Störenfriede

Probleme im Schulzimmer: Basel-Stadt schafft «SOS-Angebot» für Lehrer

Auch auf Primarschulniveau sind die Lehrerinnen und Lehrer heute oft überfordert – seit Jahren steigt die Burn-out-Rate.

Auch auf Primarschulniveau sind die Lehrerinnen und Lehrer heute oft überfordert – seit Jahren steigt die Burn-out-Rate.

Störenfriede sind heute das grösste Problem der Lehrer. Nun schafft Basel-Stadt ein SOS-Angebot.

Viele Basler Lehrer sind am Anschlag. «Störende Kinder sind das grösste Problem in unserem Beruf», sagt Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode (FSS). Es sind nicht die Hochbegabten, es sind nicht die Behinderten oder die Lernschwächsten. Nein, es sind die Kinder, welche die Benimmregeln verletzen, die dreinschwatzen, die Schulmaterial durchs Zimmer werfen oder die ganze Zeit aufs WC rennen.

Das Problem betrifft längst nicht mehr nur die Sekundarschule. «Es beginnt bereits bei den kleinsten Schülern, die nicht bereit sind für die Sozialisation», sagt Héritier. Schüler, die nicht teilen können. Schülerinnen, die nichts aushalten. Schüler, die vom vielen Gamen sozial abgestumpft sind. Héritier sieht die Gründe für die zunehmenden Probleme einerseits in der Einführung der integrativen Volksschule und andererseits in gesellschaftlichen Veränderungen wie der zunehmenden Individualisierung, «samt Wertezerfall in der Erziehung oder digitalen statt persönlichen Betreuungssituationen».

Schulinseln setzen sich durch

Die Leidtragenden sind sowohl die Lehrer als auch die Schüler. Der Schweizerische Dachverband der Lehrer konstatiert seit Jahren einen Zuwachs an Burnouts. Beim Basler Schulpsychologischen Dienst und bei der Schulsozialarbeit ist die Pendenzenliste lang – in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Beratungen stets gestiegen. Die Mitarbeiter kämen nicht nach mit der Bearbeitung der Fälle, sagt Héritier.

Das Erziehungsdepartement (ED) hat die Probleme erkannt. Im jüngsten Schulblatt kündet es ein «SOS-Angebot» an. Die Schulleitungen sollen sich künftig jederzeit per Mail an die Leitung der Schulsozialarbeit und dem Schulpsychologischen Dienst wenden können, woraufhin «innerhalb weniger Tage eine Besprechung stattfindet». Mehr zu diesem SOS-Angebot könne noch nicht gesagt werden, sagt ED-Sprecherin Yvonne Reck. Nur, dass nach einem solchen SOS-Ruf alle Beteiligten innert Kürze die Situation analysieren würden. Geplant ist gemäss Informationen der bz auch eine Aufstockung der Schulsozialarbeit.

Doch nicht nur der Kanton hat Handlungsbedarf erkannt; die Schulleitungen sind von sich aus aktiv geworden. Einige Schulen haben sogenannte «Schulinseln» geschaffen. Zimmer, in die die Schüler sich zurückziehen und austoben können. Dies sei nicht vergleichbar mit dem traditionellen «vor-die-Tür-gestellt-Werden», wie Héritier sagt. «Es ist keine Bestrafung, sondern eher eine Erste-Hilfe-Massnahme.» Eine Möglichkeit, damit die Kinder unter Aufsicht durchatmen könnten. Auch am Inselschulhaus, wo Héritier unterrichtet, ist die Einrichtung einer solchen Schulinsel vorgesehen. Im Wiederholungsfall müssten dann aber weitergehende Schritte erfolgen, schreibt er im jüngsten «Schulblatt».

Offenbar hat, was das Ausmass der Störungen angeht, auch im Erziehungsdepartement ein Umdenken stattgefunden. Noch im vergangenen Jahr standen die Verantwortlichen den Schulinseln skeptisch gegenüber. In einem Artikel der bz über gewalttätige Schüler äusserte sich ED-Sprecherin Valérie Rhein zurückhaltend: «In Einzelfällen kann ein kurzfristiges, temporäres Time-out durchaus notwendig sein. Es ist jedoch nicht in jedem Fall die richtige Massnahme», sagte sie. In der Zwischenzeit haben sich die Schulinseln an mehreren Schulstandorten etabliert, etwa im Theobald-Baerwart-Schulhaus im Kleinbasel oder bei den Primar-Spezialangeboten im Ackermätteli. Weitere Schulen werden dem Beispiel folgen.

Ob SOS-Angebote oder Schulinseln, in einem sind sich die Lehrer einig. Es braucht Massnahmen.

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