Museums-Debatte
Philippe Bischof: «Wir wollen die Museen nicht ersticken»

Nach dem Finanzdebakel im Historischen Museum äussert sich Kulturchef Philippe Bischof zur Basler Museenlandschaft. Er will mit einer neuen Strategie künftige Finanzlöcher verhindern.

Simon Erlanger
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Erlebt intensive Wochen: Basels Kultur-Chef Philippe Bischof möchte die Debatte um die Basler Museen versachlichen. niz

Erlebt intensive Wochen: Basels Kultur-Chef Philippe Bischof möchte die Debatte um die Basler Museen versachlichen. niz

Nicole Nars-Zimmer niz

Herr Bischof: Seit dem Bekanntwerden des Finanzdebakels im Historischen Museum (HMB) kommt die staatliche Museumslandschaft nicht mehr zur Ruhe.

Philippe Bischof: Es sind intensive Wochen. Die Museen beschäftigen uns momentan intensiv. Wir bemühen uns darum, dass ihre Arbeit ruhig weitergehen kann, und um eine korrekte Darstellung der komplexen Situation um das Historische Museum.

Es fällt auf, dass das Präsidialdepartement und die Abteilung Kultur zwar auf Enthüllungen reagieren, nicht aber proaktiv informieren.

Das ist so. Wir waren wegen des Finanzkontrollberichts bezüglich des Historischen Museums mit der Geschäftsprüfungskommission (GPK), der Bildungs- und Kulturkommission (BKK) und der Finanzkommission (Fiko) im Gespräch. Von uns aus war klar, dass diese Berichte vertraulich sind und nicht vor Abschluss der Beratungen der Öffentlichkeit kommuniziert werden sollen. Es war nicht unsere Absicht, etwas unter dem Deckel zu halten. Für uns ist es aber ein vertraulicher Prozess.

Gab es also gezielte Indiskretion aus den Kommissionen?

Wir wissen es nicht. Wir jedenfalls haben kein Material an die Medien weitergegeben. Nachdem aber Informationen rausgegangen waren, haben wir uns entschieden, aktiv zu informieren.

Auch über das Kutschenmuseum? Dort behauptet ja der Unterstützerverein Hü-Basel, dass die Sammlung gefährdet ist.

Das ist falsch. Die Sammlung bleibt erhalten. Das Kutschenmuseum wird schliessen, weil die CMS Eigenbedarf geltend macht. Wir haben eine andere Lösung gesucht und keine gefunden. Das Historische Museum wird die Kutschen und Schlitten in einem Depot unterbringen. Die wenigen privaten Leihgaben werden an ihre Besitzer zurückgegeben. Der Rest wird konserviert, zudem plant das Museum einen Ausbau der digitalen Präsentation.

Aber sie wird in absehbarer Zeit nicht mehr öffentlich ausgestellt.

Das ist leider so. Aber nun gibt es ein privates Museumsprojekt von Hü-Basel, dass wir sehr begrüssen. Allerdings ist das Projekt finanziell und konzeptionell noch nicht genügend ausgereift. Sobald es betrieblich und finanziell spruchreif ist, wird es vom HMB geprüft. Es wäre ein Gewinn, wenn es realisierbar wäre.

Zurück zum Finanzdebakel am Historischen Museum: Dem Präsidialdepartement und auch Ihnen wird vorgeworfen, die Kontrollpflicht nicht wahrgenommen zu haben.

Die staatlichen Museen haben einen gesetzlich definierten und politisch gewollten Sonderstatus. Sie sind einerseits direkt der Abteilung Kultur unterstellte Dienststellen des Kantons, haben aber andererseits laut Museumsgesetz finanzielle und inhaltliche Selbstständigkeit. Sie haben ein Globalbudget und können dank einem Bonus-Malus-System Reserven bilden und die in einem Jahr gemachten Verluste im nächsten Jahr ausgleichen. Dank diesem Spielraum und der Unabhängigkeit können Museen überhaupt über mehrere Jahre hinweg planen.

Es bleibt die Frage der Kontrolle!

Diese ist wegen der operationellen Autonomie der Museen in der Tat schwierig. Für Budget und laufende Kontrolle sind die Museumsleitungen selbst zuständig. Die Aufsichtspflicht des Präsidialdepartements besteht in der Prüfung der Hochrechnungen. Dreimal pro Jahr werden die laufenden Budgets geprüft. Abweichungen ab 100 000 müssen vom Museum begründet werden.

Geschah dies beim HMB?

Selbstverständlich. Ende Mai 2015 wurde eine Budgetabweichung festgestellt. Die Begründung war aber absolut plausibel und ein Ausgleich übers Jahr wurde in Aussicht gestellt. Wie wir heute wissen, beruhte die Begründung aber auf falschen Annahmen der Direktion, auf Drittmitteln, die nicht vorhanden waren, und auf zu hohen Einnahmen.

Und das haben weder Sie noch die Kommissionen bemerkt?

Die BKK hat keine Budgetkompetenz und keine operative Verantwortung. Die Finanzkommission prüft die Jahresrechnung. Nach der Trennung von Marie-Paule Jungblut im September 2015 haben wir routinemässig die Finanzkontrolle eingeschaltet, um eine saubere Übergabe an die interimistische Direktorin Gudrun Piller zu ermöglichen. So kamen die Fakten an den Tag.

Wie verhindern Sie künftig finanzielle Überraschungen?

Wir wollen die Museen nicht ersticken. Sie brauchen Freiheit in Planung und Gestaltung. Wir überprüfen aber zur-zeit die Kontrollmechanismen.

Das heisst, dass Sie sich auf das jeweilige Museumsdirektorium verlassen müssen. Es braucht ein Vertrauensverhältnis.

Das ist eine der grossen Lehren aus dem Fall Jungblut. Das wird wichtig sein bei der HMB-Neubesetzung.

Die Basler Museen profitieren von privaten Sammlern, Stiftungen und Sponsoren. Da scheint aber einiges im Argen zu liegen, wie das Ausbleiben der Drittmittel im HMB zeigt.

In der Kommunikation zwischen der Direktion und privaten Stiftungen, Sammlern und Geldgebern gab es sicherlich Schwierigkeiten. Wichtig ist, dass hier das Vertrauen wieder hergestellt wird. Die Basler Museen brauchen eine enge Zusammenarbeit mit Privaten, und ich habe den Eindruck, dass dies weitgehend auch gut funktioniert. Grundsätzlich muss das Verhältnis immer wieder neu verhandelt werden, weil die Interessen von Sammlern und Museen oft unterschiedlich sind.

Da stellt sich die Frage nach der Ausrichtung. Dem Präsidialdepartment wird «Zeitgeistsurfen» vorgeworfen, gesellschaftspolitische Interventionen statt Zelebrieren der Sammlungen.

Die Museen machen die Programme, nicht das Präsidialdepartement. Ich bin der Überzeugung, dass die Pflege der Sammlungen und aktuelle Ausstellungsthemen bestens miteinander zu verbinden sind. Die beiden Ziele dürfen nicht in Konkurrenz stehen, sondern sollten sich fruchtbar ergänzen.

Das alles soll ja in einer neuen Museumsstrategie stehen, die seit langem aussteht. Wann kommt sie?

Im Herbst werden wir die neue Museumsstrategie der Regierung vorlegen. Und wir werden darin aus aktuellem Anlass auch auf die eingangs angesprochene Frage der Steuerung und Kontrolle der Museen eingehen: Aber ich will und kann hier dem Regierungsrat nicht vorgreifen.