PREMIERE
Palazzo Colombino goes Moulin Rouge – der erotische Touch der Basler Erlebnisgastronomie provoziert und gefällt

Das beliebte Basler Traditionsvarieté tastet sich auf neues Terrain vor. Dabei bewegt sich das Familienevent in Richtung Erwachsenenunterhaltung.

Tanja Opiasa-Bangerter Jetzt kommentieren
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Hairhanging-Artistin Polina Karvonskaya tanzte im Pariser Moulin Rouge.

Hairhanging-Artistin Polina Karvonskaya tanzte im Pariser Moulin Rouge.

zvg

Eine etablierte Show mit Stammpublikum bewusst erotisch aufzuladen, ist ein Balanceakt – kann aber durchaus funktionieren. Dass dies der diesjährigen 21. Ausgabe des Palazzo Colombino unter der Regie von Moritz Haug gelingt, verdanken die Macher ihrem starken Ensemble und dem Mut zu neu interpretierten Geschlechterrollen.

Einiges bleibt auch gleich – mit wenig Stoff, entblössten Muskeln und dafür umso mehr Publikumsnähe bespielen die Künstler aus sieben Nationen das intime Spiegelzelt auch in diesem Jahr.

Inmitten von Brokat, Seide und Kerzenschein herrscht kurz vor Vorstellungsbeginn am Sonntag eine Hektik, wie man sie nur vor Premieren kennt. Letzte Plätze werden zugewiesen, klirrend zerbricht hinter uns ein Weinglas und das Mikrofon fällt kurz aus. Dann schwebt die ehemalige Moulin-Rouge-Tänzerin Palina Karvouskaya nur an ihrem Haardutt hängend in einem durchsichtigen Einteiler durch die Manege.

Sie tanzte im Pariser Moulin Rouge und liebt die Intimität zum Publikum

Die Weissrussin, die als Headlinerin des Abends gilt, betört durch ihre fliessenden, leichtfüssigen Bewegungen. Sie geniesse es, während ihrer Hairhanging-Nummer in die Gesichter ihres Publikums zu blicken, sagt sie später: «Es ist ein Traum.»

Szenenwechsel – die erste weibliche Conférance-Rolle in der Geschichte des Basler Varietés pikst sich mit einer Rose ins Dekolleté. Einen gespielten Aufschrei später schwebt Marie Claude Chamberland der kanadischen «Bande Artistique» auf den Schultern ihres Bühnenpartners Emily Carey einige Höhenmeter über den Dinierenden.

Die Bande Artistique sorgte für einige Aufreger.

Die Bande Artistique sorgte für einige Aufreger.

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Als unter dem pinken Ballkleid Chamberlands Careys behaarte Beine auftauchen und sich das «Bild von einem Mann», das seiner Angebeteten ohne Wenn und Aber gehorch, im Spitzenhöschen verabschiedet, tauscht der Tischnachbar mit seiner Begleitung verlegene Blicke. Die Komödiantin stöhnt ins Mikrofon und flüstert den von Claudio Stöckl gekochten ersten Gang ins Mikrofon – Butter, Kohlrabi und Lachs.

«Das Basler Publikum ist eines der offensten»

Neben Gaumenkitzel gibt es für die Herren am Tisch die Qual der Wahl – Chamberland zeigt zwei Kleider, die sie im Finale tragen könnte, und fragt auch den Tischnachbarn um Rat. «Dann nehm ich das andere», sagt sie inklusive einer gespielt anzüglichen Berührung. Am Nebentisch wird geschmunzelt: Das sei wohl erst der Anfang.

Die Gäste sollen recht behalten. Von Jonglierbällen im Schritt bis zu Zungenkuss fallen bis zum Ende fast alle Schamgefühle. «Oder Schamhaare?», sagt Comedian Carey, als er den Handschuh seiner Angebeteten beschnuppert.

«Das Basler Publikum ist bisher eines der offensten», sagt Chamberland, die mit dieser Nummer bereits das siebte Jahr durch Europa und die USA tourt und je nach landestypischen Humor mehr oder weniger freizügige Einlagen bringe. Die moderne kanadische Choreografie des Duos sei zwar gewagt und sorge für eine Kontroverse, sagt Colombino-Produzent Thomas Dürr und räumt ein: «Im Grunde ist dieses Spektakuläre aber eben genau, was wir im Varieté brauchen.»

Kling Glöckchen, klingelingeling im Paillettenkleid.

Kling Glöckchen, klingelingeling im Paillettenkleid.

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«Ich wollte bewusst mehr mit Erotik spielen», sagt der Veranstalter: «Auf hohem Niveau», verstehe sich. Der Erlebnisgastronom orientiere sich an verwandten Schweizer Dinnershows, die sich dem Voyeuristischen wesentlich stärker zuwenden. Dass man in diesem Jahr in erster Linie weibliche Artistinnen im Programm hat, habe andere Gründe: «Die russischen Artisten dürfen nicht ausreisen», sagt Dürr.

Schwindelig wird es während der Nummer von Ukrainerin Inna Zobenko nur den Zuschauenden. Die Spinning-Artistin, die sich aus eigener Kraft um sich selbst dreht, hat bereits bei «Das Supertalent» mit ihrer Gabe überrascht. Ungewöhnlich ist auch die Nummer vom amerikanischen Duo Rose, die am Zelthimmel Kontorsion und Trapezkunst miteinander verbinden. «Nichts geht über ein Spiegelzelt», sagt Trapezkünstler Samuel Simon, der seine Partnerin nach der emotionalen Nummer herzt.

Rasant wird der Hauptgang serviert – der traditionelle «Palazzo-Ruf» geht von Tisch zu Tisch. Dazu gibt es eine verführerische Tanzeinlage von den Jess Dancers, die mit pompösem Kopfschmuck und knappem Outfit betören. Er kriege ja fast Angst, scherzt der Tischnachbar, als eine der Tänzerinnen zielstrebig auf ihn zuläuft.

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