Herr Böhm, eine neue Studie der Credit Suisse zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild der Einkaufsstadt Basel: Sie liegt bloss auf Rang 6 der attraktivsten Schweizer Städte. Was läuft schief?

Mathias F. Böhm: Diese aufschlussreiche Studie sagt aus, dass die Innenstädte einen Mehrwert bieten gegenüber Einkaufszentren am Stadtrand. In diesem Bereich sind wir in Basel auf dem richtigen Weg. Was die Gestaltung von Strassenzügen angeht, besteht Nachholbedarf. Das sind aber bekannte Probleme, die teilweise bereits angegangen werden.

Sie weichen aus. Gemäss Studie ist sogar Winterthur attraktiver als Basel.

In Winterthur hat in den letzten Jahren eine starke Entwicklung stattgefunden – dies allerdings von einem tieferen Niveau aus als in Basel. Das Zürcher Oberland ist eine dynamische Wirtschaftsregion, die generell unterschätzt wird.

Reden wir über Basel. Was sind hier die grössten Baustellen?

In Basel konzentrieren wir uns zu stark auf Details und warten lange, bis Probleme angegangen werden. Die angesprochene Gestaltung der Strassenzüge ist ein gutes Beispiel: Einige Strassen in der City laden nicht zum Verweilen ein und weisen störende Elemente auf wie Veloparkings oder Verkehrsschilder. In schmalen Strassen wie der Freien Strasse, der Clarastrasse und Greifengasse zeigt sich das Problem in ganzer Schärfe. Niveauunterschiede wie Trottoirs lassen diese Strassen noch enger erscheinen. Es ist deshalb wichtig, dass diese Strassen entrümpelt werden. Den Trend Richtung verkehrsfreie Innenstadt unterstützen wir.

Wie sollen Freie Strasse, Clarastrasse und Greifengasse besser in die Einkaufsstadt integriert werden?

Unser Ziel, das vom Kanton unterstützt wird, ist klar: Es soll eine Einkaufsstrasse entstehen, die vom Bankenplatz via Marktplatz und Mittlere Brücke bis zum Messeplatz reicht. Die Freie Strasse ist heute wahrnehmungsmässig in zwei Teile gegliedert. Die Trennlinie verläuft bei der Hauptpost. Diese Aufteilung möchten wir aufbrechen. Im Moment bestehen im oberen Teil der Freien Strasse kaum Sitzgelegenheiten. Sie lädt nicht zum Verweilen ein.

Auch bei der Gestaltung der Plätze besteht Verbesserungspotenzial. Wo ist dieses am grössten?

Das hängt vom Thema ab: Geht es darum, die Aufenthaltsqualität zu verbessern? Oder will man einen Platz eventtauglich machen? Ganz sicher müsste der Marktplatz belebt werden. Ein leerer Platz im Herzen der Stadt ist nicht gerade förderlich für das Gefühl der Besucher, sich in einer lebendigen Stadt aufzuhalten.

Unter dem alleinigen Gesichtspunkt Einkaufen ist der Marktplatz alles andere als tot: Viele wichtige Geschäfte sind hier angesiedelt.

Pro Innerstadt versteht sich nicht als reine Shopping-Vereinigung. Wir setzen uns immer stärker dafür ein, dass die Stadt als Ganzes belebt wird. Verfügt die Stadt über ein breites Angebot in Gastronomie, Kultur, Service und Dienstleistungen, dann profitiert davon auch die Einkaufsstadt. Der heutige Besucher will in einer Stadt nicht nur einkaufen. Er will Kollegen treffen, an einem Platz verweilen, in einem Strassencafé etwas trinken und später noch ins Kino. In der Verschmelzung der Angebote muss unser Ansatz liegen – auch am Marktplatz, der nach Ladenschluss leider wenige dieser Qualitäten aufweist.

Was tun, damit der Marktplatz am Abend nicht ausgestorben wirkt?

Vielfalt lässt sich nicht planen im Sinne von: Nach jedem dritten Geschäft muss ein Café kommen. Diese Art von Planung betreiben die Einkaufszentren. In der Innenstadt ist eine Einflussnahme nur beschränkt möglich. Es braucht Eigentümer, die das wollen, es braucht Flächen, die sich eignen und den Kanton, der eine Entwicklung zulässt.

Welche gestalterischen Veränderungen sind am Marktplatz nötig?

Ein Beispiel: Richtung Interdiscount ist eine grosse Fläche mit Velos vollgestellt. Das ist schade. Nötig wären zentrale Abstellplätze. Die Autos werden ja auch nicht wie früher an der Strasse parkiert.

Welche Strassen gefallen Ihnen?

Sehr spannend finde ich Spalenberg und Spalenvorstadt. Auch an der Feldbergstrasse versuchen die Ladeninhaber, neue Konzepte zu installieren. Pioniergeist ist zudem in der Güterstrasse spürbar. Die Einkaufsstadt Basel dehnt sich derzeit räumlich stark aus. Die Zeit, in der man bloss in der Innenstadt einkaufen konnte, ist definitiv vorbei. Nur eine Freie Strasse kann für die Einkaufsstadt Basel nicht interessant sein.

Die Freie Strasse ist immer noch Basels Vorzeigemeile. Wegen der zunehmenden Präsenz internationaler Ketten bröckelt der Charme aber.

Die Internationalisierung ist ein globales Problem, das Sie überall antreffen: in Basel, Lörrach, Berlin, New York. Dagegen ankämpfen lässt sich kaum. Die Internationalisierung birgt gewisse Nachteile, als Signal für den Standort ist sie hingegen positiv: eine internationale Kette käme kaum in die Freie Strasse, wäre sie unattraktiv.

Die Freie Strasse ist ein riesiges Einkaufszentrum mit Passage unter freiem Himmel.

Sagen wir es so: Die Freie Strasse ist eine Weltstadt-Strasse. Es ist wichtig, dass es in Basel eine solche Strasse gibt. Doch gäbe es nur sie, wäre Basel schlicht unattraktiv. Trotz des starken Frankens kommen nach wie vor viele Besucher aus dem nahen Dreiländereck nach Basel, weil die Stadt jene Vielfalt bietet, die sie sonst in der Region nicht finden. Ich möchte diese Vielfalt stärken. Die Freie Strasse ist stark und wird dies bleiben.

Ihr Vorgänger Urs Welten findet, durch die Innenstadt würden zu viele Trams fahren. Einverstanden?

Das Tram ist ein Ur-Basler Produkt. Es bietet einen unglaublich hohen Wert und verfügt auch aus Sicht von Pro Innerstadt über viele positive Eigenschaften. Ebenso klar ist, dass das Netz entflochten werden muss. In gewissen Strassen ist das Tram zu dominant, etwa in der Aeschenvorstadt. Dort ist das Verkehrsaufkommen generell sehr hoch. Ich sehe in der Aeschenvorstadt ein grosses Potenzial für räumliche Verbesserungen.

Reden wir noch über die Organisation Pro Innerstadt. Basel steht immer stärker in Konkurrenz zu anderen Städten. Macht da die heutige Struktur noch Sinn?

Wir haben unsere Strukturen bereits angepasst. Pro Innerstadt wurde als reine Detailhandelsorganisation der Innenstadt gegründet. Die Rosen-Aktionen und die Pro-Innerstadt-Bons waren und sind gute Aktionen. Urs Welten, der Pro Innerstadt bis Ende 2011 präsidierte, hat erkannt, dass die Organisation breiter abgestützt werden muss. Unsere Chance besteht darin, die Stadt als Gesamtes zu betrachten. Pro Innerstadt versteht sich zudem immer stärker als Dienstleister für die Mitglieder. Unser Pro-Innerstadt-Bon, den es seit 1975 gibt, wird noch interessanter, wenn sein Geltungsgebiet erweitert wird.

Sind denn bereits Geschäfte an der Feldbergstrasse Mitglied bei Ihnen?

Wir haben aus allen Stadtteilen Mitglieder, werden die Akquisition künftig aber noch aktiver betreuen. Auf ausländische Besucher würde es komisch wirken, wenn wir ihnen zum Shopping bloss diesen kleinen Kreis um den Barfüsserplatz anpreisen würden. Die Messen Art und Baselworld haben dies längst erkannt: Sie werben mit der Feldbergstrasse als alternative Shoppingmeile.

Weshalb dürfen die Einkaufszentren nicht bei Pro Innerstadt mitmachen? Sie helfen mit, den Standort Basel attraktiver zu gestalten.

Aus einer übergeordneten Sicht haben Sie recht. Für Basel Tourismus oder das Standortmarketing ist es sinnvoll, auch mit den Einkaufszentren zusammenzuarbeiten. Unsere Aufgabe ist eine andere: Die City stärken – nicht die ganze Region Basel inklusive der Einkaufszentren.

Haben die IGs in den Quartieren wirklich Freude an Ihrer Offensive?

Wir sind nicht offensiv, wir sind bloss offener. Zur IG Kleinbasel und zur IG Gundeldingen ist der Kontakt intensiv und gut. Bei meinem Antrittsbesuch bei der IG Kleinbasel wurden kritische Fragen gestellt. Ich habe gesagt: Wir nehmen niemandem etwas weg. Auf das Quartier beschränkte Aktionen werden auch in Zukunft von lokalen IG’s durchgeführt.