Es hat zwar eine Herrentoilette, aber normalerweise dürfen keine Männer in die Wohnung. Für die Jubiläums-Pressekonferenz machte Aliena gestern eine Ausnahme. Aliena ist die Basler Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe. In der Wohnung in der Webergasse berät und informiert sie Prostituierte und bietet ihnen einen Ort des Rückzugs und des Austauschs.

Vielen geht es schlecht

In einem aktuellen Bericht zeichnet Aliena ein eher düsteres Bild des Basler Rotlichtmilieus. Die Sexarbeiterinnen berichten demnach, dass sich deutlich weniger Freier in der Toleranzzone aufhalten, seit das Verkehrskonzept Innenstadt in Kraft ist. Das hat den Konkurrenzkampf verstärkt und die Preise zerfallen lassen. Ausserdem hätten 2015 mehr Frauen sexuelle Gewalt erfahren. Vielen Sexarbeiterinnen sei es gesundheitlich schlecht gegangen, viele seien weder in der Schweiz noch in ihrer Heimat krankenversichert. Vermehrt hatte es Aliena mit Fällen von ungewollten Schwangerschaften und Missbrauch von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu tun.

Dazu kommen die Konsequenzen einer politischen Entscheidung: Die Abschaffung des Cabaret-Tänzerinnen-Statuts hatte negative Folgen für die Tänzerinnen in den Cabarets und Kontaktbars. «Es gibt immer noch Tänzerinnen. Sie arbeiten jetzt aber ohne Bewilligung», sagt Viky Eberhard, die Aliena leitet und seit der Gründung vor 15 Jahren dabei ist.

Schaufensterstrich unerwünscht

Der Preisdruck hat dazu geführt, dass einige Frauen sich den Freiern zu Dumpingpreisen hingeben oder sich darauf einlassen, beim Sex kein Kondom zu verwenden. Über die durchschnittlichen Preise spricht man bei Aliena nicht gerne. Man will die Frauen auf der Strasse nicht noch weiter unter Druck setzen. Eberhard beteuert, dass es auch Sexarbeiterinnen gibt, die gutes Geld verdienten.

Seit das Justiz- und Sicherheitsdepartement die Grenzen der Toleranzzone grün markiert hat, hat sich der Konkurrenzdruck weiter verschärft. Obwohl die Prostituierten auch im Teichgässlein anschaffen dürften, konzentriert sich alles auf die Webergasse. Von einem Schaufensterstrich, wie ihn Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel anfangs Oktober in der bz vorgeschlagen hat, hält Eberhard für keine gute Idee. Sie mahnt: «In Schaufenstern verkämen die Frauen zu reinen Objekten.»

Rund 3000 Prostituierte in Basel

In Basel arbeiten rund 3000 Prostituierte. Laut Eberhard sind das deutlich mehr als in den Anfangszeiten der Beratungsstelle. Dafür bleiben sie meist nur kurz, zwischen zwei Wochen und den gemäss Personenfreizügigkeit erlaubten 90 Tagen. Die kurzen Aufenthalte machen die Arbeit für Aliena schwierig. Kaum hat sich eine Frau in Basel eingelebt, ist sie wieder weg und eine neue steht in der Webergasse. Bei den Behörden anmelden, erklären, wie man AHV-Beiträge bezahlt und die Steuererklärung ausfüllt, Deutschkurse vermitteln. «Das Milieu ist viel schnelllebiger geworden», sagt Eberhards Teamkollegin Tina Kaufmann.

Ein Erholungsraum für die Sexarbeiterinnen

Ein Erholungsraum für die Sexarbeiterinnen

Heute dominieren auf dem Strich nicht mehr Frauen aus Afrika und Thailand, sondern Osteuropäerinnen, vornehmlich Ungarinnen. Viele prostituierten sich hier, weil sie keine andere Möglichkeit sähen, ihre Familien in der Heimat durchzubringen, sagt Kaufmann. «Kürzlich haben wir mit zwei Sexarbeiterinnen aus Ungarn und Rumänien gesprochen. Eine Frau hat fünf Kinder zu Hause, bei der anderen ist die Mutter verschwunden. Sie fühlt sich verantwortlich, die Familie zu ernähren.» Wegen der tiefen Preise ist es für die Prostituierten heute aber nicht mehr so einfach wie früher, in ihrer kurzen Zeit in Basel genügend Geld anzusparen. Eine der ersten Aufgaben von Aliena ist es, den Frauen aufzuzeigen, wie viel sie realistischerweise verdienen können in der Schweiz.

Eberhard blickt zufrieden auf die 15-jährige Geschichte von Aliena zurück: «Angefangen habe ich 2001 mit 50 Stellenprozenten, einem Telefon und einem Computer», sagt sie. Heute sind es diverse Personen, die sich 155 Stellenprozente teilen und die Sexarbeiterinnen in der Wohnung in der Webergasse betreuen und beraten. Eberhard ist zufrieden: «Wir können mit Stolz sagen: Die Gründung von Aliena hat sich gelohnt.»