Dienstagabend, Gundeli-Casino. Wohl hundert Menschen sitzen, stehen, lehnen an der Wand und haben auf dem Boden Platz genommen. Bis auf zwei sind sie alle gegen die neue Linienführung des 36er-Busses. Sie haben eine Wut im Bauch und lassen ihr freien Lauf mit Zwischenrufen, höhnischem Gelächter und Buh-Rufen. «Warum etwas ändern, was gut funktioniert?», fragt eine ältere Frau. Ein Mann meint, er habe gedacht, das neue Verkehrskonzept solle dem Quartier etwas bringen und nicht den Auswärtigen.

Es sind diese beiden Fragen, welche der Veranstaltung plötzlich eine grundsätzliche Note geben: Warum etwas ändern, wenn es bisher funktioniert hat? Wem soll Politik nützen, wenn nicht mir? Auf den ersten Blick sind es vernünftige Fragen, die sich viele Schweizer stellen.

Doch einmal abgesehen von der Busfrage im Gundeli und grundsätzlich betrachtet: Wer sich politisch nur nach diesen Fragen ausrichtet, erntet Stagnation und Unfriede. Stagnation, weil Entwicklung immer auch Abschied von Bewährtem beinhaltet. Das Bessere ist, wie Voltaire trefflich bemerkte, der Feind des Guten – es darf nicht umgekehrt sein. Zu Unfriede führt die Haltung, weil das Resultat einer reinen Eigennutz-Politik immer auch Ungleichheit ist. Die Stabilität der Schweiz beruht auf dem Ausgleich – zwischen Reformierten und Katholiken, zwischen Deutschschweizern und Romands, zwischen Gutverdienenden und Schlechtgestellten. Es gab früher für diesen Ausgleich eine mächtige Parole, die etwas aus der Mode gekommen ist: Solidarität.

Im Gundeli hat also am Dienstagabend ein Aufstand stattgefunden. Ein Aufstand gegen die Planer im Verkehrsdepartement, gegen «Auswärtige», die das Quartier verbessern wollen und ihm damit den Garaus machen, gegen Technokraten, die, so der Vorwurf, die Welt nur vom Bürostuhl aus kennen und keine Ahnung haben, wie die Scheiben klirren bei der Heiliggeistkirche, wenn der 16er um die Kurve rattert. Ein «Wir sind das Volk»-Gefühl durchwehte den stickigen Raum im Gundeli-Casino. Nach der Veranstaltung ist klar: Das Verkehrskonzept lässt sich kaum durchsetzen. Nicht gegen so wütenden Widerstand. Auch darin unterscheidet sich die Politik in der Schweiz von der in vielen anderen Ländern: Politik gegen das Volk geht nicht. Stuttgart 21 wäre hier nicht möglich.

Später wurden Stimmen laut, die sich fragten, ob jetzt 100 Protestierende bestimmen, wie 18'000 Einwohner im Gundeli denken. Das nicht. Aber in einer Demokratie ist es immer die Minderheit derer, die sich äussert, die das Schicksal der schweigenden Mehrheit bestimmt. Der Aufstand im Gundeli-Casino zeigt auch, dass es sich lohnt, die Stimme zu erheben. Und sei es, um die Notbremse zu ziehen.