Menschenrechte

Psychisch krank im Basler Gefängnis – Menschenrechtler schlagen Alarm

Das Gefängnis Waaghof an der Inneren Margarethenstrasse steht im Fokus von Menschenrechtsorganisationen: Besonders bei psychisch Kranken Insassen sei die Gefängnisleitung überfordert.

Das Gefängnis Waaghof an der Inneren Margarethenstrasse steht im Fokus von Menschenrechtsorganisationen: Besonders bei psychisch Kranken Insassen sei die Gefängnisleitung überfordert.

Eine 22-jährige Baslerin geht mit dem Sackmesser auf zwei Männer los. Knapp eineinhalb Jahre sitzt sie danach im Waaghof unter extremen Bedingungen wie der Isolationshaft. Sie wird zunehmend krank, letztlich gar paranoid schizophren. Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert.

Hana* schlurft an diesem Septembervormittag in den Gerichtssaal. Grosse Schritte sind nicht mehr möglich. Nicht bei der Bürde, die sie mit sich herumträgt. In ihrem Leben reiht sich ein Schicksalsschlag an den anderen. Ihre Eltern lassen sich scheiden, als sie elf Jahre alt ist. Ihre Mutter schlägt sie. Hana wird von zwei Männern vergewaltigt, da ist sie 16 Jahre alt. Bereits in diesem Alter wird sie depressiv, neigt immer wieder zu Gewaltausbrüchen – vor allem gegenüber ihrer alleinerziehenden Mutter. Aber immerhin kann sie bald auf eigenen Beinen stehen. Als junge Erwachsene zieht sie in der Oetlingerstrasse im Kleinbasel in eine eigene Wohnung.

Doch seit dem 8. Januar 2017 ist nichts mehr, wie es war. Am Anfang steht ein Streit mit zwei indischen Hausbewohnern an der Oetlingerstrasse. Hana fühlt sich bedroht durch die beiden Männer. Seit der Vergewaltigung kann sie ihre Gefühle nicht mehr steuern, wenn sie belästigt wird. Hana holt sich ein Taschenmesser, geht auf einen der beiden Männer los, ehe sie vom anderen zurückgehalten wird.

Zwar wird niemand ernsthaft verletzt. Doch tags darauf kommt die Polizei und Hana wird kurze Zeit später der vorsätzlichen versuchten Tötung verurteilt. Was daraufhin folgt, stürzt sie in die tiefste Krise, die sie je erlebt hat. Knapp eineinhalb Jahre verbringt Hana hinter Gittern. Heute ist sie eine gebrochene Frau. «Wie geht es Ihnen?», will die Gerichtspräsidentin Liselotte Henz wissen. Hana ist seit kurzer Zeit in der Universitären Psychiatrischen Klinik (UPK). Sie sagt, es gehe so. Eigentlich geht es gar nicht. Sie leidet an paranoider Schizophrenie, hat keine Freunde mehr und nur noch Kontakt mir ihrem Vater und ihrer Schwester. Nachrichten auf dem Handy zu schreiben, schafft sie nicht. Sie ist so paralysiert, dass ihre Finger das nicht hinbekommen.

In Hanas Leben hat vieles nicht zusammengepasst. Doch dass sie nun ganz unten angekommen ist, hätte nicht sein müssen. Dieser Meinung sind ihr Anwalt und ihr Vater – und dies lassen auch die medizinischen Gutachten zum Fall Hana vermuten, die der bz vorliegen.

Die Folgen der Isolationshaft: Halluzinationen und Tagträume

Ein halbes Jahr befindet sich Hana nach ihrer Inhaftierung in der Haft im Waaghof. Sie ist ohnehin labil, und ihr Zustand verschlechtert sich hier zunehmend, trinkt plötzlich nichts mehr und wird wegen Dehydrierung im Februar ins Unispital eingeliefert. Kurz darauf kommt sie wieder zurück in den Waaghof. Die Gefängnismitarbeiter sind ratlos. Hana isst Toilettenpapier und versucht, sich zu vergiften. Die Konsequenz: Sie muss in die Isolationszelle, «ins 14», wie die Waaghofangestellten die Zelle nennen. «Unzählige Male» habe Hana in der Überwachungsstation untergebracht werden müssen, heisst es im Beschluss des Basler Strafgerichts, bei dem es um die Anordnung stationärer Massnahmen ging. Die Isolation ist die härteste Form der Gefangenschaft. Man hält sich in einer Einzelzelle mit einer Betonpritsche auf. Kaum Bewegung, kein Licht, keine äusseren Reize und permanente Videoüberwachung.

«Die neue Spezialstation ist ein Meilenstein bei der Betreuung von psychisch Kranken in Gefängnissen.»

Baschi Dürr, Justizdirektor Basel-Stadt:

«Die neue Spezialstation ist ein Meilenstein bei der Betreuung von psychisch Kranken in Gefängnissen.»

Die Menschenrechtsorganisation Humanrights hat jüngst auf das Problem der Sicherheitstrakte in Schweizer Gefängnissen aufmerksam gemacht. «Die wohl gravierendste Problematik im Bereich der Hochsicherheitshaft stellt die Tatsache dar, dass sich die Insassenpopulation in sämtlichen Hochsicherheitsabteilungen beinahe ausschliesslich aus psychisch (teilweise schwer) kranken Inhaftierten zusammensetzt», schrieb die Organisation anfangs September in einer Medienmitteilung.

Über die Auswirkungen totaler Isolation für Menschen ist schon viel geforscht worden. Bereits in den 50er Jahren hatte der kanadische Psychologe Donald Hebb die sogenannte «sensorische Deprivation» untersucht – mit drastischen Massnahmen. Er zahlte Studenten dafür, dass sie tagelang in einem schalldichten Raum auf einem Bett lagen. Sie trugen isolierende Rollen über ihren Händen und Armen und sowie eine Brille, durch die sie kaum etwas sahen. Es war kein leicht verdientes Geld für die Studis. Schon nach kurzer Zeit konnten sie ihre Gedanken nicht mehr steuern. Keiner hielt es mehr als eine Woche aus. Sämtliche Experimente, bei dem Menschen isoliert wurden, führten zum gleichen Fazit. Das Gehirn braucht Nahrung, sonst bereitet es Probleme. Wenn es nicht stimuliert wird, wird es für Halluzinationen und Tagträume anfällig. Selbst gesunde Menschen erfahren «durch den Entzug sämtlicher Umweltreize starke psychische Veränderungen, die in einigen Fällen an die Symptome einer Schizophrenie erinnern», schreibt der Neuropsychologe Erich Kasten etwa in seinem Fachartikel «Wenn das Hirn sich auf einen Trip macht».

«Ein Drittel der Insassen hat psychische Probleme, die Hälfte hat ein Suchtproblem.»

Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt:

«Ein Drittel der Insassen hat psychische Probleme, die Hälfte hat ein Suchtproblem.»

Gutachter sind sich über Hanas Gesundheitszustand nicht einig

Hana musste rund zehnmal in die Isolationshaft, einmal verbrachte sie 63 Tage am Stück in einem Einzelzimmer. Im Verlauf ihres Aufenthalts werden mehrere Gutachten zu ihrem Gesundheitszustand erstellt. Sie dokumentieren eine kontinuierliche Verschlechterung der psychischen Verfassung – aber auch die Überforderung des Basler Justiz- und Massnahmenvollzugs. Mehrere Einrichtungen wie etwa die Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel (UPK) weisen Hana mangels Kapazitäten ab. In der ganzen Schweiz findet sich kein adäquater Platz für sie.

Kommt hinzu, dass die Experten sich über den Gesundheitszustand Hanas nicht einig sind. Anfänglich kommt ein Gutachter der Psychiatrie Baselland zum Schluss, dass sie «weder an einer schizophrenen, affektiven, noch organischen Psychose leidet». Nach einem halben Jahr im Waaghof folgt bei ihrem Aufenthalt in der Berner Anstalt Etoile das nächste Gutachten mit weit drastischerem Inhalt. In der ärztlichen Stellungnahme vom 7. Juni 2018 ist vom Beginn einer Schizophrenie die Rede. Erstmals kehren die Psychiater von der Einschätzung ab, wonach Hana «nur» an einer Persönlichkeitsstörung leide. Im Oktober 2018 folgt ein Gutachten der UPK mit der Erkenntnis, dass Hana psychisch schwer krank sei. Eine sozialpädagogische Behandlung sei bei diesem Störungsbild ungenügend oder ungeeignet, heisst es.

Hana leidet zu diesem Zeitpunkt unter «Depersonalisation, systematisiertem nihilistischen und paranoidem Wahn», wie den Akten zu entnehmen ist. Sie hat immer wieder Vergiftungsideen, pflegt Kontakt zum Teufel und Geistern und hat auch gelegentlich das Gefühl, bereits gestorben zu sein. In einem der vielen Berichte, die sich mit dem Krankheitsverlauf Hanas beschäftigen, wird eine «Zustandsverschlechterung» während ihrer Zeit im Waaghof konstatiert. Noch kurz vor ihrer Tat im Januar 2017 habe dem Hausarzt keine «psychopathologischen» Probleme aufgefallen. Dem medizinischen Dienst im Waaghof aber fiel auf, wie schnell es mit Hana bergab ging. Bereits ab März 2017 sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, Augenkontakt herzustellen, sie sprach nur noch wenig, zusammenhangslos und flüsternd, «was auf schwerwiegende formale Denkstörungen» schliessen lasse. Zudem litt die Insassin bereits nach wenigen Monaten unter akustischen Halluzinationen.

Menschenrechtsorganisation Augenauf übt Kritik

Zwei Jahre ist es nun her, seit Hana mit dem Messer auf zwei Männer losging. Unlängst hätte sie Grund zur Freude haben können. Im Sommer entschied das Kantonsgericht, dass sie von den Vorwürfen der versuchten Tötung freigesprochen wird. Dies mit der Begründung, sie seit zur Tatzeit schuldunfähig gewesen. Es sei unklar, ob sie damals «steuerungsfähig» gewesen sei und die Folgen ihrer Tat habe abschätzen können.

Hana hätte es ohnehin nicht einfach gehabt: Sie hat keinen Schulabschluss, befindet sich in einem «Spannungsfeld zwischen guter Ansprache auf persönliche Zuwendung und Neigung zur Abwertung naher Bezugspersonen andererseits», wie eine Psychiaterin beobachtet hat. Auch mit Drogen kam Hana immer wieder in Berührung – insbesondere mit Benzodiazepinen, also Schmerztabletten. Und Traumata wie die Vergewaltigung hätten sie zeitlebens begleitet.

Wohin ihr Weg ohne die Haft im Waaghof geführt hätte, ist unklar. Nun aber ist sie definitiv in der Sackgasse. Das Appellationsgericht um Präsidentin Liselotte Henz ordnet an, dass sie drei Jahre in einer stationären Therapie bleibt. Die beigeladene Psychiaterin ist der Meinung, dass ein Rückfallrisiko bestehe und dass sie kaum in der Lage wäre, ohne das geschützte Umfeld der Psychiatrie ein Leben in geordneten Bahnen zu führen. Das Verdikt ist für Hanas Vater unverständlich. Er ist der Meinung, dass eine ambulante Therapie genügt hätte, rekurriert nun beim Bundesgericht. In einem Punkt aber gibt er der Psychiaterin recht. Der Aufenthalt im Basler Gefängnis hat entscheidend zum Zustand Hanas beigetragen. Es sei «nicht zu verkennen, dass der Freiheitsentzug von Hana einen belastenden Verlauf nahm und überwiegend in einem Setting abspielte, das ihrer Erkrankung nicht förderlich war», heisst es in deren Gutachten.

Die «Schweiz am Wochenende» hat mit mehreren Anwälten gesprochen, die über die Situation im Waaghof im Bild sind. Allesamt waren der Meinung, dass das Basler Gefängnis nicht ausgerichtet sei für die Betreuung psychisch Kranker. «Man stellt sich vor, die schlimmsten Gefängnisse seien in Russland oder so», sagt ein Anwalt. «Aber eigentlich haben wir einer der härtesten Knaste direkt vor unserer Tür.» Die Organisation Augenauf, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzt, versucht seit dem Suizid eines Waaghof-Insassen im Juni 2018 auf die Probleme aufmerksam zu machen. «Anhand von mehreren Kontaktpersonen stellen wir fest, dass vor allem die medizinische Versorgung, darunter auch die psychiatrische Abklärung, wie auch die nachfolgende Betreuung unbefriedigend sind», schreibt Augenauf.

«Dass Gefängnisse in diesen Fällen eine Einzelhaft anordnen und die Bedürfnisse von Betroffenen nicht spezifisch abklären, kann sich fatal auf eine Einzelperson auswirken.»

Hanas Antrag auf ambulante Therapie wird verworfen

Mit den Recherchen der «Schweiz am Wochenende» konfrontiert, lud der Sicherheitsdirektor Baschi Dürr am Freitag zum Rundgang und zur Besichtigung einer «neuen Station» für psychisch Kranke im Waaghof ein. Zehn Betten stehen hier neu zur Verfügung, fünf Notbetten.

Das Problem sei erkannt. «Ein Drittel der Insassen hat psychische Probleme, die Hälfte hat ein Suchtproblem», sagte Kantonsarzt Thomas Steffen vor den Medien. Fachleute werden in der neuen Station künftig für eine ganzheitliche Versorgung der psychisch kranken Insassen besorgt sein. Justizdirektor Baschi Dürr bezeichnete die neue Spezialstation 6 als «Meilenstein» beim Justizvollzug. Der Regierungsrat habe zudem beschlossen, die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung im Gefängnis zu erhöhen.

Das alles wird Hana nichts mehr bringen. Derzeit ist sie in der geschlossenen Abteilung der UPK untergebracht: Die «Schweiz am Wochenende» hätte gerne mit ihr gesprochen, doch die Ärzte verwehren den Journalisten den Besuch. «In Absprache mit der Direktion der UPK Klinik für Forensik müssen wir Ihr Begehren ablehnen», sagt der Mediensprecher. Die Patientin sei anhaltend schwer krank und könne ihre Interessen nicht wahren. Im Gerichtssaal sagte Hana, sie träume davon, nach Israel auszuwandern, wo ihre Verwandten herkommen, einer Arbeit nachzugehen und Freundschaften pflegen.

Träume, die nach ihrem Gefängnisaufenthalt im Waaghof utopisch erscheinen.

*Name der Redaktion bekannt

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