Wie doch die Zeit vergeht. Diese Floskel ist mehr als wahr, zumindest wenn man es mit Gert, dem gerontologischen Testanzug, zu tun hat. Sandsäcke an Hand- und Fussgelenk, eine erdrückend schwere Weste, eine zweckentfremdete Skibrille und Hochtonschwerhörigkeit durch satt sitzende Kopfhörer. Nicht zu vergessen sind Halskrause, Ellbogen- und Knieschoner. Sitzt das unmögliche Kostüm, gehts auf einen Testspaziergang. Treppe rauf und runter, durch die Tür nach draussen, kurz durchschnaufen und wieder zurück. Eine harmlose Runde, wären da nicht die vielen Einschränkungen.

Die Türfalle ergreifen: Was für ein Kraftakt. Kurz einen Blick zur Seite werfen: Geht gar nicht. Den Vögeln beim Singen zuhören: Pfeifen diese überhaupt? Der Anzug erfüllt seinen Zweck. Wahrnehmung und Beweglichkeit sind stark reduziert. Doch wozu soll das gut sein? Alt wird man so oder so, auch ein Simulationsanzug ändert nichts an dieser Tatsache.

1000 tödliche Treppenstürze

«Der Anzug wurde konzipiert, um den Alltag für Senioren sicherer und bedienungsfreundlicher gestalten zu können», sagt René Künzli, Präsident der Terz-Stiftung, welche sich für Menschen ab 65 Jahren einsetzt. Senioren sollten in ihren vier Wänden möglichst lange sicher leben können, so Künzli. Ein grosses Thema sei die Treppensicherheit. Von jährlich 12'000 registrierten Stürzen auf Treppen würden 1000 tödlich enden. Stürze vom Velo oder dem E-Bike gebe es pro Jahr 23 mit tödlichen Folgen, vergleicht Künzli die beiden Zahlen. Er sieht grossen Handlungsbedarf, um die Treppensicherheit zu verbessern.

Wer mit dem Simulationsanzug Treppen steigt, wird sich der Gefahren schnell bewusst. Eine Markierung der ersten und letzten Stufe wäre hilfreich, Handläufe auf beiden Seiten der Treppe ebenfalls. Auch ein rutschiger Boden kann zum Verhängnis werden. «Es sind Kleinigkeiten, die man verbessern müsste, damit sich Senioren auf der Treppe sicherer fühlen», sagt Künzli. Dies sei besonders wichtig, denn die Treppe sollte nicht gemieden werden, sie diene schliesslich als Fitnessstudio im Alltag.

Anzug ist nicht unbedingt Realität

Wenn die Beine schwer und ein aufrechter Gang durch das Gewicht des Anzugs immer schwieriger wird, dann ist die Versuchung gross, den Lift zu bestellen. Doch genau diese Bequemlichkeit ist gefährlich. «Man kann sehr viel fürs Alter tun», sagt Reto Kressig, Chefarzt am Felix-Platter-Spital. Der Anzug dürfe auf keinen Fall das Gefühl vermitteln, dass es im Alter allen so gehen werde. Leider und fälschlicherweise sei vor allem bei den älteren Senioren oft Fatalismus spürbar. Doch Kressig ist überzeugt: «Wer aktiv etwas für die Gesundheit tut, kann den Alterungsprozess beeinflussen.» Viele Bewegungseinheiten sowie die Ernährung sind für den Geriatrie-Experten entscheidend.

Dennoch findet es Kressig gut, mit relativ einfachen Methoden das Alter zu simulieren: «Für junge Medizinstudenten sind solche Erfahrungen ein wunderbarer Einstieg in die Altersmedizin.» Denn so steigt beispielsweise das Verständnis, wenn ein Patient am Telefon nicht gerade sofort versteht, worum es geht.

Wer sich noch nicht mit solchen Problemen beschäftigen muss, ist dennoch froh, nach zehn Minuten das Experiment Alter zu beenden. Knapp 30 Kilogramm leichter, ohne Brille, welche den Grauen Star simuliert, und befreit von den Kopfhörern ist die junge Unbeschwertheit schlagartig zurück. Noch nie war die Heimfahrt mit dem Velo so wohltuend.