Basel
Professorin Christina Stadler: «Aggressive Mädchen leiden und brauchen Hilfe»

Christina Stadler, Professorin für Entwicklungspsychopathologie, erforscht im Rahmen eines EU-Projekts Störungen des Sozialverhaltens bei Mädchen. Der Schwerpunkt in Basel liegt auf einer Interventionsstudie.

Pascale Hofmeier
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Ob offene Aggression wie auf dem Symbolbild oder versteckte Aggressionen – die betroffenen Mädchen leiden häufig unter ihrer Situation.

Ob offene Aggression wie auf dem Symbolbild oder versteckte Aggressionen – die betroffenen Mädchen leiden häufig unter ihrer Situation.

Keystone

Rund ein bis drei Prozent aller Mädchen haben eine Störung des Sozialverhaltens. Diese Mädchen sind nicht nur aggressiv, sondern haben auch andere Schwierigkeiten. Die Folgen sind häufig schwerwiegend: Viele brechen die Schule ab, schaffen den Einstieg ins Arbeitsleben nicht oder werden als Teenager schwanger.

Mit Geldern der EU wird die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik (KJPK) der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel im Rahmen eines internationalen Projekts in den nächsten vier Jahren die Störung bei Mädchen untersuchen. Nicht nur, weil sie bei Mädchen zunimmt, wie Christina Stadler im Interview betont, sondern weil die Mädchen leiden. Stadler ist seit drei Jahren Professorin für Entwicklungspsychopathologie an der KJPK und leitet die Forschungsabteilung sowie die Tagesklinik.

Frau Stadler, warum untersuchen Sie explizit Störungen des Sozialverhaltens bei Mädchen?

Christina Stadler: Bisher wurden fast nur Jungen untersucht. Wir wissen nicht, ob bei Mädchen die gleichen Ursachen von Bedeutung sind wie bei Jungen. Welche Rolle spielt beispielsweise die Pubertät respektive hormonelle Veränderung für den Verlauf? Das wollen wir untersuchen.

Warum lag der Fokus bisher auf den Jungen?

Weil sie häufiger betroffen sind. Und es hat auch mit den wissenschaftlichen Methoden zu tun. Erst in einem gross angelegten Projekt kann man die komplexen Zusammenhänge bei einer genügend grossen Gruppe von Mädchen untersuchen. Die Störung nimmt auch bei den Mädchen zu. Das ist aber nicht der Hauptgrund für die Studie. Viel wichtiger ist zu verstehen, warum Mädchen eine schlechte Impulskontrolle haben.

Was ist anders, wenn Mädchen ein gestörtes Sozialverhalten an den Tag legen?

Mädchen mit einer entsprechenden Diagnose zeigen die gleichen Symptome wie Jungen. Es gibt auch körperliche Aggression bei ihnen, obwohl sie Aggression auch indirekt zeigen. Häufig haben Mädchen aber noch andere Symptome, beispielsweise Ängste oder eine Depression. Wir wissen auch, dass bei Mädchen in der Vorgeschichte traumatische Erfahrungen beispielsweise Vernachlässigung oder Missbrauch fast noch häufiger sind als bei Jungen. Diese frühen negativen Erfahrungen können die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen.

Was sind die Ursachen?

Wir gehen davon aus, dass wie bei den Jungen die Impulskontrolle, die Regulation der Emotionen gestört ist. Natürlich weiss man, dass die Erfahrungen in der Kindheit einen Einfluss haben. Aber es gibt auch biologische Ursachen. Wir wollen die Wechselwirkungen besser verstehen. Darum wird im Rahmen der Studie beispielsweise federführend in England untersucht, wie Emotionen im Gehirn verarbeitet werden oder in Holland der Einfluss der hormonellen Entwicklung bei Mädchen.

Wie entsteht die Störung?

Dazu braucht es immer mehrere Faktoren. Wenn die Zahl der belastenden Faktoren hoch ist, steigt auch die Gefahr für eine psychische Erkrankung. Interessant wird in dem Zusammenhang sein, die Resultate aus den verschiedenen Ländern zu vergleichen. Zum Beispiel sind auch Griechenland, Ungarn und Spanien an dem Forschungsprojekt beteiligt. Wir können also auch untersuchen, wie sich zum Beispiel aktuelle wirtschaftliche Probleme auf die psychische Gesundheit auswirken.

Was machen Sie in Basel?

Bei uns liegt der Schwerpunkt auf einer Interventionsstudie. Wir wollen die Wirksamkeit einer Behandlung überprüfen, die das Umfeld der betroffenen Mädchen miteinbezieht. Wir planen deshalb mit Heimen zusammenzuarbeiten, da Mädchen häufig aufgrund ihrer Problematik fremd platziert werden. Ziel ist es, ihnen zu helfen, die Regulation der Emotionen zu verbessern. Auch wollen wir darüber aufzuklären, warum Mädchen sich aggressiv verhalten und wie man als Betreuungsperson reagieren kann.