Da stehen Wohnungen seit Jahren, ja Jahrzehnten leer. In einem Baumgartnerhaus noch dazu, der Basler Garant für einen smarten Grundriss, grosse Terrasse und hohe Fenster. An bester Lage.

Die Drei-Zimmer-Wohnungen fänden Mieter, bevor jemand auch nur «Wohnungsnot» sagen kann. Rasch stellt sich der Verdacht ein, hinter den trüben Fenstern verstecke sich ein raffgieriger Immobilienspekulant, der auf fette Beute wartet.

So dachten wohl auch jene, welche Schmierereien an die Fassade sprühten. Doch der Vorwurf verpufft; vielmehr ist dieses Haus Zeugnis eines menschlichen Schicksals, wie es eben auch Teil der Entwicklung ist im Kampf um Wohnraum in dieser Stadt.

Neuen Mietern aber nicht zumutbar

Das ganze Leben von Ernst Huber* hatte Platz in diesem Haus: im Erdgeschoss sein Geschäft, im ersten Stock die Mutter, im zweiten wohnt er bis heute mit seiner Frau. 1996 starb die Mutter, im hohen Alter. Zu jener Zeit setzte die Stadtflucht ein: In den späten Neunzigern stieg die Leerstandsquote in Basel rapide.

Huber beschränkte sich fortan aufs Wohnen und die Arbeit. Mit Mietern herumschlagen mochte er sich nicht, den grossen Reibach durfte er sich ohnehin nicht ausrechnen. Bis ins hohe Alter arbeitete er, 2008 gab er das Geschäft auf. Den richtigen Zeitpunkt für den Umbau hat Huber dabei verpasst: Das Haus hat in der Zwischenzeit stark gelitten, die Wohnungen sind Mietern nicht zumutbar. Eine umfassende Sanierung tut not.

Huber winkt ab. «Dazu fühle ich mich nicht in der Lage», sagt er, und meint nicht in erster Linie die Finanzen. Maler, Sanitär-, Heizungsmonteure – der ganze Umtrieb würde Huber überfordern.

200'000 Franken müsste er schon in die Hand nehmen, meint er. In Wahrheit dürfte es ein Vielfaches davon sein. Selbst wenn er den Kraftakt wagen würde: Bis Huber die Kosten amortisiert hätte, wäre er längst tot. Im Erdgeschoss sieht es noch heute so aus, wie an jenem Tag, als er seinen Ruhestand angetreten hat.

Selber keine Wohnung gefunden

Plan B lautete, das Haus zu verkaufen. Man könnte den Dachstock ausbauen, die Wohnungen auf Vordermann bringen und dann im Stockwerkeigentum veräussern – so, wie es links und rechts mit den einstigen Mittelstandshäusern geschehen ist. «Ich müsste ja niemandem künden», sagt Huber.

Kein Wunder: Im Winter ist die Wohnung nur warm, weil der ältere Herr für seine Heizung Teile aus den anderen Stockwerken zusammenklaubt. Denn bei Hubers steht noch immer ein Speicherofen. Huber suchte eine Wohnung für sich und seine Frau.

Wieder spielte das Geld nur eine untergeordnete Rolle. «Wohnungen mit bis zu 5000 Franken Miete habe ich angeschaut.» Doch eine Bleibe mit der gleichen Verkehrsanbindung und dem Grün im Hinterhof fand er nicht. «Meiner Frau gefällt der Garten so sehr.»

Vielleicht wäre die Situation ganz anders, hätten Hubers Kinder, die selber auf der Suche nach einer Bleibe sind. Doch das ist nicht der Fall, das alternde Ehepaar ist allein geblieben. «Glauben Sie mir: Ich will niemandem zuleidleben», sagt Huber.

Über die Schmierereien mag er sich nicht mehr gross ärgern. Einmal hat er sich bei der Polizei beklagt, doch gehört habe er nichts mehr. Er habe ja ein gewisses Verständnis für den Unmut über leere Wohnungen in einer Stadt mit knappem Wohnraum. «Aber man muss halt auch die Verhältnisse kennen.»

 

*Name geändert