage besuchen. «Das wäre das Todesurteil.» Im Zolli gilt, die Wildtiere möglichst artgerecht zu behandeln. Wildtiere sollen Wildtiere bleiben.

Das heisst im Klartext, Spindler darf nicht einmal die neugeborenen, süssen, wuscheligen Katzen berühren. Schade. Denn Mitte des vergangenen Jahres sind Motshegetsi, Majo und Makani auf die Welt gekommen. Der Kurator durfte die Babys für die Untersuchung des Tierarztes nur kurz anfassen. Er schmunzelt: «Ich hätte sie natürlich gerne gestreichelt. Aber in solchen Momenten muss man widerstehen können.»

Ein Löwenwelpen erkundet das Gehege im Zoo Basel.
5 Bilder
Zwei Löwenwelpen - sie haben wie das dritte Neugeborene denselben Vater, den 13-jährigen Mbali.
Bei den Müttern handelt es sich um die 13-jährige Okoa und die 11-jährige Uma.
Die drei jungen Löwen wurden Ende Mai und Mitte Juni zur Welt gebracht.
Das Geschlecht der drei Jungen ist noch nicht bekannt. Namen haben sie noch keine.

Ein Löwenwelpen erkundet das Gehege im Zoo Basel.

Torben Weber/Zoo Basel

Vier Tage ohne Nahrung

Seit erst sechs Monaten kümmert sich der 33-Jährige um die Raubtiere. Sie zu Füttern gehört zu seinen Aufgaben. Jedoch nicht jeden Tag, sie kommen problemlos bis zu vier Tagen ohne Nahrung aus. Zudem gibt er ihnen das Futter nicht immer um dieselbe Zeit: «Ich möchte nicht, dass sie vor der Türe lauern.»

Zwischendurch lege er ihnen auf der Aussenanlage ganze Tierkörper hin. Ein Pferd, ein Rind oder eine Ziege. «Ginge es nach mir, würde ich die Tiere immer so füttern. Das ist am artgerechtesten.» Natürlich sei das Fleisch aus der Metzgerei auch eins a, schiebt er sogleich nach. «Aber ganze Körper sind das interessanteste Futter für die Löwen, weil sie ihre Lieblingsstücke selber suchen können.»

Die grossen Katzen reissen das Futtertier auseinander, holen sich das, was sie am liebsten essen: Organe und Innereien. Erst dann kommt der Rest dran – am Ende des Tages sei nicht mehr viel übrig vom Pferd. Die Zolli-Besucher, die dem Schauspiel vor dem Gehege oder hinter der Scheibe im Gamgoas-Haus folgen, haben nicht immer Freude an diesem Anblick. «Sie vergessen halt, dass unsere Löwen Raubtiere sind.»

Ein liebevoller Papi

Der kräftige Basler Löwenkönig Mbali sei ein liebevoller Vater, erzählt Spindler. «Makani ist das Jüngste der Nachwuchstiere und sehr Papa-fixiert», sagt er. «Er frisst häufig bei ihm, was in freier Natur nicht vorkommt.» Und überhaupt lässt Mbali erstaunlich viel über sich ergehen, was seine Jungs mit ihm anstellen. «Die Drei können ihn immer noch überfallen, ohne dass er sich daran stört.» Auch wenn es für die Zuschauer brutal aussieht: «Er kann zwar rabiat werden, aber seine Krallen hat er bisher noch nie ausgefahren.»

Damit die Löwen sich im Zolli wohlfühlen, müssen sie beschäftigt werden. Haben sie es mit einem ganzen Rind zu tun, überlegt sich Spindler andere Herausforderungen für die Raubkatzen. Nachwuchs aufzuziehen sei die beste Abwechslung, bis zu zwei Jahren dürfen die drei Kleinen bei Mbali, Uma und Okoa bleiben. Manchmal legt der Tierpfleger Duftspuren aus, Elefantenkot, Curry oder Parfum. «Die Löwen wälzen sich darin, um ihren Körpergeruch zu übertünchen. So können sie in freier Natur besser jagen.»

Um den Besuchern eine Freude zu machen, deponiert der gelernte Schreiner eine Kartonschachtel, gefüllt mit Stroh und Antilopenkot auf der Anlage, geht wieder raus und lässt die Tiere aus dem Stall. Sofort flitzen sie auf die Schachtel zu, drehen sie mit ihren Pranken, sodass sie bald durch die Luft fliegt. Motshegetsi, Majo und Makani turnen auf ihr herum, Mbali legt sich drauf.

Die Krokodile lassen ihn putzen

Spindler ist ein grosser Fan der Raubtiere. So war seine Freude riesig, als er nach sechs Jahren als Tierpfleger im Zolli die Arbeiten im Gamgoas-Haus übernehmen durfte. Sein linker Arm ist geschmückt mit einem Tattoo, das wohl immer grösser wird. Er fotografiert die Tiere, um die er sich kümmert und lässt sie sich auf die Haut stechen.

Philipp Spindler

Der 33-jährige Philipp Spindler ist seit sechseinhalb Jahren Tierpfleger im Basler Zoo. Es war immer sein Wunsch, sich eines Tages um die Tiere im Gamgoas-Haus zu kümmern. Bereits nach sechs Jahren wurde sein Wunsch erfüllt. Er kommt aus Starrkirch-Wil im Kanton Solothurn. Einst hat er weltweit bei einer Montagefirma gearbeitet, war viel in Afrika unterwegs und hat dort Safaris gemacht. So entstand die Faszination für Raubtiere. Vor den Löwen und Wildhunden kümmerte sich Spindler im Zolli um Gorillas, Nashörner und Antilopen.

Neben den Löwen ist er verantwortlich für die Zwergmangusten, Geparde, Mufflons, Wildhunde und Krokodile. Auf deren Anlage traut er sich bedenkenlos, obwohl sie nur einige Meter entfernt lauern. «Die Krokodile können unterscheiden zwischen Gehege putzen und Futter bekommen. Wenn ich putze, bleiben sie mir fern.» Aber er habe für alle Fälle immer ein Verteidigungsschild dabei.

Philipp Spindler ist bewusst, dass er einen Grossteil der gefährlichen Tiere im Zolli unter sich hat. «Ich habe Respekt vor den Raubtieren. Aber keine Angst. Hätte ich Angst, könnte ich nicht klar denken und würde Fehler machen.»

Aktuelle Nachrichten