Podiumsdiskussion
Sexuelle Gewalt an Frauen: «Langeweile im Stadtbild resultiert in vermindertem Sicherheitsempfinden»

Eine Podiumsdiskussion zur Sicherheit der Frauen sucht eine Woche nach der Vergewaltigung an der Heuwaage nach Antworten.

Maria-Elisa Schrade
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Ein Ort, der Nachts verunsichert: In der Heuwaage-Unterführung wurde vergangene Woche eine junge Frau vergewaltigt.

Ein Ort, der Nachts verunsichert: In der Heuwaage-Unterführung wurde vergangene Woche eine junge Frau vergewaltigt.

Nicole Nars-Zimmer

Sexuelle Gewalt wird hauptsächlich von Männern ausgeübt und richtet sich in einer überwältigenden Mehrheit der Fälle gegen Frauen, so belegen es zahlreiche Statistiken. Doch warum ist das so und was hat das mit Stadtplanung zu tun? «Sicherheit, Architektur und Raumplanung sind männerdominiert – unser patriarchal geprägtes Rollenverständnis beeinflusst sowohl die Stadtplanung als auch die Art und Weise, wie Frauen die Stadt erleben. Die Sicherheit von Frauen wird dabei wenig berücksichtigt.» So steht es in der Programmankündigung der Podiumsdiskussion «Frausein im öffentlichen Raum – Stadtraum und Sicherheit aus weiblicher Sicht», zu der das Stadtteilsekretariat Basel-West und der Quartiertreffpunkt «LoLa» Dienstagabend in die Primarschule Lysbüchel eingeladen haben.

«Wenn es um Gewalt und Geschlechterrollen geht, leben wir meist noch in einer Welt, in der Männer die Täter sind»,

bestätigt Gaudenz Löhnert, Geschäftsführer des Männerbüros der Region Basel, den Vorwurf patriarchaler Strukturen. Eine Frau aus dem Publikum spricht von «toxischer Männlichkeit». Dabei geht es um repressive, stereotype Vorstellungen von Männlichkeit, die in destruktivem Verhalten resultieren, das sowohl Männer als auch Frauen gefährdet.

Warum der Verkehr ein Problem ist

Derartige Geschlechterstereotype würden von Männern wie Frauen im Alltag reproduziert, sei es in der Erziehung oder bei der Verhaltensimitation Gleichaltriger. So beobachtet Alexandra Maier vom Community Policing der Basler Kantonspolizei bei ihrer Arbeit mit jungen Leuten häufig übersteigerte, stereotype Rollenbilder, die darin resultieren, dass Macho-Verhalten belohnt und sexuelle Übergriffe nicht sanktioniert werden.

Doch was hat das mit Stadtplanung zu tun? Sie ist laut den Veranstaltenden nach wie vor überwiegend in der Hand patriarchal denkender Männer und läuft daher Gefahr, die Bedürfnisse von Frauen nicht zu berücksichtigen. Christine Seidler, Professorin für Siedlungsentwicklung und Ökonomie an der Fachhochschule Graubünden, erklärt: «Der Verkehr nimmt in unseren Städten viel Raum ein und hat einen starken Einfluss auf unser Sicherheitsempfinden. Die meisten Männer fahren mit Auto, ein Grossteil der Frauen geht hingegen zu Fuss. Sie fühlen sich an Strassen ausgeliefert, die für das Auto konzipiert sind.»

Seidler beschreibt das Gefühl der «Raumgeborgenheit», das bei kleinteiligen Bauabfolgen entstehe. Menschen brauchen ihrer Meinung nach Abwechslung in der Stadtlandschaft sowie die Möglichkeit, mit ihrem Umfeld interagieren und sich dieses ein Stück weit aneignen zu können, damit sie sich wohl und sicher fühlen. «Langeweile im Stadtbild resultiert in vermindertem Sicherheitsempfinden», so Seidler.

Auch die Bevölkerung ist in der Verantwortung

Sowohl die Stadtentwicklung als auch die Kantonspolizei kennen die vielfältigen Probleme und versuchen öffentliche Räume zu «Bespielen und Beleben». Ausserdem treten sie in den Dialog mit der Bevölkerung, um die Bedürfnisse verschiedener Gruppen zu berücksichtigen und diese zu sensibilisieren. Das geht aus den Berichten von Nadine Grüner aus der Stadtentwicklung und Bettina Frei von der Gewaltprävention hervor.

Doch auch die Bevölkerung ist in der Verantwortung.

«Die beste Stadtplanung und die beste Polizei nützen nichts, wenn sich das Verhalten der Menschen nicht ändert»,

gibt Seidler zu bedenken. Denn die Studien zeigen: Menschliches Sicherheitsempfinden setzt Vertrauen in die Mitmenschen voraus.

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