Vorfasnacht

Puppen, Geister, Fasnachtsspinner: Was für eine Pfyfferli-Premiere 2020

Das Pfyfferli 2020 legt ein hohes Tempo vor. Mit Erfolg, zwei irren Highlights – und erstmals mit bezaubernden Marionetten.

Das war furios. Mit der Ausgabe 2020 hat sich das Pfyfferli im Basler Fauteuil-Theater ein neues Tempo auferlegt: Knackig die Pointen, zuweilen mehr Sketch als Revue, ausreichend Biss, aber ohne zu überbeissen. Und dazu ein Novum: Zum ersten Mal seit sie selbst das Pfyfferli durchführt, räumte Hausherrin und Produzentin Caroline Rasser nach den Strapazen der HD Läppli-Produktion ihren Stammplatz im Ensemble – für eine Marionette. Dafür leiht sie der Puppe ihre Stimme aus dem Off.

Der Kniff mit dem gelben Harlekin, den für einmal das kleine Stoffwesen statt Rasser selbst trägt, schafft eine neue, liebevolle und intime Atmosphäre der Bühnenfasnacht. Sei es im Prolog, wo das freche Geschöpf die Gäste begrüsst und zu den lebendigen Sandsteinfiguren um Kaiser Heinrich auf dem 1000-jährigen Basler Münster begleitet. Oder sei es entlang der Rahmenstücke, die es immer wieder von der Seite her kommentiert: Die Zusammenarbeit mit dem Basler Marionettentheater zahlt sich aus. Besonders, wenn dazu ein auf Miniaturgrösse geschrumpfter HD Soldat Läppli die Bühne betritt. Das sind ganz neue Töne an einer Revue-Veranstaltung, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend der politischen Satire verpflichtet sah – und das Experiment gelingt formidabel.

Jantz gibt die Gerster grandios

Natürlich, der Biss ist nach wie vor da. Hervorragend die Nummer «Primärlistund», das rund achtminütige Solo von Salomé Jantz als Märchentante Trudi Gerster. Vom ersten «Liäbi Mäiteli und Büebeli» hat Jantz nicht nur Dialekt und Intonation, sondern auch den ganzen Saal im Griff.

Das Märchen einer «schüüli», nun, sagen wir mal: betreuungsintensiven Schule im Wald trieft von fiesen Pointen. Da ist etwa der «noch nicht ganz integrierte Buchsbaumzünsler» oder die «hochbegabte Weinbergschnecke», der man immer noch die Schuhe binden muss. Immer schön bös, ohne zur reinen Bösartigkeit zu verkommen und mit der klaren Moral: Wer sich früh in der Schule keine Mühe gibt, schafft es trotzdem aufs Gymnasium. Falls nicht, hilft halt ein «Rekürsli».

Von der Selbsthilfe und geschädigten Fasnächtlern

Ebenso beeindruckend das Selbstbekenntnis eines Vorfasnachtstexters. Mit «Ändstazioon Fasnacht» liefert Bühnenautor Michael Luisier erneut eine schmerzhaft treffende Typologie der Fasnachtsnasen, die das Pfyfferli-Ensemble mit an Brutalität grenzender Treffsicherheit umsetzt.

Das Setting: Eine Selbsthilfegruppe, die sich von der Fasnacht zu therapieren versucht. Die Figuren: Ein Värslibrinzler und Pointendrechsler, der weniger unter seiner plötzlicher Schreibblockade als mehr unter dem darauffolgenden Statusverlust leidet. Ein Star-Tambour, der, einst förmlich zu perkussionistischen Höchstleistungen geprügelt, an einer Morgestraich-Inszenierung mitten im Hochsommer eine erschütternde Epiphanie erfährt. Dazu eine hochneurotische Fasnachtsfunktionärin, ein tragikomischer Seggelmaischter sowie die integrationswütige Kindergärtnerin aus Deutschland.

Ein straffes Regime hält den Abend frisch

So pfiffig sich das Pfyfferli dieses Jahr gibt, so sehr ist es aber auch eine Art Bilderschau: Die Stücke sind in sich geschlossen, das Ablaufregime deutlich straffer als der Rahmen. Das macht den Abend erfrischend kurzweilig und auch ein bisschen kürzer. Insofern fallen ein paar wenige Längen in den insgesamt vierzehn Nummern auch nicht weiter ins Gewicht. Da brilliert derweil der ewige Baselbieter Roland Herrmann urchig als Lieschtlemer Schuudergschichteverzeller, während wir indes über die eher düstere Daig-Persiflage «Zer Gaischterstund im Gryzgang» dann doch lieber das Leichentuch des Schweigens ausbreiten möchten.

Ergänzt durch Fasnachtsmusik, ein warmes Bühnenbild und starke Schnitzelbängg – die Premiere bestritten «dr Heiri» und «dr Spitzbueb» – zeigt sich das Pfyfferli als traditionelles «Bijou der Basler Vorfasnacht» ausserordentlich wandelbar und reaktionsfreudig. Nicht nur, was die Auseinandersetzung mit den Ereignissen des vergangenen Jahres angeht, sondern auch damit, wofür die Vorfasnacht steht und was sie auszeichnet: Nicht die zuckergussartige Poesie, Pfeiferkönige oder grober Klamauk, sondern die Verschmelzung von Gesellschaftspolitik und schamloser Heiterkeit einer Basler Kleinkunstbühne.

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