Die Aula des Gymnasiums am Münsterplatz füllt sich mit Jugendlichen. Viele von ihnen sprechen – englisch. Sie absolvieren das International Baccalaureate, die zweisprachige Matur.

Die Frage drängt sich auf, wie diese Gymnasiasten den französischen Botschafter empfangen wollen. Und sie beantwortet sich von selbst. Als seine Exzellenz René Roudaut auf dem Podium Platz nimmt, zusammen mit acht Schülerinnen und Schülern der beiden letzten Jahrgangsklassen vor der Matur, wechselt die Kommunikation ganz natürlich auf Französisch.

Konrektor Manuel Pombo, der das Podium umsichtig leitet und dabei die Bühne dem Botschafter und den Jugendlichen überlässt, stellt das Programm vor. Und dieses ist schwer verdauliche politische Kost: die Geschichte und Funktionsweise der EU, das Verhältnis der Schweiz zur EU, die rechtspopulistischen Bewegungen in den europäischen Ländern, die Auswirkungen der Masseneinwanderungsinitiative auf die Schweizer Wirtschaft und Diplomatie, die Arbeitslosigkeit in der EU, der europäische Umgang mit den Flüchtlingen aus dem Süden, die Probleme Griechenlands und der Krieg in der Ukraine.

Bedrohung oder Chance?

Der Botschafter sieht die EU als einen erfolgreichen Integrationsprozess. Friede sei für Europa kein selbstverständlicher Zustand, wie er der heutigen Jugend erscheinen möge, sondern das Resultat grosser Anstrengungen. Viele EU-Bürger würden sich jedoch nach wie vor eher mit ihrem Land und ihrer Region identifizieren als mit Europa. Und die Zunahme der rechtspopulistischen Bewegungen zeige, dass Europa von manchen eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen werde.

Die Gymnasiasten wollen von ihm wissen, wie er die Folgen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative einschätze. Der Botschafter weiss das Datum der Volksbefragung auswendig, wägt seine Worte gut ab und äussert sich sehr klar: «Die Stärke der Schweiz besteht in ihrer Offenheit. Sie ist auf den Handel und die internationale Zusammenarbeit angewiesen: Unter Ihnen sind sicher einige, deren Eltern in international tätigen Unternehmen arbeiten. Sie selbst und mehr noch Ihre Kinder werden sich eines Tages gleichermassen als Europäer fühlen wie als Angehörige einer Nation.»

Umso schwieriger findet er die schweizerische Haltung, einerseits an den Vorteilen der EU teilzuhaben, andererseits trotz bilateraler Abkommen die Spielregeln eigenständig neu definieren zu wollen. Die Redewendung vom Fünfer und dem Weggli drückt er auf Französisch so aus: «On ne peut pas avoir le beurre et l’argent pour le beurre.»

Kritische Fragen

Das Publikum ist sachkundig und konzentriert: Im Französisch-Unterricht wurden die Themen gruppenweise vorbereitet. Die Verantwortlichen stellen vorformulierte Fragen, sind aber auch kompetent und sprachgewandt genug, spontan nachzuhaken: Wer ist schuld an der Misere in Griechenland – die EU oder die Griechen selbst? Was hätte die EU tun können, um den Krieg in der Ukraine zu verhindern? Wie demokratisch ist die EU? Warum hat sich die EU nicht schon viel früher um das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer gekümmert? René Roudaut gibt Einblick in die Bemühungen der EU und erklärt, wie schwerfällig manche Entscheidungen und Handlungen ablaufen. Er lobt ausdrücklich das sprachliche Niveau der Schüler und betont: «Sprache, das ist Kultur und Begegnung, nicht nur vocabulaire et grammaire.» Gerade ihm muss man diesen Aphorismus glauben.

Und was sagen die Jugendlichen selber zu anderthalb Stunden Dauerfranzösisch? David Pavlu meint: «Mich interessieren Politik und Geschichte: Und auf Französisch zu diskutieren, macht einfach Spass.» Und sein Kollege ergänzt in jugendlicher Selbstherrlichkeit: «Seine Exzellenz hat sich ja auch bemüht, einfach und verständlich zu sprechen.»