Plötzlich urteilsunfähig: Was passiert, wenn eine Krankheit oder ein Unfall einen aus dem Alltag herausreisst und eigene Entscheide nicht mehr möglich sind? Die bz hat gemeinsam mit der Basler Advokatenkammer und dem Basellandschaftlichen Anwaltsverband an zwei restlos ausgebuchten Veranstaltungen informiert, wie vorgesorgt werden kann.

Frau Jedelhauser, weshalb interessieren sich so viele Menschen für das Thema des Vorsorgeauftrages?

Rita Jedelhauser: Der Vorsorgeauftrag wurde vor vier Jahren eingeführt. Für den Fall, dass man urteilsunfähig wird, kann man in ihm festlegen, wer für einen handeln soll. Inzwischen hat er sich zum Shootingstar des Erwachsenenschutzes gemausert. Banken, Versicherungen und Treuhänder bewerben den Vorsorgeauftrag intensiv. Viele Menschen kennen den Begriff, wissen aber nicht genau, was er bedeutet. Dazu mischt sich oft eine diffuse Angst vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb).

Was lässt sich mit einem solchen Vorsorgeauftrag alles regeln?

Es gibt drei unterschiedliche Bereiche: die Personensorge, die Vermögenssorge und die Vertretung im Rechtsverkehr. Die Personensorge betrifft sämtliche Entscheidungen der Gesundheit und des Alltags: Das beginnt, mit der Entscheidung, wer die Post öffnet, bis dahin, wo die Person lebt und wie sie gepflegt werden möchte. Ich rate, dass man für diese Fragen eine nahestehende Person aus der Familie bestimmt. Die Rechtsvertretung ist in den meisten Fällen jemand Externes; und bei der Vermögenssorge lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Weshalb?

Sind die Familienverhältnisse intakt, spricht nichts dagegen, einen Verwandten oder eine Verwandte für die Verwaltung des Geldes einzusetzen. Anders, wenn die Familie zerstritten ist, die Vermögensverhältnisse kompliziert sind und es Fachwissen für die Verwaltung braucht: Dann ist man besser beraten, die Vermögenssorge extern zu geben. Sonst ist der Streit um die Erbschaft programmiert. Ein blauäugiges Denken, im Sinne von, «Die packen es dann schon», ist wenig hilfreich.

Nicht mehr für sich selber entscheiden zu können, wird oft mit Demenz in Verbindung gebracht. Durch einen Unfall oder einen Hirnschlag kann es auch Junge treffen. Wem empfehlen Sie, einen Vorsorgeauftrag auszufüllen?

Grundsätzlich jedem. Im Ernstfall ist es für die Angehörigen aber eine grosse Entlastung, wenn sie die Wünsche der urteilsunfähigen Person kennen. Das gleiche gilt für die Behörden. Müssen sie nach Indizien suchen, welches Pflegeheim passen könnte, finden sie möglicherweise nicht das richtige. Als Anwältin habe ich schon mehrfach gedacht: Hätte die urteilsunfähige Person ihre Wünsche doch aufgeschrieben; dann hätten wir eine bessere Entscheidungsgrundlage. Ebenso wichtig ist es, Themen wie Patientenverfügung, Testament und jene Fragen anzugehen, wie man beerdigt werden will oder ob man seine Organe spendet.

Was ist mit dem Einfluss des Ehepartners oder der Ehepartnerin?

Das gesetzliche Vertretungsrecht von Eheleuten umfasst nur die Alltagsgeschäfte. Dies sind Dinge wie Briefe öffnen und Rechnungen oder Miete bezahlen. Sobald es um grössere Geschäfte geht, wie beispielsweise eine Hypothek zu erhöhen, muss der urteilsfähige Ehepartner diese von der Kesb bewilligen lassen. Liegt hingegen ein Vorsorgeauftrag vor, kann er oder sie im Rahmen dessen entscheiden.

Der Vorsorgeauftrag kann von einem Notar beurkundet oder selber geschrieben werden. Wozu raten Sie?

Nicht alle müssen einen Profi einsetzen. Die Vorsorge muss den eigenen Verhältnissen entsprechen. Sind die finanziellen Mittel bescheiden und die Familienverhältnisse geklärt, reicht es, einen Vorsorgeauftrag selber von Hand aufzusetzen. Dabei muss man die Formvorschrift beachten: Bei der Kesb Basel-Stadt gibt es dafür eine Mustervorlage. Wichtig ist, dass man jemanden aus einer jüngeren Generation einsetzt und dieser Person seine Wünsche mitteilt. Sind die Verhältnisse kompliziert, lohnt sich eine Beratung bei einem Treuhänder, Anwalt oder Notar.

Wo liegen die Fallstricke beim Vorsorgeauftrag?

Allgemein gilt, dass man sich gut überlegen muss, wem man sein Vertrauen schenkt. Der Vorsorgebeauftragte hat sehr viel Handlungsspielraum. Man muss der Person oder den Personen sprichwörtlich «blind vertrauen». Wichtig ist auch, dass der Vorsorgeauftrag so deponiert wird, dass er im Ernstfall rasch zur Hand ist und der Behörde zur Validierung vorgelegt werden kann. Zudem vergessen viele, einen Ersatzbeauftragten zu bestimmen. Wird der Wunschkandidat krank oder will die Verantwortung nicht übernehmen, müssen andere erwachsenschutzrechtliche Massnahmen geprüft werden. Denn: Es wird niemand alleine gelassen, ein Sicherheitsnetz greift. Entweder jenes, das man selber geknüpft hat oder jenes des Staates.