Kunst
Picasso zu Besuch in der südbadischen Provinz

In seiner Kunsthalle in Riegel am Kaiserstuhl bei Freiburg im Breisgau zeigt der ehemalige Unternehmer und Kunstmäzen Jürgen A. Messmer die Ausstellung Picasso und die Frauen. Möglich ist das, weil es statt Unikaten vor allem Drucke zu sehen gibt.

Peter Schenk
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Picasso Ausstellung
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Jürgen A. Messmer in der Picasso-Ausstellung. Im Hintergrund Lithografien.
Ein riesiges Poster macht am Tower des Euro-Airport Werbung für eine Picasso-Ausstellung in Riegel am Kaiserstuhl (D), 80 Kilometer nördlich von Basel.
Die Keramik Jacqueline au chevalet, 1956 - Nummer 138 von 200.
Pablo Picasso, Femme au corsage à fleurs, 1958
Pablo Picasso_Dora Maar, tête renversée_1939

Picasso Ausstellung

zvg

«Picasso und die Frauen – Die grosse Sonderausstellung der Kunsthalle Messmer, Riegel am Kaiserstuhl» verspricht das 14 auf 7 Meter riesige Poster, das am Kontrollturm des Euro-Airport (EAP) hängt. Kann das sein: Eine zweite Tate oder Fondation Beyeler weitgehend unbemerkt in der südbadischen Provinz, 80 Kilometer nördlich von Basel in der Nähe von Freiburg im Breisgau?

Vor Ort wartet eine leichte Enttäuschung. In der Medienmitteilung angekündigt waren «rund 130 Arbeiten Picassos aus bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen», ergänzt durch originale Werke der Frauen Picassos, die selbst künstlerisch tätig waren. Die Arbeiten Picassos entpuppen sich allerdings überwiegend als Lithografien, Kupferstiche, Radierungen und Linolschnitte. Das heisst, es sind zwar Originaldrucke, diese können aber Auflagen von einigen Hundert erreichen.

Hohe Versicherungsbeträge

«Ein Picasso kann heute zwischen 30 und 60 Millionen Euro kosten. Um ihn zu zeigen, muss ich ihn versichern. Bei einer Versicherungssumme von rund einem Promille sind das 30 000 bis 60 000 Euro. Dazu kommen noch die Transportkosten, die noch teurer sein können. Das kann ich mir gar nicht leisten», erklärt Jürgen A. Messmer. Da dürfte es ihm ähnlich gehen wie vielen anderen kleineren oder mittleren Museen. Es ist die 25. Ausstellung, die der Ex-Unternehmer in seiner Kunsthalle zeigt, die er 2009 in dem Gebäude der ehemaligen Riegeler Brauerei eingerichtet hat.

Die Titel der bisherigen Ausstellungen lesen sich teils wie das Who's Who der Kunstgeschichte: Chagall, Miro, Christo, Warhol, Dali oder Hundertwasser – wer da schon alles den Weg an den Rand des Kaiserstuhls gefunden hat. Zwar gibt es regelmässig auch einzelne Original Ölgemälde, also Unikate, möglich war dies aber überwiegend durch Ausweichen auf Originaldrucke.

Nur eine einzige Frau hat Picasso verlassen

Die Frauen haben eine zentrale Rolle im Leben und Schaffen Picassos gespielt. Ihnen selber ist das nicht immer gut bekommen. So hat sich Marie-Thérèse Walter, die er 1927, als sie 17-jährig war, kennenlernte, ebenso nach seinem Tod das Leben genommen wie seine zweite und letzte Ehefrau Jacqueline Roque. Die Malerin Françoise Gilot war bis 1953 neun Jahre seine Gefährtin. Mit ihr hatte er die beiden Kinder Claude und Paloma. Sie blieb die einzige Frau, die ihn aus eigenem Antrieb verlassen hat.

Thema der Ausstellung sind auch Fernande Olivier, die erste Frau an seiner Seite, Eva Gouel oder «Ma Jolie», wie er sie nannte oder später Olga Koklova. Die Malerin und Fotografin Dora Maar wurde von 1936 bis 1945 zur bekanntesten Muse des Malers. Die Porträtserie Sylvette entstand innerhalb von nur drei Monaten aufgrund des Treffens mit Sylvette David, der Picasso im Frühjahr 1953 begegnet war. Kunsthallen-Gründer Jürgen A. Messmer hat David in England selber getroffen. Mit 45 Jahren trat sie zum katholischen Glauben über und arbeitete fortan unter dem Namen Lydia Corbett. Sie überliess dem Besucher - «weil die Chemie stimmte», wie Messmer sagt – für seine Ausstellung Keramiken von Picasso und eigene Werke. Zu sehen sind ausserdem Gemälde von Françoise Gilot sowie Zeichnungen von Dora Maar und Fernande Olivier.

Aufgewertet wird die Riegeler Picasso-Ausstellung durch die grossen schwarz-weiss Fotografien des renommierten Fotografen David Douglas Duncan, der den Maler fotografisch intensiv begleitet hat. Angela Rosengart, die Tochter des Schweizer Kunsthändlers Siegfried Rosengart, wurde fünf Mal von Picasso porträtiert. Rosengart hat Messmer eine Lithografie und einen Linolschnitt mit Porträts von ihr zur Verfügung gestellt. Von ihr stammt mit Dora Maar, tête renversée, auch ein Original Ölbild, das sie aus dem Nachlass von Dora Maar erwarb. (psc)

Picasso und die Frauen bis 12.11.17, Kunsthalle Messmer, Riegel am Kaiserstuhl, Di – So 10-18 Uhr.
www.kunsthallemessmer.de

Erfolgreiche Chagall-Ausstellung

«Ich achte auf Arbeiten mit kleiner Auflage, aber auch die sind kaum zu bekommen», betont Messmer. Die Ausstellung zu Chagall, die bisher erfolgreichste der Kunsthalle, kam über eine Dame zustande, die den gesamten 50-teiligen Bibelzyklus besass und zur Verfügung stellte. Bei derartigen Begegnungen spielt neben dem Beziehungsnetz auch der Zufall oft eine Rolle. «Die Miro-Ausstellung wurde durch den Sammler ermöglicht, der mir die Chagall-Drucke besorgt hat.»

Die Picasso-Ausstellung hat Messmer selber kuratiert. Manchmal wirkt das ein wenig handgestrickt, wenn Messmer zum Beispiel in der Einführung in der Ich-Form damit argumentiert, er habe selber schon zwölf Picasso-Ausstellungen gesehen. Seinem Ziel, «die Lebenswege und Schickale der Frauen an Picassos Seite in den Vordergrund zu stellen» wird er allerdings durchaus gerecht. Für die Ausstellung wichtige Originalmalereien Picassos zeigt er in der Regel als Reproduktion.

40 000 bis 50 000 Besucher

Pro Jahr finden 40 000 bis 50 000 Besucher den Weg in die Kunsthalle – «zunehmend mehr überregional und auch aus der Nordwestschweiz«, betont Messmer. Selber hat er bereits als Student angefangen, Kunst zu sammeln. Beruflich hatte er als Eigentümer des Unternehmens «Messmer Pen», die hochwertige Schreibgeräte, also Füller und Kugelschreiber, produziert, mit Design zu tun. Da sei der Weg zur Kunst nicht weit, sagt Messmer. 2006 verkaufte er seine Firma.

Seine Kunstsammlung besteht heute aus 1000 Werken. Den Grundstock dafür legte er Ende der 70er Jahre, als er über einen US-amerikanischen Sammler den Schweizer Künstler André Evard (1876 – 1972) entdeckte. «Der Galerist suchte jemanden, der sich um den Nachlass kümmert. Es war Liebe auf den ersten Blick», erzählt Messmer. Er hat die ganze 700 Werke umfassende Sammlung erworben. Auch wenn er bedauert, dass Evard kunsthistorisch unter Wert eingeschätzt werde, bereut er nichts. «Verkauft habe ich bisher so gut wie nichts. Das wäre schrecklich für mich. Dabei hat mir vor vier Jahren ein Sammler aus den USA für Evards wichtige Rosenserie aus den 20er Jahren einmal eine Million Dollar geboten.»

Zum Andenken an Tochter

Seine Kunststiftung hat Messmer 2005 im Andenken an seine verstorbene Tochter Petra Kerstin gegründet. Die Investition für die Kunsthalle belief sich auf rund 1,5 Millionen Euro. Daneben gibt es eine Verkaufsgalerie. Stiftung und Kunsthalle sind schuldenfrei. Das ist Messmer wichtig. «Besonderes Anliegen ist dem Kunstmäzen die Vermittlung und Präsentation von Kunst an eine möglichst breite Öffentlichkeit», so die Medienmitteilung. Für einen Ausflug ins Badische ist die Kunsthalle allemal gut – nur die Tate, die Fondation Beyeler oder auch das Museum Frieder Burda darf man nicht erwarten.