Der Politologe Richard Kleinschmager (69) verfolgt seit 30 Jahren das Wahlverhalten der Elsässer. Der Professor für Politische Geografie hat seine gesamte Karriere und auch sein Studium an der Universität Strassburg gemacht. Er stammt ursprünglich aus Metz, seine Mutter war Lothringerin, der Vater Deutscher.

Seit 2015 ist Kleinschmager emeritiert, verfolgt und kommentiert die Wahlen aber weiterhin für französische, elsässische und internationale Medien. Im Interview äussert er sich zum Elsass und den Präsidentschaftswahlen 2017. Der erste Wahlgang findet am 23. April und der zweite am 7. Mai statt. Der zukünftige Präsident oder die Präsidentin muss im zweiten Wahlgang, einem Duell unter den beiden Politikern, die die meisten Stimmen erhielten, auf die absolute Mehrheit der Stimmen kommen.

Herr Kleinschmager, gibt es grosse Unterschiede zwischen dem Wahlverhalten der Elsässer und dem übrigen Frankreich?

Richard Kleinschmager: Das Elsass wählt rechter als der Rest des Landes. Wenn man die bürgerliche Rechte und den Front National zusammenzählt, kommt man im Elsass auf eine Zweidrittelmehrheit für die Rechte, ein Drittel spricht sich für die Linke aus. Bei den letzten Regionalwahlen 2015 hat sich das noch verstärkt: Jetzt sind wir bei drei Vierteln für die Rechte und noch einem Viertel für die Linke.

Hat denn die Linke überhaupt keine Bedeutung mehr?

Sie existiert nur noch in Strassburg. Weil Strassburg im Departement Bas-Rhin 40 Prozent der Bevölkerung stellt, wiegt das allerdings schwer. Im Haut-Rhin, dem Südelsass, ist sie fast verschwunden. Der ehemals linke Maire von Mulhouse, Jean-Marie Bockel, hatte sich ja Nicolas Sarkozy angeschlossen.

Bei den Wahlen 2015 sind die Sozialisten im Haut-Rhin noch auf 9,5 Prozent der Stimmen gekommen. Dabei stellen sie in Frankreich die Regierungspartei. Wie kommt das?

Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 hat der Sozialist François Hollande immerhin 18 Millionen Stimmen erhalten und mit 51,6 Prozent die Mehrheit geholt. Bei den Präsidenten herrscht in Frankreich allerdings grosse Instabilität. Chirac, Sarkozy, Hollande – wir haben andauernd neue Präsidenten. Das Land ist sehr hart und anspruchsvoll mit seinen Politikern. Für die regierenden Sozialisten ist die Ausgangslage im Elsass schwierig. Bei den Vorwahlen ist die Partei beinahe auseinandergebrochen. Viele Elsässer Sozialisten stehen den Sozialdemokraten nahe und werden Mühe haben, für den Kandidaten Benoît Hamon zu stimmen, der am linken Rand der Partei steht.

Wie erleben die Elsässer diesen Wahlkampf?

Das mehrheitlich bürgerliche Elsass hat erst Sarkozy und dann Fillon unterstützt, aber heute? Als ich kürzlich auf dem Markt war, haben zwei Damen Flugblätter für Fillon verteilt – sie standen ganz am Rand und haben sich kaum getraut, auf die Leute zuzugehen. Die bürgerlichen Wähler sind stark verunsichert. Das merkt man auch bei den elsässischen Politikern – sie beziehen kaum Position und machen keinen Wahlkampf für Fillon.

Glauben Sie, dass die Elsässer Fillon seine Skandale um die Scheinbeschäftigung seiner Familie verzeihen werden?

Er wird abgestraft werden, selbst wenn die Bürgerlichen unter sich diskutieren, ob Fillon wirklich schuldig ist. Sehr viele Wähler haben noch nicht entschieden, wie sie abstimmen. Viele werden sich spontan in der Wahlkabine entscheiden. Das gab es in diesem Ausmass noch nie.

Warum ist der Front National im Elsass so stark?

Anfangs hat es sicher daran gelegen, dass die ehemals stark industrialisierte Region sehr früh in eine Krise geraten ist. Der FN erhielt seine Stimmen von der weissen Arbeiter- und -unterschicht. Danach rückte die Frage der durch die Einwanderer bedrohten Identität in den Mittelpunkt – im Elsass ist diese Thematik umso bedeutender, weil wir hier eine komplexe Identität haben.

Kann man immer noch von einer Protestwahl sprechen?

Nein, im Elsass gibt es mittlerweile fast 200 000 vom FN überzeugte Wähler. Bei den Präsidentschaftswahlen 1995 entsprachen 220 000 Stimmen gut 25 Prozent der Stimmen – der nationale Durchschnitt lag bei 15 Prozent. Es wird schwierig für den FN, über diesen Sockel hinauszukommen. Erfolg hat er vor allem bei den Jungen: Bei den 18- bis 24-Jährigen erhält er mit 35 Prozent die meisten Stimmen und sehr gut schneidet er auch bei den 25- bis 40-Jährigen ab. Die Alten hingegen wählen weniger aus dem Bauch und dafür strategisch. Bei den über 60-Jährigen erhält der FN deshalb nicht mehr als 21 Prozent.

Halten Sie den FN, der heute oft rechtspopulistisch genannt wird, noch für rechtsextrem?

Er tritt nach aussen nicht mehr so auf. Die Faschisten, die den Wahlsieg als ersten Schritt zur Eroberung der Macht sahen, sind an die Seite gedrängt worden. Ganz verschwunden sind sie aber nicht. Sie werden in dem Moment wieder an Bedeutung gewinnen, sobald der Front National an die Macht kommt. Dann könnten ihre Positionen in der Aussenpolitik, aber auch beim härteren Vorgehen gegenüber Einwanderern wieder zum Tragen kommen.

Schon das offizielle Programm des FN ist sehr hart: Es fordert die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, unter gewissen Bedingungen ein Verbot der gemischten Heiraten und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Vor allem in Bezug auf die Immigration hat die Übernahme mancher Thesen des FN durch Sarkozy dazu geführt, dass sie banalisiert wurden.

Ist Marine Le Pens Strategie, ihre Partei zu entdiabolisieren, im Elsass aufgegangen?

Auf jeden Fall. Die Leute sind bereit, wenn sie schon rechts wählen, noch weiter an den Rand auszuweichen. Oft zu hören ist: Jetzt haben wir sie alle ausprobiert, nur Marine Le Pen noch nicht. Warum diesmal also nicht sie? Das bedeutet, dass die Partei nicht mehr diesen teuflischen Schwefelgeruch von früher hat. Den ersten Wahlgang wird sie deutlich für sich entscheiden.

Aber kann Sie im zweiten Wahlgang, wenn sie die absolute Mehrheit braucht, gewinnen?

Der FN hat in Frankreich nie mehr als sieben Millionen Stimmen erhalten. Um Präsidentin zu werden, müsste Marine Le Pen dieses Resultat fast verdreifachen. Der feste Wähleranteil nimmt zwar zu, aber er bleibt limitiert. Sollte es vor den Wahlen aber zu einem schweren Attentat kommen, dann wird alles möglich. Bei einem Erfolg müsste die Präsidentin Le Pen bei den im Juni folgenden nationalen Parlamentswahlen die Mehrheit holen – das wären 290 Sitze. Dafür hat der FN weder die Leute noch die lokale Verankerung. Und eine Koalition mit einer anderen Partei ist derzeit undenkbar.

Wie wird das Elsass bei einem zweiten Wahlgang zwischen Fillon und Le Pen abstimmen?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube aber, dass zumindest ein Teil der Mitte-Links-Wähler aufgrund einer Anti-Le-Pen-Reaktion für Fillon stimmen wird. Dieser republikanische Reflex ist aufseiten der Linken stärker als auf der Rechten. Sollte es zu einem Duell zwischen Macron und Le Pen kommen, werden meiner Ansicht nach nicht alle Fillon-Wähler für Macron stimmen. Vielleicht ein Drittel, die bürgerliche Mitte, dürfte Macron unterstützen, ein weiteres Drittel dürfte sich der Stimme enthalten, ein weiteres Drittel FN wählen.

Kann Macron davon profitieren, dass es im Elsass eine zentristische Tradition gibt?

Das kommt darauf an. Interessant ist, dass Macron im gleichen Ausmass von linken Politikern wie von Gaullisten unterstützt wird. Letztere waren im Elsass früher sehr stark.

Wie wird Macron im Elsass gesehen?

Das ist ja das Problem, man kann ihn nicht wirklich einschätzen. Die Leute, auch auf der Rechten, sagen, sie stimmen für Macron, weil sie Le Pen nicht wollen und ihm zutrauen, verschiedene Positionen zusammenzuführen. Aber Macron ist ein Unbekannter in der Politik und erst vor einigen Monaten als Präsidentschaftskandidat gestartet. Das ist erstaunlich. Sein Vorteil ist, dass er nicht wirklich Stellung bezieht – ein wenig wie Martin Schulz in Deutschland, der auch noch kein richtiges Programm hat.

Tickt das Elsass heute noch europäisch?

Die Teilnahme an den Europawahlen ist weiterhin hoch. Auch bei anderen europäischen Abstimmungen und Referenden hat das Elsass immer mehr an den Wahlen teilgenommen als andere französische Regionen.

Könnte das Elsass nicht ein Modell dafür sein, den klassischen französischen Rechts-Links-Gegensatz zu überwinden?

Es gibt ein Beispiel dafür, von dem wenig gesprochen wird. Der Zweckverband um Strassburg, die Eurométropole, wird mit seinen 30 Kommunen und 500 000 Einwohnern von den Bürgerlichen und den Linken zusammen regiert. Das ist also nicht undenkbar.