Demonstrationen

Proteste in den 80er Jahren: Als die Basler Jugend rebellierte

Basler Jugendliche protestieren gegen die polizeiliche Räumung der Alten Stadtgärtnerei.

Basler Jugendliche protestieren gegen die polizeiliche Räumung der Alten Stadtgärtnerei.

In Zürich eskalierten vor 40 Jahren die Proteste – am Rheinknie waren die achtziger Jahre weniger radikal.

Strassenschlachten, brennende Autos, Verletzte auf Seiten der Demonstranten und der Polizei: Vor genau vierzig Jahren nahmen die Jugendunruhen in Zürich bei den so genannten Opernhauskrawallen ihren Anfang. Die aufgeheizte Stimmung an der Limmat wirkt bis heute nach, so zu sehen im kürzlich auf SRF ausgestrahlten, aufsehenerregenden Dokumentarfilm «Spitzel Willy und die Chaoten».

Auch am Rheinknie waren die Achtziger ein unruhiges Jahrzehnt mit einer Jugend, die ihren Bedürfnisse und Wünschen mit hin und wieder aufflammenden Protesten und Besetzungen Ausdruck verlieh. Aber so heftig wie in Zürich fiel dies sehr selten aus. Markus Ritter, Jahrgang 1954, war an diversen Schauplätzen und an diversen Aktionen direkt beteiligt. Im Gespräch mit dieser Zeitung führt der spätere Vordenker im Basler Präsidialdepartement die im Vergleich zu Zürich moderateren Töne und Handlungen darauf zurück, dass im gesellschaftlichen Establishment ein gewisses Verständnis für die protestierenden Jugendlichen geherrscht habe – hier und dort verstärkt durch verwandtschaftliche Beziehungen. Nach der Besetzung der Alten Stadtgärtnerei im St. Johann-Quartier 1986 bildete sich sogar eine Art «Patronatskomitee» aus dem Bildungsbürgertum.

Verschiedene «Kohorten» besetzen das Gelände

Überhaupt, die Alte Stadtgärtnerei. Die Zeit ihrer rund zwei Jahre dauernden Besetzung erweist sich rückblickend auf die Achtziger und Neunziger, aber auch bis in die Gegenwart hinein, als Wendepunkt. Markus Ritter war dort aktiv, oft an der Seite seines Mentors, des Soziologieprofessors Lucius Burckhardt. Dieser hatte der «Stadtzgi»-Bewegung letztlich ihren intellektuellen Ritterschlag gegeben. Für Ritter stellt die Stadtgärtnerei den Kulminationspunkt der jugendlichen Autonomiebestrebungen der damaligen Zeit dar. Insofern nämlich, als erstmals nicht mehr nur ein Haus, sondern auch ein grosses Aussengelände okkupiert worden war, und dies von verschiedenen «Kohorten», wie die einzelnen, nebeneinander existierenden Gruppierungen genannt wurden. Von Punks, von Umweltgruppen, von Autonomen, von Künstlerinnen und Künstlern.

Es sei ein grosser Fehler gewesen, so Ritter rückblickend, eine Volksinitiative zum Erhalt der Alten Stadtgärtnerei zu lancieren. Zwar habe der Eindruck, dass das städtische Bürgertum zu einem Teil hinter den Besetzern stehe, nicht getäuscht: In der Stadt selbst hatte sich eine Mehrheit «Pro Stadtzgi» geformt. Die Gemeinde Riehen jedoch gab den Ausschlag zu einem Nein. Der folgende Polizeieinsatz zur Räumung sei für viele der Aktivisten zur traumatischen Erfahrung geworden. Und es habe sich bestätigt, was schon immer die Befürchtung war: Mit diesem Staat könne man nicht einvernehmlich existieren. Den späteren Weg durch die staatlichen Instanzen, wie ihn zahlreiche Alt-68er beschritten, war nicht Sache der Alten Stadtgärtner. Viele von ihnen, so Markus Ritter, der mit seiner späteren Polit-Karriere die grosse Ausnahme war, hätten sich zurückgezogen, seien ausgewandert, seien Künstler geblieben oder geworden.

Ohne AJZ keine Stadtgärtnerei

Selbstverständlich kam die Alte Stadtgärtnerei nicht einfach aus dem Nichts, schon gar nicht aus heiterem Himmel. Der hatte sich nämlich für viele seit Jahren über dem urbanen Raum verdunkelt: «In den Siebzigern beginnt die Politisierung der Stadt, die Stadt selbst wird zum Politikum», sagt Ritter. In Basel äussert sich dies am Protest gegen das Auto oder gegen den Autobahnbau, am friedlichen Protest gegen «Kaiseraugst», aber auch an der Frage, zu was die ehemalige Basler Kaserne umgewidmet werden soll. «Dies hatte alles Bewegungscharakter», sagt Ritter. Kämpfe um Wohnungsbau und bezahlbaren Wohnraum wurden härter geführt und endeten nicht selten in Besetzungen, zum Beispiel am Unteren Rheinweg oder an der Ryffstrasse.

Daraus wiederum lässt sich die Bewegung für ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ) in den Achtzigern ableiten. Aber eben nur in der Aktion der Besetzung, nicht unbedingt im Sinn einer kohärenten politischen Forderung. Die Politisierung der Stadt in den Siebzigern, so resümiert Markus Ritter, erwies sich für viele als erfolg- und aussichtslos. Die neuen politischen Parteien jener Jahre, die Neue PdA oder auch die POB, zeigten Ermüdungserscheinungen. Der Bewegung der Achtzigerjahre wohnte daher der Wunsch nach einem «Abschnallen» inne, sie zeigte eine klare Distanzierung von Politik und Ideologie. «Das hatte sicher auch ein resignatives Element», sagt Ritter.

«Innenraum-Bewegungen» waren von kurzer Dauer

Diese achtziger Jahre wurden in Basel 1981, also etwas später als in Zürich, eingeläutet mit dem AJZ an der Hochstrasse. Ein erstes AJZ hatte es bereits Anfang der siebziger Jahre am Claragraben gegeben, aber nur für ganz kurze Zeit. Diese «Innenraum-Bewegungen» waren generell nie von langer Dauer. Sie hätten, so Ritter, immer darunter gelitten, dass sie überströmt wurden von Menschen, die Schutz suchten und sich nicht aktiv beteiligten an einer übergeordneten Idee wie gesellschaftlicher Autonomie oder Basisdemokratie. Unter ihnen waren zahlreiche Drogenabhängige. Die AJZ-Aktivisten hätten damals eine Art Zersetzungstaktik der Polizei vermutet: Die «Drögeler» seien bewusst ins AJZ geschickt worden, um die Bewegung zu schwächen. Die Besetzung mit der grössten Aussicht auf Erfolg war in Markus Ritters Augen die des ehemaligen Kinos Union an der Klybeckstrasse anno 1988. Der damalige Direktor der Grundeigentümerin Basler Kantonalbank habe Sympathien für die Aktivisten gehegt, sei jedoch an einer rigoros auf Zerschlagung ausgerichteten Polizei gescheitert.

Aktionen mit Wirkung bis ins heutige Basel

Hätte es die Besetzung der Alten Stadtgärtnerei gegeben ohne die Autonomen Jugendzentren (AJZ)? «Ich glaube nicht», sagt Ritter. Und was ist das Erbe dieser so fern scheinenden Zeit? «Basel ist toleranzverträglicher geworden gegenüber dem Wunsch nach Freiräumen», sagt er. Im Aussenraum haben sich die Möglichkeiten durch den beschleunigten industriellen Wandel erhöht und in der Form der Zwischennutzung hat sich auch im Innenraum eine für Staat wie Aktivisten – ausgeschlossen hier die Autonomen-Fraktion – akzeptable Form gefunden. Unmittelbar nach der «Alten Stadtgärtnerei» war Markus Ritter am Pilot für Basler Zwischennutzungen beteiligt, in der ehemaligen Grossgarage Schlotterbeck. Die Achtzigerjahre haben generell auf die weitere Stadtpolitik gewirkt: Auf die verfassungsmässig garantierte Mitwirkung der Bevölkerung, auf das Projekt der «Werkstadt» oder die Errichtung von Stadtteilsekretariaten.

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Autor

Patrick Marcolli

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