Nähkästchen
Philosophin Annemarie Pieper über Vernunft: «Kant wäre sicher kein Coronaleugner»

Annemarie Pieper ist emeritierte Philosophieprofessorin der Uni Basel. Sie spricht über Trump, Fake News und die Ethik der Pandemie.

Zara Zatti
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Die Philosophin Annemarie Pieper vermisst heute die Offenheit in öffentlichen Diskursen.

Die Philosophin Annemarie Pieper vermisst heute die Offenheit in öffentlichen Diskursen.

Roland Schmid

Frau Pieper, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Annemarie Pieper: Vernunft.

Wann hatten sie jeweils das Gefühl, vernünftig gehandelt zu haben?

In jungen Jahren habe ich den Begriff selten gebraucht. Mit dem Wort assoziierte ich Ermahnungen von Autoritätspersonen. Ich hatte sogar immer eine leichte Aversion gegen das Wort, weil es einem unterstellt, man sei nicht ganz klar im Kopf.

Haben Sie sich irgendwann mit dem Wort versöhnt?

Erst durch Kant habe ich den Begriff verstanden. Bei Kant übernimmt die Vernunft die Rolle des Richters. Sie ordnet unsere Eindrücke und formuliert darauf gestützt ein Urteil.

Nach Kant soll man sich nur auf das verlassen, was man selber überprüfen kann. Aktuell müssen wir uns aber stark auf fremde Einschätzungen verlassen. Wäre Kant ein Coronaskeptiker?

Ich glaube, Kant würde eine gesunde Skepsis an den Tag legen, wäre aber sicher kein Coronaleugner.

Wieso nicht?

Die Leugner der Pandemie trauen ja nicht mal ihren eigenen Augen. Man sieht täglich Berichte aus Spitälern auf der ganzen Welt. Man kann nicht behaupten, dass die alle gefälscht sind.

Wieso sind die Menschen so misstrauisch geworden?

Ich glaube, die meisten Menschen haben in ihrem Leben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sie getäuscht wurden. Und sicher hat auch Trump seinen Beitrag dazu geleistet, indem er die Fake News aufgebracht hat.

Trump lügt und viele Menschen glauben ihm. Sind wir am Ende der Vernunft angekommen?

Trump gehört zu einer Sorte Mensch, die die Macht um der Macht willen will und nicht, um ein Volk gut zu regieren. Solche Machtmenschen hat es schon immer gegeben. Ich glaube, solange man noch offen diskutieren kann und dabei die Tatsache der möglichen Lüge einkalkuliert, ist noch nicht alles verloren.

Haben sich die öffentlichen Diskurse verändert?

Mir fehlt heute manchmal die Offenheit. Jeder kommt schon mit seiner festen Meinung an. Ich hatte früher Einsitz in vielen interdisziplinären Gremien mit Experten aus diversen Fachgebieten. Es hat mir immer gefallen, die unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen. Vor etwa 30 Jahren habe ich übrigens mal an einem Pandemie- gremium teilgenommen.

Waren Sie also quasi gut vorbereitet auf die Coronapandemie?

Als das Virus noch in Wuhan war, habe ich schon angefangen, Vorträge bis in den Juni hinein abzusagen. Damals dachten noch alle, dass ich spinne.

Gab es in diesem Gremium auch Szenarien, wie es ausgeht?

Es gab drei Szenarien. Was passiert, wenn alle Kinder sterben, wenn die mittlere Generation stirbt und wenn die alten Menschen sterben. Der Ökonom in der Runde sagte, am besten sei es, wenn die ältere Generation wegstirbt.

Also eine ähnliche Situation, wie wir sie jetzt haben.

Ja, und ich finde es bemerkenswert, dass aktuell ein grosser Konsens da ist, dass man die Alten schützen soll. Aber es gibt auch Diskussionen in eine andere Richtung: Also wem wir das Beatmungsgerät geben sollen, wenn die Plätze knapp werden. Ich gehöre selber zu den Alten und finde es richtig, die zu bevorzugen, die noch ein Leben vor sich haben. Man sollte das aber nicht staatlich verordnen.

Können Sie das ausführen?

Ich finde es falsch, dass man die Pandemie wie zu Beginn in Schweden einfach so laufen lässt und dabei in Kauf nimmt, dass die ältere Generation stirbt. Man hört auch immer wieder Sätze, dass diese Oma ja sowieso bald gestorben wäre und ohnehin nur noch ein Kostenfaktor sei. Das finde ich ethisch problematisch.

Finden Sie es auch problematisch, wenn nur Menschen, die sich impfen lassen, von mehr Freiheiten profitieren sollen?

Nein, das finde ich völlig in Ordnung. Wenn ich mich impfen lasse, dann trage ich dazu bei, dass die Herdenimmunität erreicht wird und alle geschützt sind. Das ist eine Form von Solidarität.

Und als Belohnung, dass man dazu beigetragen hat, dass alle sicher sind, darf man früher von Freiheiten profitieren?

Ja, und es ist schliesslich nur eine Frage der Zeit. Soll man den Geimpften, die keine Gefahr mehr sind für andere, etwa vorschreiben, sie sollen noch warten mit Reisen, bis alle anderen auch können? Ich fände eher das ungerecht und erst noch schädlich für die Wirtschaft.

Wird uns die Pandemie nachhaltig verändern?

Ich glaube, die potenzielle Gefahr wird uns im Hinterkopf bleiben. Und ich glaube, wir haben in der Pandemie gelernt, dass nicht allein die Wirtschaft, sondern auch die Kultur systemrelevant ist.