Spitex-Kontroverse
Private Spitexbetreiberin wehrt sich: «Wir sind keine Sklaventreiber»

Die private Spitexfirma Runkel wurde von einer ehemaligen 24-Stunden-Betreuerin hart angegriffen: Die Firma zahle einen schlechten Lohn und es gebe kaum Wertschätzung. Nun wehrt sich die Geschäftsführerin Tina Sasse in der bz gegen die Vorwürfe.

Michael Nittnaus
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Tina Sasse: «Ich warne davor, dass man plötzlich gegenüber gelernten Fachkräften in Erklärungsnot gerät.» mn

Tina Sasse: «Ich warne davor, dass man plötzlich gegenüber gelernten Fachkräften in Erklärungsnot gerät.» mn

Die Vorwürfe einer ehemaligen 24-Stunden-Betreuerin aus Polen gegen das private Basler Spitexunternehmen Runkel GmbH vor zwei Wochen waren happig: schlechter Lohn, kaum Freizeit, keine Wertschätzung. «Wir sind doch keine Sklavinnen», sagte Bozena Domanska zur bz. Nun wehrt sich die Geschäftsführerin Tina Sasse. Zwar räumt sie Fehler ein, jedoch sei die Firma nun neu aufgestellt und achte strikt auf korrekte Arbeitsbedingungen. Sasse ist zudem überzeugt, dass ungelernte Betreuerinnen nicht mehr als ausgebildete Fachkräfte anderer Berufe verdienen dürften.

Frau Sasse, vor zwei Wochen kritisierte die Polin Bozena Domanska, die als 24-Stunden-Betreuerin bei der Runkel GmbH gearbeitet hatte, im Interview mit der bz die dortigen Arbeitsbedingungen harsch: schlechter Lohn, kaum Freizeit, keine Wertschätzung. Nutzt Ihre Firma die ungelernten Betreuerinnen aus dem Osten derart aus?

Tina Sasse: Frau Domanska verglich die Arbeitsbedingungen mit Sklaverei. Doch das würde ja sinngemäss bedeuten, dass wir unsere Mitarbeiterinnen ihrer Freiheit berauben, ihnen die Kontrolle über ihr eigenes Leben entziehen und nötigen, für uns zu arbeiten. Ich finde es fragwürdig, diesen Begriff in Zusammenhang mit einem Schweizer Unternehmen zu verwenden. Das ist rufschädigend. Wir sind keine Sklaventreiber.

Doch die Schlichtungsstelle gab Frau Domanska recht und die Runkel GmbH musste 7000 Franken Entschädigung zahlen.

Dieser Fall spielte sich vor meiner Zeit ab. Ich bin erst seit vergangenem September Geschäftsführerin. Ich habe aber die Akten studiert und stelle fest: Es wurden Fehler gemacht – allerdings von allen Seiten. Besonders hinsichtlich der Arbeitsrapporte stelle ich Lücken fest, die hätten vermieden werden können. Auch muss ich davon ausgehen, dass zwischenmenschliche Probleme eine Rolle gespielt haben, die jedoch weder an die Öffentlichkeit gehören noch sachdienlich sind. Vor allem scheint mir wichtig, dass deswegen nicht gleich die ganze Branche der Sklaverei bezichtigt wird.

Unter Ihrer Führung gibt es also keinerlei Probleme mehr?

Keine meiner aktuell vier Betreuerinnen aus Osteuropa hat sich beschwert. Im Gegenteil: Die Medienpräsenz führte zu Unsicherheiten und Ängsten bei Kunden und Mitarbeiterinnen. Ich wurde gefragt, ob sie jetzt um ihre Stelle bangen müssen.

Der Firmenname Runkel wird für Sie zur Hypothek.

Ja, das kann tatsächlich zu einem Problem werden. Wir haben bereits beschlossen, den Namen zu ändern, auch weil wir demnächst unter dem Dach der Solviva AG mit einer Spitex aus Riehen fusionieren. Für einen echten Neustart haben wir auch Anfang Jahr den Geschäftssitz von Binningen nach Basel verlegt.

Was machen Sie konkret besser?

Ich lege sehr grossen Wert auf detaillierte Arbeitsrapporte. Jede Woche visieren die Angestellten, die Kunden und wir die Arbeitszeit der Betreuerinnen. Diese darf acht Stunden pro Tag nicht überschreiten. Kommt es zu Einsätzen während des achtstündigen Bereitschaftsdienstes, muss diese Zeit voll kompensiert werden. Hinzu kommen ein freier Tag pro Woche sowie Nacht- und Wochenendzuschläge.

Wenn man aber im gleichen Haushalt lebt, ist Freizeit kaum klar von Arbeitszeit zu trennen.

Es ist meine Pflicht, das zu kontrollieren. Momentan kümmert sich eine Angestellte mit einem 50- bis 60-Prozent-Pensum um die ganzen Personalangelegenheiten rund um die vier Betreuerinnen. Wir appellieren aber auch an unsere Klienten. Freizeit muss Freizeit sein. Sonst müssen sie Ersatz bestellen.

Frau Domanska erhielt früher 3300 Franken von der Runkel GmbH. Wie viel zahlen Sie heute?

Eine ungelernte Betreuerin, die jeweils für einen Monat bei einem Klienten lebt, erhält brutto 5018 Franken beziehungsweise einen Stundenlohn von 26.15 Franken. Netto – und darauf bezieht sich der von Frau Domanska genannte Lohn – liegen wir nach wie vor bei 3300 Franken im Monat.

Weshalb die massiven Abzüge?

Die Abzüge sind nicht massiv, wenn man bedenkt, dass die Betreuerin volle Kost und Logis geniesst. Dafür ziehen wir lediglich 990 Franken ab. Dazu kommt, dass neben den obligaten Abzügen auch bereits die Steuern voll verrechnet sind. Das heisst, dass unsere Mitarbeiterinnen jeden Monat über 3300 Franken völlig frei verfügen können. Das ist aus meiner Sicht keine Ausbeutung.

Jeden zweiten Monat. Schliesslich reisen die Frauen in diesem Intervall zurück in ihre Heimat, wo sie wiederum nichts verdienen.

Es ist befremdend, zu fordern, für einen Monat bezahlt zu werden, in dem man nicht arbeitet. In der Schweiz gilt: 50 Prozent Arbeit, 50 Prozent Lohn. Sonst wäre es ja eher Entwicklungshilfe für die Länder aus Osteuropa.

Anerkennen Sie denn nicht die besonderen Umstände und Belastungen, die eine 24-Stunden-Betreuung mit sich bringt?

Doch natürlich. Die Betreuerinnen haben meinen vollen Respekt. Ich bin froh, diesen Job nicht machen zu müssen. Und ich weiss, wovon ich spreche, schliesslich habe ich zwölf Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet. Auch verstehe ich, dass es für die Frauen nicht einfach ist, jeweils ihre Heimat zu verlassen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass man die Lohnfrage nicht isoliert betrachten darf.

Inwiefern?

Wenn Sie die 3300 Franken netto inklusive Kost, Logis und Steuern mit anderen Berufsgruppen vergleichen, wird schnell klar, dass eine Erhöhung kaum gerechtfertigt wäre. Eine Fachfrau Gesundheit erhält rund 5500 Franken brutto, kann am Ende des Monats aber kaum 3300 Franken beiseitelegen. Ein Assistenzarzt beginnt bei rund 6500 Franken brutto, hat aber im Arbeitsvertrag oft ein Pensum von über 50 Stunden festgeschrieben. Ich selbst war Linienpilotin bei der Swiss und habe mit gut 5000 Franken brutto angefangen, ohne dass die Lohnkurve danach steil angestiegen ist. Ein gelernter Schreiner kann von solch einem Lohn nur träumen.

Diese Berufe erfordern aber nicht, dass man sein eigenes Leben komplett nach demjenigen eines anderen ausrichtet.

Ich gebe zu, dass wir uns bei der 24-Stunden-Betreuung in einem Graubereich befinden. Doch warne ich
davor, dass durch höhere Löhne bei ungelerntem Personal Erwartungshaltungen generiert werden und man plötzlich gegenüber gelernten Fachkräften in Erklärungsnot gerät.

Da Klienten für eine 24-Stunden-Betreuung oft über 10 000 Franken pro Monat bezahlen, sollten Sie doch noch genug Marge haben.

Das ist eines der grossen Missverständnisse über die Branche der profitorientierten Spitexfirmen. Es ist kein grosses Geschäft und wird es auch nicht werden. Ich glaube, dass viele der neuen Firmen bald wieder vom Markt verschwinden. Wir selbst schreiben nur knapp schwarze Zahlen – auch wegen des extrem hohen Administrativaufwands für den Betreuungsbereich. Ob wird diesen Bereich weiterführen werden, wird die Zukunft zeigen. Unser Kerngeschäft sind die professionelle Krankenpflege und die Hauswirtschaft. Im Moment fühle ich mich jedoch unseren Kunden und auch den Betreuerinnen gegenüber verpflichtet.

Kennen Sie keine schwarzen Schafe?

Um das beurteilen zu können, bin ich erst zu kurz dabei. Die Firmen, die nur auf den Gewinn schauen, haben aber sicherlich nicht das gleiche Verständnis bezüglich der Personalführung – und gerade die ist uns wichtig.

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