Polizeipsychologin
«Polizisten fühlen sich sicherer als der Rest der Welt»

Franziska Schwitter hat die Nothelfer-Gruppe Peer gegründet. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Polizeipsychologin bei der Basler Polizei. Sie ist täglich für die Polizisten da, die schlimme Erlebnisse während ihres Einsatzes verdauen müssen.

Muriel Mercier
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Franziska Schwitter.

Franziska Schwitter.

Nicole Nars-Zimmer niz

Ein Polizist mit einem Trauma. Das ist ein Fall für Franziska Schwitter. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Polizeipsychologin bei der Basler Polizei. Täglich ist sie für die Polizisten da, die schlimme Erlebnisse während ihres Einsatzes verdauen müssen. Aber nicht nur: Als Offizier muss sie die Kaderangestellten schulen, wie diese mit ihren traumatisierten Angestellten umgehen sollen. So, dass sie motiviert bleiben und die Freude an ihrem Job behalten.

Frau Schwitter, eine Waffe wird auf einen Polizisten gerichtet. Er erleidet einen Schock. Kommt er dann zu Ihnen?

Franziska Schwitter: Nein, ich als Psychologin komme erst ins Spiel, wenn sein Peer der Meinung ist, er könne dem Betroffenen nicht mehr helfen. Vor ungefähr 14 Jahren habe ich die Peer-Gruppe ins Leben gerufen. Der Peer ist ein Berufskollege auf der gleichen Rangebene, der in so einem Fall als psychosozialer Nothelfer arbeitet.

Können Sie ein Beispiel machen?

Vor einiger Zeit hat eine Polizistin eine ertrinkende Frau aus der Birs gezogen. Diese ist danach gestorben, obwohl die Polizistin sie versucht hat, zu reanimieren. Die Polizistin macht sich nun Vorwürfe, worauf der Peer ihr gut zuspricht und beteuert, sie habe alles richtig gemacht. Wenn aber reden, telefonieren oder Kaffee trinken nicht mehr hilft, kommt die Polizistin zu mir. Peer sind wichtig, weil geschockte Polizisten oftmals Hemmungen haben, mit einem Offizier über ihre Gefühle zu sprechen. Grössere Schadenfälle jedoch behandle ich jedoch direkt.

Was sind grössere Schadenfällen?

Ein Patrouillenführer wurde bei einem Einsatz erschossen, sein Polizeikollege hat darauf aus Reflex den Täter auch getötet. In diesem Fall übernehme ich die Koordination, denn jetzt muss man sich sowohl um die Angehörigen, als auch um den zweiten Polizisten kümmern sowie dafür sorgen, dass die Polizistenkollegen des Verstorbenen sich von ihm verabschieden können.

Natürlich kann man sich nicht darauf vorbereiten, dass man als junger Polizist in eine Situation gerät, in der jemand getötet wird. Trotzdem hat sich ein Polizist bewusst für diesen Beruf entschieden. Das heisst, er muss auf solche Momente gefasst sein.

Man kann bei der Polizei keine Schnupperlehre machen. Die meisten jungen Männer oder Frauen kennen den Polizistenberuf aus dem Fernsehen, einer Dokuserie oder waren im besten Fall an einem Orientierungsabend. Als junger Mensch hat man gewisse Vorstellungen. Aber Bilder an einem Tatort kann man nicht schulen und niemand kann abschätzen, wie gut er tragische Ereignisse wegstecken kann. Es ist ja so, dass Polizisten sich immer sicherer fühlen als der Rest der Welt.

Wie kommen Sie darauf?

Sie tragen eine Waffe, eine schusssichere Weste, sind schneller als alle anderen. Sie leben ein überdurchschnittliches Unverletzlichkeitsgefühl. Und wird dann ein Berufskollege erschossen, realisieren sie, dass auch sie nicht unsterblich sind. Das kann zu einem Trauma führen.

Schaffen Sie es als Polizeipsychologin, einen traumatisierten Polizisten für seinen Beruf wieder motivieren zu können?

Natürlich vergessen die Betroffenen ein einschneidendes Ereignis nie. Aber es kommt nur in wenigen Fällen dazu, dass einer einen anderen Berufsweg einschlägt. Das ist ja nicht mein Ziel. Ich möchte sie bei der Stange halten.

Verlassen wir mal das Thema Ihres Aufgabenbereiches und kommen wir zu Ihrem persönlichen Werdegang. Wie sind Sie Polizeipsychologin geworden?

Ich habe zehn Jahre lang als Polizistin gearbeitet. Dann hat die Basler Polizei die Stelle einer Polizeipsychologin ausgeschrieben, ich habe mich beworben und wurde genommen. Bedingung war, dass ich an einer Fachhochschule in Zürich Psychologie studiere. Diese Auflage finde ich sinnvoll, denn die Psychologie ist den Polizisten fremd. Dabei ist sie wichtig. Die Polizisten sind Seelsorger, müssen allerdings innert Sekunden zum harten Mann werden.

Durch ihre langjährige Arbeit können sie abgestumpft werden.

Polizisten treffen Situationen an, bei denen alle anderen Leute davonrennen würden. Niemand geht freiwillig in ein brennendes Haus oder klingelt an einer Türe, wo drinnen eine Frau um Hilfe ruft. Tut man das als Polizist jahrelang, kann dies zu Abstumpfung führen. Dass es soweit kommt, wollen wir verhindern. Ein Polizist muss Seelsorger, Kinder- und Familienbetreuer sein, sein soziales Empfinden behalten. Ich arbeite aus diesem Grund heute hauptsächlich mit den Kaderleuten zusammen und betreue weniger die einzelnen Menschen. Das Kader muss wissen, wie es an seine Mitarbeiter herantritt und mit ihnen umgeht, sollte ein tragischer Schicksalsschlag passieren und Polizisten psychologisch betreut werden müssen.

Ihre Arbeit ist sicherlich nicht leicht zu verdauen. Wie beschreiben Sie die Herausforderung?

Ich muss mich in grosser Intensität auf die einzelnen Menschen einlassen. Das ist nicht nur eine Belastung, sondern auch ein Gewinn. Zudem muss ich innerhalb weniger Minuten von sensibel auf hart umstellen können. Denn an einem Tatort arbeite ich als Einsatzleiterin und nicht als Psychologin.

Nehmen Sie Ihren Job nach Hause?

Manchmal kann ich in der Tat nicht abschalten. Am schlimmsten sind die Fälle, in denen Kinder Opfer sind. Aber ich habe zum Glück Hobbys, die nichts mit Polizeiarbeit zu tun haben. Als gelernte Maschinenzeichnerin halte ich gerne eine Bohrmaschine in der Hand.