Pop
Schlafwandeln ins Nichts: Début einer Basler One-Man-Show

Das Basler One-Man-Projekt Luna Oku veröffentlicht sein traumhaftes Début «Figment» mitten im partiellen Live-Lockdown.

Stefan Strittmatter
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Frei von Effekthascherei: Alon Ben alias Luna Oku.

Frei von Effekthascherei: Alon Ben alias Luna Oku.

zvg/Basil Schubert

Ein Schlaflied zur Begrüssung, ein schwermütiges dazu: In «Sleep Well» fallen Sterne wie Tränen von Firmament, während eine Falsettstimme die Einsamkeit beklagt. Die Tonalität ist in tiefstem Moll gehalten, das Arrangement bleibt wattiert und vernebelt. Dennoch ist der Song, mit dem Luna Oku ihr Débutalbum «Figment» eröffnen, kein Trauerspiel.

Im Gegenteil: In viereinhalb Minuten platziert sich das One-Man-Projekt des Baslers Alon Ben (bürgerlich: Alon Schmidhauser) mutig am Scheideweg zwischen einladender Pop-Ästhetik und abgeschwächtem Avantgarde-Anspruch. Klanglich bleibt das Lied stets konsumierbar, gängige Strophen-Refrain-Muster zum Festhalten und Navigieren sucht man indes vergebens. So bricht das Lied nach der Drei-Minuten-Marke scheinbar ab, um dann in einer kurzen Coda ein weiteres Kapitel der Gut-Nacht-Geschichte nachzuschieben.

Vieles gefällt hier sehr: Die Stimme, die frei von Pathos oder Effekthascherei die Emotionen des Herzschmerz-Textes transportiert. Die raffiniert platzierten Synthie-Streicher, die wissen, wann sie ganz auszusetzen haben. Die verspielte, fast aufmüpfige Bassline. Das zurückhaltende Schlagzeugspiel des Multi-Instrumentalisten, den man als versierten Drummer aus den Formationen Malummí und Mastergrief kennt.

Knapp am Plagiat vorbeigeschrammt

Einziger Wermutstropfen bei «Sleep Well»: Die elektrische Gitarre, die sich als roter Faden durch das Lied spinnt, ist mehr als eine Verneigung vor Radiohead: Die Akkord-Voicings, das Pickingmuster, ansatzweise das Tempo und gar die Tonlage decken sich mit dem Stück «Weird Fishes/Arpeggi» der britischen Kunstrocker. Hier schrammen Luna Oku haarscharf am partiellen Plagiat vorbei. Entsprechend überrascht die Wahl, das Album ausgerechnet mit diesem Song zu eröffnen, zumal sich bei den folgenden acht Songs auf «Figment» keine ohrenfälligen Entlehnungen ausmachen lassen.

Zwei Jahre hat der 23-Jährige in sein Solo-Début investiert. Wobei die Idee, sich neben seiner Bandtätigkeit – neben den oben genannten Bands war Alon Ben auch bei Gorki Gagarin bis zu deren vorzeitigem Ende tätig – auf Solopfade zu wagen, reift schon länger heran: «Es schlummerte schon immer in mir und ist ein toller Ausgleich zum Dasein als Sideman», sagt er gegenüber der bz. Eigene Songs schreibe er, seit er 14 ist, richtig ernst wurde es mit dem Gewinn der RFV Soundclinic, der dem Projekt den nötigen Antrieb gab.

Zurecht ist Alon Ben stolz auf seinen Erstling, der mit «Love» einen – wenn auch erst spät im Song erklingenden – Ohrwurm mit Charts-Potenzial beheimatet. Ein glückliches Händchen bewies der Basler zudem bei der Zusammenarbeit mit den Produzenten Mario Hänni. Der umtriebige Aargauer ist wie Alon Ben an vielen Instrumenten zuhause. Sein Gespür für feingliedrige und erfrischende Arrangements hat er zuletzt mit seiner Band Mnevis unter Beweis gestellt. Und die Schweizer Pop-Referenz Sophie Hunger bucht ihn gerne für den Job als Schlagzeuger.

Weniger Glück dagegen hatten Luna Oku mit dem Timing ihrer Veröffentlichung. Kaum stand das Album in den Startlöchern, zeichnete sich eine Verschärfung der Coronamassnahmen ab. Mit dem Resultat, dass die von langer Hand geplante CD-Taufe Mitte Dezember im Sommercasino abgesagt werden musste. Das sei ein ziemlicher Schlag gewesen, sagt der Basler Musiker – «vor allem, da in anderen Clubs die Konzerte weiter laufen». Andererseits verstehe er die Notwendigkeit dieser Entscheidung, sie sei «ein verantwortungsvoller Move im Kampf gegen die Eingeschränktheit».

Für die Taufe wäre Alon Ben in grösserer Besetzung (mit Giovanni Vicari, Raphael Scheiwiller und Noé Franklé) parat gewesen: «Die Absage tut vor allem weh, weil wir als Band seit Längerem auf dieses Konzert hingearbeitet hatten.» Alleine im Dezember seien nun sechs Konzerte abgesagt worden. Doch davon lassen sich Luna Oku nicht unterkriegen: Ein paar kleinere Shows hat Alon Ben bereits solo – mit Gitarre, Keyboard und altertümlicher Drummaschine – bestritten. Dass er auch in dieser Form der Stimmung der Songs gerecht werden kann, bewies er etwa in einem kleinen Showcase im Kleinbasler Plattenladen Plattfon.

Und dann gibt es ja auch immer noch das Album. Ein traumhaftes Werk, das mit dem späten Höhepunkt «She Laughs» und dem Titelsong schliesst. Sie lache, um nicht weinen zu müssen, singt Alon Ben hier mit einer fragilen Stimme, die im Zusammenspiel mit dem leicht eiernden Klavier und dem aus der ferne ertönenden Horn klingt wie ein Song des Kammerpop-Grossmeisters Robert Wyatt. Diese Anlehnung – allenfalls eine unbeabsichtigte? – verzeiht man dem jungen Basler weitaus mehr als der anfängliche Radiohead-Fauxpas. Und dann lauscht man dem langsam erkaltenden Herzschlag des Liedes und schlafwandelt zusammen mit Luna Oku ins Nichts.

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