Die warme Jahreszeit macht es möglich. Die Leute sind draussen in der Stadt. Und irgendwann trifft es jeden: Die Blase drückt, ein WC ist dringend gefragt. Öffentliche Toiletten gibt es in der Stadt viele, und doch verrichten immer wieder zweibeinige Lebewesen – die allermeisten davon Männer – ihre Notdurft irgendwo im Freien.

«Eine Sauerei», schimpft Heiner Vischer, LDP-Grossrat in Basel-Stadt. In seinem Anzug an den Regierungsrat fordert er nun mehr kostenlose Pissoirs für die Stadt. «Wenn ich am Abend hinter der Barfüsserkirche durchlaufe, stinkt es gewaltig nach Urin», beklagt sich Vischer. Der LDP-Politiker kritisiert aber auch die abgeschiedene Lage diverser öffentlicher WC-Anlagen, wie zum Beispiel an der Schifflände: «An dieser dunklen Ecke will doch niemand aufs Häuschen», gibt er zu bedenken. Vor allem für Frauen seien solch verlassene Ecken zu unsicher. Auf traurige Weise hat der Vergewaltigungsfall vor zwei Wochen am Theodorsgraben allerdings gezeigt, dass auch prominenter platzierte Anlagen nicht unbedingt sicherer sind.

Vischer will nicht nur mehr stille Örtchen in der Stadt, sondern auch bei der Erziehung der Bevölkerung ansetzen: «Es braucht einen Verhaltenskodex für die Gesellschaft», schlägt er vor. Dieser solle in der Schule gefördert werden. In den Familien werde die Erziehung seiner Ansicht nach heutzutage zu wenig ernst angegangen.

SP-Politikerin stösst ins gleiche Horn

Die junge SP-Grossrätin Salome Hofer stösst ins gleiche Horn: «Es ist gut, dass man proaktiv an das Problem herangeht und nicht bloss reaktionär», lobt sie. Sie finde eine Erweiterung der Infrastruktur besser als die «unschöne» Lösung höherer und häufiger Bussen. Wildpinkeln kostet 50 Franken ... wenn man ertappt wird. Nur findet Hofer: «Wenn, dann muss es auch mehr normale WC-Anlagen geben und nicht nur Pissoirs für die Männer.» Obwohl beim «Wildpinkeln» vor allem die Männer ein Problem darstellen, dürfe man davon ausgehen, dass Frauen genauso häufig aufs Klo müssen.

Nach Festen und Wochenenden müssen die Putztrupps regelmässig mit viel Wasser und Geruchsblocker ausrücken, um den Urin aus den Strassen zu waschen, erklärt Heinz Ackermann von der Stadtreinigung. «Das ist ein erheblicher Mehraufwand für uns», klagt er. Schlimm seien das Rheinufer und die Steinenvorstadt.

André Frauchiger, Mediensprecher des Tiefbauamtes Basel-Stadt, sieht das Problem so: «Die Leute wollen keine 200 Meter auf sich nehmen, um eine Toilette zu suchen.» Die 50 Rappen für die selbstreinigenden WC-Anlagen findet Frauchiger ebenfalls zumutbar. Es gäbe nun eine Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit der Verbesserung des ohnehin äusserst dichten Basler WC-Netzes beschäftige, so Frauchiger. Dabei werden Vorschläge aus der Regierung sowie aus der Bevölkerung aufgenommen. «Ein Basel, in dem nicht ‹wild› uriniert wird, wird es auch in Zukunft nie geben», bedauert Frauchiger. Sonst müsste man durchgreifen wie in Singapur, wo fürs freie «Schiffen» fast schon eine Gefängnisstrafe droht. «Und das wollen wir in unserer freien Gesellschaft dann doch nicht», ist Frauchiger überzeugt.