Unsere kleine Stadt

Polizisten als Standup-Comedians

In der Altstadt ist der Güterumschlag (mit Autos) zu bestimmten Zeiten erlaubt – für Velos auch?

In der Altstadt ist der Güterumschlag (mit Autos) zu bestimmten Zeiten erlaubt – für Velos auch?

Jetzt tut mir Polizist Meier schon fast leid. Hilfesuchend blickt er zu seinem gross gewachsenen, bärtigen Kollegen. Dieser hat eben meinen Rettungsengel laufen beziehungsweise fahren lassen. Was dazu führt, dass Polizist Meier mir meine Busse ebenfalls erlässt.

Zu Beginn dieser filmreifen Szene war ich vom Barfi her die Streitgasse hoch geradelt, Richtung Freie Strasse. Gerade sinniere ich, weshalb die Streitgasse wohl so heisst, als sich der linke Fuss von Polizist Meier vor mein Vorderrad schiebt und meine gemütliche Fahrt durch den grauen Novembermorgen abrupt unterbricht. Er fordert 30 Franken Busse von mir: «Velofahren in der Fussgängerzone ist verboten», sagt Polizist Meier. Erstaunt wende ich ein: «Das Fahrverbot gilt doch nur in den Sperrstunden, ab 11 Uhr, und jetzt ist es erst halb neun.» Nein, behauptet Polizist Meier, das Fahrverbot gelte immer.

Ich frage, was denn mit den Lastwagen und Autos sei, die hier, während wir sprechen, ständig zirkulieren. Dieser Verkehr diene dem Güterumschlag, klärt mich Polizist Meier auf, und sei deshalb erlaubt. «Ich bin auch Güterumschlag», wende ich ein. Tatsächlich gilt meine Fahrt der Abholung meiner frisch gereinigten Kleider im «Pfauen». Und ausserdem plane ich, dort noch Lebensmittel einzukaufen. Ich erkläre das dem Polizisten. Dieser meint in allem Ernst, Abholen sei kein Güterumschlag, er könne nichts dafür. «Wenn ich also etwas liefere, zum Beispiel meine Kleider zum ‹Pfauen› in die Reinigung bringe, dann wäre es legal?», möchte ich wissen.

«Jein», sagt Polizist Meier (ungelogen!). «Ja oder nein?», frage ich. «Ja, dann wäre es Güterumschlag», gibt Polizist Meier zu. Lieferung wäre also nach dieser Logik erlaubt, Abholung nicht. Ich kann dies fast nicht glauben, sehe aber, dass weitere fünf Kollegen von Polizist Meier nichts Besseres zu tun haben, als empörten bis sprachlosen Velofahrerinnen und Velofahrern an der Ecke Streitgasse-Freie Strasse im Akkord Bussen zu verteilen. Eine wahre Razzia gegen Zweiräder ist im Gang, während sich weiterhin Lastwagen und Autos links und rechts an uns vorbeizwängen. Polizist Meier will meinen Ausweis sehen. Er beginnt umständlich sein Bussengerät zu traktieren, um meine Personalien aufzunehmen. Wäre es nicht besser, denke ich, das hier verschwendete Geld in anständige Lesegeräte für Ausweise zu investieren? Da braust fröhlich ein «Metropol»-Velokurier auf einem Cargobike die Streitgasse hoch. Er wird sich als mein Rettungsengel entpuppen.

Der bärtige Kollege von Polizist Meier hält ihn an: «Wohin des Weges?», fragt er jovial. «Ich muss da oben beim Münsterberg etwas abholen», antwortet der junge Mann auf dem Velo. «Ok», quittiert der Bärtige, und winkt den Velokurier durch. Ich: «Das war jetzt aber auch eine Abholung mit einem leeren Gefährt!» Polizist Meier zum Bärtigen: «War der leer?» Der Bärtige: «Ja.» Polizist Meier, jetzt sichtbar bleich, zu mir: «Fahren Sie weiter!». Ich: «Bekomme ich jetzt keine Busse?» Polizist Meier: «Nein, ist für Sie erledigt.» «Danke», gebe ich verdutzt zurück.

Und was lernen wir daraus? Die Polizei kümmert sich offenbar ganz gerne um Verstösse, die nicht nur harmlos sind, sondern ganz und gar nicht existieren.

Ob die Velo-Bussen an diesem Morgen den verschleuderten Steuerbatzen wieder einspielten, bleibt offen. Dafür wissen wir jetzt, weshalb die Streitgasse so heisst – und haben zu danken: Danke, «Metropol»-Kurier! Danke, Polizist Meier, für Ihre Geduld und auch dafür, dass Sie für Recht und Ordnung so bedauernswert froren an diesem Morgen. Und ein Dank geht auch an Ihre Chefs, die diesen Einsatz befahlen und damit ein neues Rollenbild für ihre Mitarbeiter erfanden: Polizisten als Standup-Comedians.

 

Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

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