Dichtung

«Poetry-Slam ist die prollige Schwester der Lyrik»

Entspannt vor der Premiere: Fatima Moumouni und Laurin Buser präsentieren kommende Woche ihr neues Abendprogramm «Gold».

Entspannt vor der Premiere: Fatima Moumouni und Laurin Buser präsentieren kommende Woche ihr neues Abendprogramm «Gold».

Fatima Moumouni (26) und Laurin Buser (28) feiern mit ihrer neuen Show «Gold» Premiere im Basler Tabourettli.

Sie slammen seit fünf Jahren zusammen. Was macht Fatima Moumouni zur idealen Slam-Partnerin, Laurin Buser?

Laurin Buser: Sie ist an der Uni, das heisst, sie hat dieses Debatten-Wissen und den intellektuellen Swag. Sie bringt viel Haltung in die Arbeit, viel Dringlichkeit und Idealismus.

Was geht mit Laurin, was mit anderen Poetry-Slammern nicht geht, Fatima Moumouni?

Fatima Moumouni: Das Streiten funktioniert hervorragend. Und sich in einem Thema regelrecht zu verbeissen geht mit ihm auch. Laurin hat auch ein gutes Rhythmusgefühl, was mir wiederum ein wenig abgeht.

Sie haben beide Ihre Spuren im Rap hinterlassen. Der ist zwar längst massentauglich, gilt aber als cool. Slam-Poetry wirkt dagegen ein wenig wie das bürgerliche Geschwister des Rap. Ist Poetry-Slam der Hip-Hop für Biedermeier?

Moumouni: Nein. Der Poetry-Slam ist nur so lange das bürgerliche Geschwister des Hip-Hop, bis das Publikum und die Performerinnen durchmischter sind. Man muss auch betonen, dass Poetry-Slam kein Genre ist, sondern ein Forum, in dem alles stattfinden darf. Rap und Literatur sind da eher ausschliessend auf ihre Art.

Buser: Aus einer anderen Perspektive betrachtet ist Poetry-Slam die prollige Schwester der Lyrik.

Der Hip-Hop erfindet sich andauernd neu, zurzeit durch den Trap. Die Slam Poetry ist dagegen statischer, viele Performances ähneln einander. Warum ist das so?

Buser: Ich würde dem widersprechen. Ich glaube nicht, dass die Slam-Szene so erfolgreich wäre, wenn sie sich nicht wandeln würde. Was man dem Slam vielleicht vorwerfen kann, ist, dass immer wieder dieselben Mittel bedient werden. Aufzähltexte, Mitmachtexte, solche Dinge. Aber das sind halt Sachen, die funktionieren und die immer wieder gebraucht werden, weil die Mittel zur Interaktion zwischen Bühne und Publikum beschränkt sind. Im Hip-Hop gibt es diese Muster übrigens genau so.

Laurin Buser, Sie sind vor knapp einem Jahr nach Hamburg gezogen um dort in der Rap-Szene Fuss zu fassen. Gleichzeitig sind Sie weiterhin als Schauspieler und Slammer in der Schweiz zu sehen. Weil es mit dem Durchbruch nicht so recht klappen will?

Buser: Deutschland hat eine der grössten Musikbranchen weltweit, da tritt man nicht mal eben ein und sagt: So, ich übernehme. Aber es geht voran, 2019 stehen die Veröffentlichungen einiger Tracks in der Agenda.

Sie gelten beide als kritische Slammer, die harte Pointen nicht scheuen. Wie politisch ist Ihr neues Programm «Gold»?

Buser: Wir sprechen über Rassismus, Geschlechterthemen, Sprache im Allgemeinen, übertriebene Selbstliebe, Modeerscheinungen. Für uns fühlt sich das so an, als wäre das Schreiben für dieses Programm ein Schürfen nach Gold, darum haben wir die Show auch so genannt.

Welche Debatten interessieren Sie?

Moumouni: Im Mittelpunkt steht die Sprache, denn die ist im Moment politisch und gesellschaftlich sehr umkämpft. Gerade als Spracharbeiterin halte ich das für eine gute Gelegenheit, diese Debatte anzunehmen. Auch, weil wir unterschiedliche Ausgangslagen mitbringen und damit verschiedene Perspektiven auf die Frage, wie man über Dinge spricht und welche Worte man benutzt. Er ist ein Mann, ich bin eine Frau. Er ist weiss, ich bin schwarz. Er hat sowohl jüdische als auch christliche Wurzeln, ich bin Muslima und in einem katholischen Mädchengymnasium zur Schule gegangen.

Wie verarbeiten Sie den politischen Streit um Sprache im Slam?

Moumouni: Indem wir zum Beispiel das Thema der Political Correctness konkret in einen Text verpacken. Unsere Arbeit ist insgesamt ein gelebtes Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Sprache. Denn diese Auseinandersetzung findet mit dem Streit um die Political Correctness ja gar nicht statt. Die Diskussion läuft vielmehr darauf hinaus, dass es darum geht, wer zu empfindlich ist und wer stur.

Macht euch diese Debatte vorsichtiger beim Schreiben?

Buser: Ja, aber ich empfinde das nicht als störend oder als eine Art innere Schere im Kopf. Ich finde, und das betrifft ja nicht nur uns, sondern alle Menschen, ob Künstler oder nicht, man darf sich schon Gedanken darüber machen, was man sagt und welche Wirkung es hat.

Manche sehen in der Political Correctness den Tod der Kunst. Als in Berlin ein umstrittenes Gedicht nach Sexismusvorwürfen von der Fassade einer Hochschule entfernt wurde, war der Aufschrei riesig.

Moumouni: Ich denke nicht, dass Kunst unfrei ist oder unfreier wird. Im Unterschied zu früher ist es heute so, dass da etwas zurückkommt. Es war schon immer denkfaul zu sagen: «Ich habe einen Text geschrieben, vielleicht meine ich die Aussage nicht so, vielleicht schon, aber der Text ist auf jeden Fall Kunst, also ist er unberührbar.» Es gibt einen Grund, warum man zum Beispiel die Argumente von Schwarzen, von Queers oder anderen Randgruppen lange nicht gehört hat. Man hat sie ausgeblendet. Jetzt hört man diese Stimmen eben, und man muss mit dem, was zurückkommt, umgehen können.

Buser: Und man muss gleichzeitig akzeptieren, dass es keinen Regelkatalog gibt. Alles ist in Bewegung, alles ist Sache einer fortlaufenden Aushandlung. Ich verstehe nicht, warum einige den ständigen Drang haben, Regeln zu finden, wie das jetzt und für immer abzulaufen habe.

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