Die Belegschaft einer grossen Autofabrik strömt in die Pause, Menschen feiern ausgelassen den Jahrestag des Kriegsendes von 1945 oder warten in einer Schlange vor einem kleinen Kiosk. Hinter einem verrosteten Bus-Wartehäuschen erheben sich palastartige Plattenbauten, und aneinandergereihte Garagen aus Backstein und Wellblech zeugen von einem bescheidenen privaten Wohlstand.

Neben grossformatigen Farbbildern zeigt die Ausstellung in der ehemaligen Druckerei auch kleinformatige Schwarzweiss-Fotos mit Grossüberbauungen, Fabriken, leeren Strassen, Baustellen, Hafenarealen.

Aus dem Alltagsleben

Die Fotos von Valentin Wyss und die Begleittexte von Luzia Böni bilden den Mittelpunkt der einwöchigen Veranstaltungen über Russlands fünftgrösste Stadt Nizhnij Novgorod, von 1930 bis 1990 zu Ehren des Schriftstellers offiziell als Gorkij bezeichnet. Präsentiert wird in direkter, ungeschminkter Art die heutige Handels- und Industriemetropole mit ihren 1,25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, vier Zugstunden östlich von Moskau gelegen.

Bekannt ist sie für ihre historische Altstadt, ihre prächtige alte Holzarchitektur samt Kreml, aber auch für die modernen Wohnsiedlungen aus der Sowjetzeit. Die besten Autos des Landes sollen hier gebaut worden sein, hiess es.

Es musste nicht unbedingt Moskau oder St. Petersburg sein, hatten sich Valentin Wyss und Luzia Böni, beide Slavistikstudierende an der Universität Basel, gesagt: Sie haben diese wenig bekannte Stadt an der Wolga für ihre Auslandssemester ausgewählt. Die beiden verbrachten fast ein Jahr dort, haben durch Recherchen Vergangenheit und Gegenwart von Nizhnij Novgorod kennen gelernt und sich mit dem Lebensgefühl und Alltagsleben der Bevölkerung vertraut gemacht.

Am Schweizer Zentrum ihrer Universität wurde man auf sie aufmerksam: In einer Galerie konnten sie eine erste Ausstellung über die Stadt Basel realisieren. Später dann lernten die beiden andere Künstlerinnen und Künstler kennen, beispielsweise Leute aus der russischen Street-Art-Szene. Oder – per Zufall in der Metro – den Videokünstler Dimitrij Stepanov, der nun ebenfalls zur Ausstellung in Basel beigetragen hat.

Die unspektakulären, aber eindringlichen Fotos und Texte der Ausstellung beleuchten die Grossmetropole weit abseits des historischen, touristisch erschlossenen Zentrums und der sozialistischen Vorzeigesiedlungen.

«Eine unserer Fragen war: Wie leben die Menschen in einer russischen Grossstadt mit einer solchen wechselvollen Geschichte?», erläutert Valentin Wyss. Etwa mit den Erinnerungen an das alte Zarentum, die stalinistische Sowjetunion, zwei Weltkriege und die «wilden Neunzigerjahre», wie er jene Zeit bezeichnet. Und: «Wie geht es der Bevölkerung hinter den Fassaden der ‹grossen› Politik?»

Mit dem Kleinbus an die Ränder

Mit ihren Arbeiten setzen Valentin Wyss und Luzia Böni bei den Rändern an, den tiefer gelegenen Stadtteilen der «Unteren Neustadt», wie Nizhnij Novgorod wörtlich übersetzt heisst. «Meist sind wir einfach mit Kamera und Notizblock in einem dieser typischen Sammeltaxi-Kleinbusse losgefahren und haben uns zu Fuss einen Stadtteil vorgenommen, den wir noch nicht kannten», sagt Böni.

Obwohl sie dabei vor allem Beobachtende waren, haben sie auch mit Menschen gesprochen – von denen sich manche wunderten, warum man sich überhaupt für sie interessiere. «Wahrnehmungsspaziergänge» nennen die beiden ihre Methode, und mit einer solcher Haltung lässt sich auch durch ihre Ausstellung flanieren.

Ergänzt wird die Ausstellung durch ein einwöchiges Rahmenprogramm mit Filmen, Vorträgen und Gesprächen, an denen unter anderem auch der Rektor und Dozierende der Linguistischen Universität Nizhnij Novgorod teilnehmen.

Ziel sei es, zwei unterschiedliche Welten einander näherzubringen und das gegenseitige Verständnis zu fördern, sagt Nadine Reinert, Co-Leiterin des Philosophicums im Ackermannshof, des Veranstalters der Themenwoche: «Schön wäre es, wenn wir dazu beitragen könnten, dass die Menschen hier und dort direkt miteinander ins Gespräch kommen.»